Amerikanischer Major und Schweizer Bundesrat: Emil Frey.
Amerikanischer Major und Schweizer Bundesrat: Emil Frey. Illustration von Marco Heer.

Doppel­bür­ger im Bundesrat

Als Major kämpfte Emil Frey im amerikanischen Bürgerkrieg. 1890 wurde er Bundesrat. Seine Doppelbürgerschaft störte niemanden.

Pascale Meyer

Pascale Meyer

Historikerin und Kuratorin am Schweizerischen Nationalmuseum

Emil Frey wird 1838 in Arlesheim (BL) in eine wohlhabende Familie geboren. Zeitlebens ist er stolz auf die vornehme Herkunft sowie auf die militärischen Erfolge seiner Vorväter. Doch seine Schulleistungen lassen zu wünschen übrig, zu renitent und aufmüpfig ist der junge Frey.  Ein Agrarstudium in Jena bricht er ohne Abschluss ab und kehrt in die Heimat zurück. Dort hält es ihn jedoch nicht lange. Der 22-Jährige entschliesst sich, in die USA auszuwandern, um dort Farmwirtschaft zu studieren. Doch schon bald bricht der Bürgerkrieg aus, ein blutiger und grausamer Konflikt zwischen den Konföderierten, den Südstaaten, und den Nordstaaten Amerikas. Es geht um die Abschaffung der Sklaverei. Fasziniert vom republikanischen Gedankengut und aber auch von der Aussicht «eines frisch, fröhlichen Krieges» entschliesst Frey sich, auf der Seite der Nordstaatenarmee für die Abschaffung der Sklaverei gegen die Südstaaten zu kämpfen. Er schliesst sich dem Regiment des Deutschen Oberst Friedrich Heckers an. Dieser ist kein Unbekannter, der badische Revolutionsführer zog 1848 mit seinem Revolutionsheer gegen Karlsruhe, um die Regierung zu stürzen. Nach seiner schweren Niederlage verlässt er Deutschland und findet seine neue Berufung als Freiheitskämpfer in den USA. Seinem Heer, in dem zahlreiche Deutsche und Schweizer Soldaten kämpfen, schliesst sich auch Emil Frey an.
Porträt von Emil Frey, 1860er-Jahre.
Porträt von Emil Frey, aufgenommen zwischen 1861 und 1865. Wikimedia

Kriegs­ge­fan­gen­schaft in Richmond

Befördert zum Major, wird Frey 1863 in der grössten und verlustreichsten Schlacht von Gettysburg gefangen genommen. Die nächsten eineinhalb Jahre verbringt er in Kriegsgefangenschaft im berüchtigten Kriegsgefängnis von Libby in Richmond – eine schlimme Zeit unter unmenschlichen Bedingungen, wie er sie in seinen Briefen schildert. Nach seiner Freilassung und kurz vor seiner Rückkehr in die Schweiz erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Voller Stolz leistet der Baselbieter den Eid. Er ist nun Doppelbürger. Zurück in der alten Heimat startet Frey eine beispiellose politische Karriere: zuerst Landschreiber in seinem Heimatkanton Basel-Landschaft, ab 1866 im Regierungsrat, wo er seinem Ruf als Reformer gerecht wird und beispielsweise ein fortschrittliches Fabrikgesetz durchsetzen kann. Sechs Jahre später tritt er zurück, um Redaktor und Mitbesitzer der «Basler Nachrichten» zu werden. Doch schon bald stachelt die anstehende Totalrevision der Bundesverfassung Emil Freys politischen Ehrgeiz wieder an, und er wird als Radikaler in den Nationalrat gewählt. Mehrmals bewirbt er sich um einen Bundesratssitz, doch noch will es nicht klappen. Er ist enttäuscht und verlässt die Schweiz erneut. Die nächsten sechs Jahre verbringt er als Gesandter der Schweiz in Washington. Nach seiner Rückkehr ist er wieder für die «Basler Nachrichten» tätig. Doch es zieht ihn erneut zurück in die Politik und 1890 zieht er wieder in den Nationalrat ein. Und endlich erreicht Emil Frey sein Ziel: Er wird Ende des gleichen Jahres zum Bundesrat gewählt – seine Doppelbürgerschaft stellt kein Hindernis dar.
Das Gefängnis Libby in Richmond, 1891.
Das Gefängnis Libby in Richmond, 1891. Wikimedia

Doppel­bür­ger­schaft störte nicht

Seiner Neigung entsprechend – er selbst ist Oberst in der Schweizer Armee – wird er Vorsteher des Militärdepartements. