Hinrichtung von Hans Waldmann in der Silbereisen-Chronik.
Hinrichtung von Hans Waldmann in der Silbereisen-Chronik. Aargauer Kantonsbibliothek

Der Tyrann von Zürich

Wie der junge Blickensdorfer Bauer Hans Waldmann (1435–1489) vom Kriegsheld der Eidgenossenschaft zum verhassten Bürgermeister Zürichs wird.

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Er hat verschiedene Beiträge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.

Die Flammen haben den kleinen Ort Blickensdorf zwischen dem Zuger- und dem Zürichsee verwüstet. Der Boden ist bedeckt mit grotesk verkrümmten Leichen. Nur Tod und Zerstörung haben die Zürcher Streitkräfte von Bürgermeister Rudolf Stüssi zurückgelassen. In dieser Region Europas sind die 1440er-Jahre alles andere als friedlich. Graf Friedrich VII. von Toggenburg ist vier Jahre zuvor gestorben – seitdem tobt der Toggenburger Erbstreit zwischen Zürich und den anderen Eidgenossen. Hans Waldmann ist noch ein Kind, als er die Verwüstung seines Dorfes miterleben muss. Was hat er dabei empfunden? Das Schicksal lässt ihm kaum eine Atempause: 1443 sterben mehrere seiner Verwandten in der Schlacht bei Sankt Jakob vor den Toren Zürichs. Einziger Trost für den kleinen Hans: Auch Rudolf Stüssi lässt sein Leben. Dennoch sind Gewalt und Leid noch nicht vorüber. Im darauffolgenden Jahr kommen den Zürchern die Armagnaken, eine Söldnerbande von Karl VII., zu Hilfe. Der Hundertjährige Krieg gegen England hat sie abgehärtet und so treffen sie in der Region Basel in der Schlacht an der Birs auf die Eidgenossen, schaffen es aber nicht, ihren Verbündeten von der Limmat zur Hilfe zu kommen. Über das Leben des kleinen Jungen aus Blickensdorf in diesen Jahren gibt es keine historischen Aufzeichnungen. Der Krieg unter den Eidgenossen dauert zwei Jahre und endet 1446 mit einer Waffenruhe. 1450 wird die Streitsache durch den Frieden von Einsiedeln beigelegt.
Porträt von Hans Waldmann. Aquarell aus dem 18. Jahrhundert.
Porträt von Hans Waldmann. Aquarell aus dem 18. Jahrhundert. Schweizerisches Nationalmuseum
Der junge Bauer Hans Waldmann bleibt nicht lange auf dem Land. Nach dem Krieg geht er nach Zürich, um dort Gerber zu werden. In der Stadt verbringt er einige friedliche Jahre, baut sich ein Leben auf und erlangt allgemeines Ansehen. Mit 39 Jahren – mittlerweile hat er sich als Zunftmeister der Zunft zum Kämbel etabliert – greift er beim Ausbruch der Burgunderkriege zur Waffe. Er ist Teil des Zürcher Kontingents in der Schlacht bei Mülhausen, bei Waldshut und Héricourt. Seine Autorität, die er in der Stadt als Zunftmeister geniesst, hat auch auf dem Schlachtfeld Bestand. Am 2.  März 1476 ist er es, der das Zürcher Kontingent in Grandson an den Flanken der Berner und Luzerner Bataillone anführt. So erlangt er bemerkenswerte Bekanntheit. Trotz seines niederen sozialen Status vertraut ihm die Stadt St. Gallen ein Mündel an: den jungen adligen Waisen Ulrich von Hohensax. Dieser kämpft an Waldmanns Seite vor Grandson und am darauffolgenden 22. Juni in Murten. Die sich aneinanderreihenden Siege der Schweizer gegen den Herzog von Burgund werfen ihren Abglanz auch auf den Zürcher Kommandanten. Sein Ruf erreicht rasch alle Höfe Europas. Der französische König und der Herzog von Mailand, auf der Suche nach geeigneten Söldnern, möchten ihn in ihren Diensten sehen. Allerdings zieht Hans Waldmann die Politik in der Heimat dem Krieg in der Ferne vor. 1483 wird er Bürgermeister von Zürich. Erinnert er sich noch an Rudolf Stüssi?
Hans Waldmann wird nach der Schlacht von Murten zum Ritter geschlagen. Kupferstich von 1741.
Hans Waldmann wird nach der Schlacht von Murten zum Ritter geschlagen. Kupferstich von 1741. Schweizerisches Nationalmuseum
