Sankt Petersburg um 1753.
Sankt Petersburg um 1753. Wikimedia

Baumeis­ter der Zarenhauptstadt

Wie der Tessiner Maurermeister Domenico Trezzini (~1670–1734) im russischen Sankt Petersburg zahlreiche Bauten errichtet hat, die bis heute Bestand haben.

Frédéric Rossi

Frédéric Rossi

Historiker, Verlagsleiter Infolio

Domenico Trezzini stammt aus dem Malcantone, dem Land der Kastanien, ist aber wie viele seiner Landsleute nicht lange dortgeblieben. Um 1670 kommt er in Astano im Kanton Tessin zur Welt, nur einen Steinwurf vom Mailänder Herrschaftsgebiet entfernt. Über seine jungen Jahre ist kaum etwas bekannt, ausser dass er den Beruf des Architekten in Italien erlernt hat. Damit er am 30. Januar 1698 seine Verlobte Giovanna Vescio heiraten kann, stellt ihm der Bischof von Como eine Bestätigung seiner Ehelosigkeit aus, weil er so lange im Ausland gelebt hat. Kurz danach bricht er nach Kopenhagen auf, wo er in den Dienst des dänischen Königs tritt. Dort bleibt er vier Jahre. In Kopenhagen lernt er auch Andrej Petrowitsch Ismailow kennen, den Gesandten Peters des Grossen, Zar von Russland. Letzterer hat auf dem von Schweden gewonnenen Territorium gerade Sankt Petersburg gegründet. Er will es zu seiner Hauptstadt machen und benötigt dringend Architekten, Ingenieure und Handwerker.
Statue zu Ehren Domenico Trezzinis auf dem Trezzini-Platz in Sankt Petersburg.
Statue zu Ehren Domenico Trezzinis auf dem Trezzini-Platz in Sankt Petersburg. Wikimedia / Nadezhda Pivovarova
Am 1. April 1703 unterschreibt Trezzini einen Vertrag, mit dem er als Maurermeister für Gebäude und Festigungsanlagen in den Dienst des Zaren tritt. Einige Monate später trifft er nach einer langen Reise um Skandinavien im Hafen von Archangelsk ein. Moskau erreicht er am 22. August mit rund einem Dutzend Mitarbeiter, einige wie er aus dem Tessin. Nach der Überwinterung in Moskau kommt Trezzini Ende Februar 1704 nach Sankt Petersburg. Noch existiert die Stadt nicht wirklich. Die wenigen vorhandenen Gebäude bestehen aus Erde und Holz, so auch die Peter-und-Paul-Festung. Die Arbeitsbedingungen in der sumpfigen Region sind schrecklich. Es fehlt an Werkzeugen, Tausende der zahlreichen aber unerfahrenen Arbeiter fallen Krankheiten und Seuchen zum Opfer. Friedrich Christian Weber, ein Diplomat im Dienste des Kurfürstentums Hannover, beschreibt die Arbeitsbedingungen in den ersten Monaten nach der Gründung der Stadt wie folgt:

Man hatte nicht dafür gesorgt, dass die nötigen Instru­men­te wie Hacken, Schaufeln, Schubkar­ren und andere ähnliche Werkzeuge vorhanden waren und es mangelte sogar an Häusern oder Hütten für alle. Ausserdem mussten die armen Arbeiter die Erde aus weiter Entfer­nung herbei­schaf­fen, und das meistens in den Frackschös­sen ihrer Kluft und in schlech­ten Säcken aus Lumpen und alten Matten. In diesem Land war der Gebrauch von Schubkar­ren noch nicht üblich.

Christian Weber, Diplomat in Sankt Petersburg
Trezzini erhält als einer der zuerst angekommenen Maurermeister den Auftrag, einen Festungsturm aus Holz auf der Insel Kotlin und danach eines der Tore der Stadt Narwa zu bauen. 1706 übernimmt er die Leitung der Arbeiten zur Neuerbauung der Peter-und-Paul-Festung aus Stein. Das Baumaterial Stein ist so knapp, dass der Zar einige Jahre später dessen Gebrauch überall in Russland, ausser in Sankt Petersburg, verbietet. Im Laufe der Zeit kann sich Trezzini in der Funktion als leitender Architekt behaupten, auch als besser ausgebildete Architekten aus dem Ausland herbeiströmen. Aufgrund seiner Anwesenheit von Beginn an sowie seiner aussergewöhnlichen Fähigkeit, eine Baustelle zu leiten, geniesst Trezzini das Vertrauen des Zaren bis an das Ende seines Lebens.
Entwurf von Domenico Trezzini einer typischen Fassade eines zweistöckigen Hauses entlang des Newa-Damms, um 1717.
Entwurf von Domenico Trezzini einer typischen Fassade eines zweistöckigen Hauses entlang des Newa-Damms, um 1717. The State Hermitage Museum
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Entwurf von Domenico Trezzini einer Kirche für das Preobraschenski Leib-Garderegiment, um 1730.
Entwurf von Domenico Trezzini einer Kirche für das Preobraschenski Leib-Garderegiment, um 1730. The State Hermitage Museum
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Dutzende Bauten, privat wie öffentlich, entstehen unter seiner Federführung. Heute sind davon nicht mehr viele übrig, da die meisten Gebäude aus Holz und Erde bestanden oder durch andere ersetzt worden sind. Dennoch bestehen einige heute noch, wie etwa der Sommer-Palais, die Peter-und-Paul-Kathedrale, ein Tor der Festung, das Alexander-Newski-Kloster und die zwölf Kollegien, die später zur Universität wurden.
Sommer-Palais Peters des Grossen, errichtet von 1710 bis 1714.
Sommer-Palais Peters des Grossen, errichtet von 1710 bis 1714. Wikimedia / Florstein
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Peter-und-Paul-Kathedrale, errichtet 1712 bis 1733.
Peter-und-Paul-Kathedrale, errichtet 1712 bis 1733. Wikimedia / GAlexandrova
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Das Alexander-Newski-Kloster, errichtet 1715 bis 1722.
Das Alexander-Newski-Kloster, errichtet 1715 bis 1722. Wikimedia / GAlexandrova
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Haus der zwölf Kollegien.
Haus der zwölf Kollegien. © A.Savin, WikiCommons
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Nach dem Tod Peter des Grossen 1725 und seiner Frau 1727 sowie seines Sohnes Peter II. 1730 wird Trezzini nach Moskau berufen. Bald schon setzt er aber sein Werk in Sankt Petersburg fort, wo er am 19. Februar 1734 stirbt. Viele Tessiner sind den Spuren des Maurermeisters aus dem Malcantone nach Russland gefolgt. Er ist, wenn nicht der erste, dann ganz bestimmt der symbolträchtigste von ihnen gewesen – zum grössten Vergnügen der Zaren.

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Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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