Suzanne Curchod, gemalt von Jean-Etienne Liotard (1702-1789), 1761.
Suzanne Curchod, gemalt von Jean-Etienne Liotard (1702-1789), 1761. Wikimedia

Die schöne Curchod

Wie Suzanne Necker, geborene Curchod (1737–1794) – Mutter von Madame de Staël und bekannt für ihre Schönheit – aus Angst zu früh begraben zu werden den Umgang mit ihrem Leichnam minuziös plante.

Frédéric Rossi

Frédéric Rossi

Historiker, Verlagsleiter Infolio

Als Ehefrau des illustren Jacques Necker, Finanzminister von Louis XVI., und Mutter der berühmten Schriftstellerin Germaine de Staël ist es für Suzanne Necker nicht ganz einfach, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben. Am 2. Juni 1737 kam sie als Tochter des Pfarrers Curchod im Pfarrhaus von Crassier im Kanton Waadt zur Welt und genoss eine sehr gepflegte Erziehung. Ausserdem war sie mit göttlicher Schönheit gesegnet. Der Vicomte von Haussonville, einer ihrer Nachfahren, sagte über sie: «Diese schöne Pflanze vom Dorf blieb im Garten eines ländlichen Pfarrhauses nicht lange unentdeckt und zog Blicke auf sich. In diesem kleinen Land, wo sich alle kannten und nichts vor Auge und Ohr verborgen bleibt, sprach sich rasch herum, dass die Pfarrerstochter von Crassier eine vollendete Person sei, die nicht nur jede Zierde ihres Geschlechts, sondern auch die starken Vorzüge des anderen in sich vereinte.» Tatsächlich mangelte es nicht an Bewerbern und Verehrern. In der Lausanner Gesellschaft hörte man jedes Mal, wenn sie in die Öffentlichkeit trat: «Hier kommt die schöne Curchod!». Für die Schöne selbst war zu jener Zeit Edward Gibbon das Objekt der Begierde, ein junger britischer Historiker, der nach Lausanne geschickt worden war, um seine protestantische Ausbildung zu vollenden. Als beide 20 Jahre alt sind, wird die Hochzeit angekündigt. Gibbons Vater, der seinen Sohn nach England zurückrief, und das Zögern von Mademoiselle Curchod setzten dem Vorhaben jedoch ein frühzeitiges Ende. Um sich nach dem Tod ihrer Eltern über Wasser zu halten, musste sich die junge Frau hart als Gouvernante für Kinder aus reichen Familien arbeiten. In Genf lernte sie Madame de Vermenoux kennen, eine bekümmerte junge Witwe, die gerade den berühmten Doktor Tronchin am Genfersee aufgesucht hatte. Madame de Vermenoux war so von Suzannes Umgang überzeugt, dass sie sie sogleich nach Paris mitnahm. Das war im Frühling 1764.
Suzanne Necker in einem weissen Satinkleid.
Suzanne Necker in einem weissen Satinkleid. Wikimedia
Edward Gibbon (1737-1794), gemalt von Henry Walton, um 1773.
Edward Gibbon (1737-1794), gemalt von Henry Walton, um 1773. National Portrait Gallery
Noch vor Ende jenes Jahres wurde die Heirat von Suzanne Curchod mit Jacques Necker, einem reichen Genfer Bankier, der sich in Paris niedergelassen hatte, gefeiert. Darüber war Madame de Vermenoux sehr unglücklich. So soll sie sich in die Arme ihrer Schutzbefohlenen geworfen und gerufen haben: «Sie werden sich gemeinsam so sehr langweilen, dass alleine das zu Ihrer Beschäftigung werden wird!»
Porträt von Jacques Necker (1732-1804), um 1789.
Porträt von Jacques Necker (1732-1804), um 1789. Bibliothèque national de France
«Madame de Vermenoux huldigt Apollo», Gemälde von Jean Etienne Liotard, 1764.
«Madame de Vermenoux huldigt Apollo», Gemälde von Jean Etienne Liotard, 1764. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Doch es stellte sich keine Langeweile ein und gestärkt durch das Glück ihrer Ehe machte sich Madame Necker auf, Paris zu erobern. Sie eröffnete einen «Salon littéraire». Zunächst nur am Freitag, um den Betrieb anderer Pariser Salons wie diejenigen der Mesdames du Deffand, d'Épinay oder Geoffrin nicht zu stören, später auch am Dienstag. Bald traf man dort auf Marmontel, Abbé Raynal, Abbé Morellet, Buffon, Diderot und d’Alembert. Ihre Tochter, Anne Louise Germaine Necker, zukünftige Madame de Staël, verkehrte dort schon in frühesten Kindertagen.
Dieses Gemälde von Anicet Charles Gabriel Lemonnier (1743–1824) zeigt eine Szene im literarischen Salon von Madame Geoffrin (sitzend rechts, dem Betrachter zugewendet). Lekain, ein Schauspieler (in der Mitte in rot gekleidet), liest Voltaires Tragödie «L'Orphelin de la Chine». Der Autor selber ist in Form einer Büste anwesend.
Dieses Gemälde von Anicet Charles Gabriel Lemonnier (1743–1824) zeigt eine Szene im literarischen Salon von Madame Geoffrin (sitzend rechts, dem Betrachter zugewendet). Lekain, ein Schauspieler (in der Mitte in rot gekleidet), liest Voltaires Tragödie «L'Orphelin de la Chine». Der Autor selber ist in Form einer Büste anwesend. Wikimedia
1776 wurde Jacques Necker Direktor der Schatzkammer und dann Finanzminister von Louis XVI. Seine strahlende Ehefrau widmete sich der Wohltätigkeit und gründete mit persönlicher Unterstützung des Königs das Wohltätigkeits-Hospiz der Pfarrbezirke Saint-Sulpice und Gros Caillou, das 1802 zum Hôpital Necker wurde. Auf Drängen von Madame Necker bot dieses Hospiz jeder und jedem Kranken ein eigenes Bett, 60 für Frauen, 60 für Männer – im Gegensatz zu anderen Einrichtungen, wo es vorkam, dass fünf oder sechs sich ein Bett teilen mussten. Das Auf und Ab von Verweisen und Rückrufen, Gnade und Ungnade bei der Arbeit von Minister Necker hatte kaum Einfluss auf das traute Paar und schmälerte auch nicht die Hingabe der Ehefrau für ihren Mann. Jedoch mussten die Beiden nach seinem endgültigen Rücktritt am 3. September 1790 fliehen. Nachdem die Pariser Bevölkerung ihn so sehr unterstützt und vergöttert hatte, wollte sie ihm in der Hitze der revolutionären Spannungen an den Kragen. Die Familie Necker zog sich in die Schweiz auf ihr Schloss in Coppet zurück. Dort lebte Suzanne Necker nicht einmal vier Jahre lang. Abgesehen von Gibbon, ihrem früheren Liebhaber, besuchte sie kaum jemand. Die hochwohlgeborenen Franzosen, die sich in Paris um sie gedrängt hatten, waren wenig geneigt, nach Coppet zu reisen, um dort eine Familie zu besuchen, die Frankreich in Schande verlassen hatte.
Schloss Coppet, Wohnsitz und Grabstätte von Suzanne Necker, ihrem Mann und ihrer Tochter, um 1920.
Schloss Coppet, Wohnsitz und Grabstätte von Suzanne Necker, ihrem Mann und ihrer Tochter, um 1920. ETH-Bibliothek Zürich