Als er die Macht erlangt, setzt er seine Vision sofort um und etabliert eine bürgerliche Kaste, die jeden Tag im Rathaus zusammenkommt. Diese neue Ordnung stellt den Klerus unter das Zivilrecht und beschränkt die Vorrechte des Adels. Der autoritäre Waldmann sorgt schnell für gesellschaftliche Disziplin: Er bestraft Exzesse in den Schenken, schränkt die Anzahl Personen bei Hochzeiten ein, verbietet das Bogenschiessen und das Kegeln ausserhalb religiöser Feste und führt Gesetze über das Tragen von Schmuck und Kleidung ein. Er weiss um die Instabilität auf dem Land. Schnell verbietet er Zusammenkünfte von Bauern, denn er befürchtet einen Aufstand. Macht ihn seine Unnachgiebigkeit argwöhnisch? Nachdem der Luzerner Hauptmann Frischhans Theiling, ein früherer Kriegsheld, Waldmann kritisiert hat, lässt dieser ihn 1487 bei dessen Besuch anlässlich der jährlichen Messe in Zürich enthaupten. Diejenigen, die dagegen protestieren, können den Widerstand gegen Waldmann nicht lange aufrechterhalten.
Medaillon von Waldmanns Bürgermeisterkette mit dem Familienwappen.
Medaillon von Waldmanns Bürgermeisterkette mit dem Familienwappen. Schweizerisches Nationalmuseum
Nach der früheren Zuneigung zieht der Bürgermeister nun den Hass der Zürcher und der anderen Eidgenossen auf sich, umso mehr, weil er dank seines früheren Schützlings Ulrich von Hohensax eine enge Beziehung mit Maximilian von Österreich pflegt. Diese politische Haltung steht derjenigen der Eidgenossenschaft entgegen, welche die Habsburger ablehnt. Um die unruhige und undisziplinierte Landbevölkerung zu schwächen, untersagt Waldmann den Bauern 1488 die Jagd. Zur Sicherheit ordnet er die Tötung aller Bauernhofhunde an. Dieser willkürliche Befehl ist ein Affront, denn mit der Jagd stillen die Bauern nicht nur ihren Hunger, sondern sie ist auch ein Recht von wichtiger Symbolik. Die gekränkten Bauern rebellieren. 1500 Männer greifen zu den Waffen. Adlige, verdrängte Patrizierfamilien, Luzerner – Waldmann hat sich immer mehr Feinde geschaffen. Viele von ihnen schliessen sich den Rebellen an und belagern Zürich. Sie versuchen, mit dem Despoten zu verhandeln, aber der hochmütige Waldmann hält seine Versprechen nicht. Der Krieg beginnt erneut.
Auf Waldmanns Befehl werden alle Bauernhofhunde getötet.
Auf Waldmanns Befehl werden alle Bauernhofhunde getötet. Korporation Luzern
Im Schutz der Stadtmauern glaubt der Bürgermeister sich in Sicherheit und ahnt nichts vom Komplott, das im Verborgenen geschmiedet wird. Als er die Gesandten der Eidgenossenschaft empfängt, bricht der Aufstand los. Die Menschenmenge hält Waldmann und seine Getreuen auf und der Schultheiss von Luzern nimmt sie vor dem Rathaus fest. Sie werden mit dem Schiff zum Wellenbergturm gebracht und dort eingesperrt. Dort foltern die Eidgenossen Waldmann, um schnell Beweise für seine Komplizenschaft mit den Österreichern zu bekommen. Das Urteil fällt: Dem Mann, der sich als Herr von Zürich gegeben hat, wird dasselbe Schicksal zuteil wie Frischhans Theiling. Um die Angelegenheit schnell zu beenden, ordnen die Richter am 6. April 1489 seine sofortige Hinrichtung an. Mit Fässern wird ein Schafott improvisiert. Nachdem er, so erzählt man sich, Gott für seine Heimat angerufen hat, wird das Kind Blickensdorfs, das seine Gesetze denjenigen aufgezwungen hat, die einst seine Familie massakriert haben, mit dem Schwert enthauptet.
Die Verhaftung von Bürgermeister Hans Waldmann. Historische Postkarte von 1893 (Ausschnitt).
Die Verhaftung von Bürgermeister Hans Waldmann. Historische Postkarte von 1893 (Ausschnitt). Schweizerisches Nationalmuseum
Waldmann, an einen Stein im Wellenbergturm gekettet, vernimmt sein Todesurteil von einem Mönch. Kupferstich von 1815.
Waldmann, an einen Stein im Wellenbergturm gekettet, vernimmt sein Todesurteil von einem Mönch. Kupferstich von 1815. Schweizerisches Nationalmuseum
Hinrichtung von Hans Waldmann in der Luzerner Chronik von Diebold Schilling, 1513.
Hinrichtung von Hans Waldmann in der Luzerner Chronik von Diebold Schilling, 1513. Korporation Luzern

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.
Die Schweizer: Hans Waldmann und Niklaus von Flüe SRF

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