Madames streng geplantes Leben nach dem Tod

Am 15. Mai 1794 starb Suzanne im Alter von 57 Jahren. Ihre Beerdigung war dank den zahlreichen Testamenten, die sie über Jahre hinweg erstellt hatte, bis ins kleinste Detail geregelt. Schon seit Beginn ihrer Ehe dachte sie über ihren Tod nach, denn sie fürchtete, vorschnell begraben zu werden. Sie hinterliess ihrem Mann auch sehr genaue Anweisungen, in denen die Behandlung ihrer Leiche minutiös beschrieben war und die ausserdem Baupläne für ihre Grabstätte beinhalteten. Zunächst musste man über mehrere Tage mit allen Mitteln sicherstellen, dass sie tatsächlich tot war: In Anwesenheit zweier Ärzte sollten Abriebe mit Essig und kochendem Wasser, die Einblasung von Ammoniak-Gemischen sowie Einschnitte und Verbrennungen mit heissem Eisen erfolgen. Während des Baus des Grabmals wurde ihre Leiche in einem bleiernen Sarg im Zimmer ihres Mannes aufbewahrt. So wurde Suzanne Necker erst am 8. September, fast vier Monate nach ihrem Ableben, in ihrer Grabstätte beigesetzt. Doch das war noch nicht alles: Sie hatte auch vorgeschrieben, ihre einbalsamierte Leiche müsse in ein mit Weingeist gefülltes Becken aus schwarzem Marmor gelegt werden. So wurde sie perfekt konserviert und ihr Mann konnte sie betrachten. Ein Grabhüter war damit betraut, die Flüssigkeit zu erneuern und jeden Donnerstag einen der handgeschriebenen Briefe, die die Verstorbene zuvor an grosser Zahl für ihren Ehemann geschrieben hatte, dort zu deponieren. Das Becken war ausserdem genug gross, um auch Jacques Necker nach seinem Tod aufzunehmen. Er starb am 9. April 1804 und wurde dem Wunsch seiner Frau gemäss ebenfalls einbalsamiert und im selben Becken bestattet, wo ihre Leichen mit Weingeist übergossen wurden. Zuvor wurden sie mit dem Schlafrock der Madame umwickelt, den Jacques die letzten zehn Jahre lang unter seinem Kopfkissen bewahrt hatte. Die Türe des Mausoleums im hinteren Teil des Schlossgartens in Coppet wurde anschliessend für immer zugemauert. Einzige Ausnahme bildete der Einlass des Sargs ihrer berühmten Tochter, Madame de Staël, die 1817 starb.
Die Schriftstellerin Germaine de Staël (1766-1817), Tochter von Suzanne und Jacques Necker.
Die Schriftstellerin Germaine de Staël (1766-1817), Tochter von Suzanne und Jacques Necker. Château de Versailles

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.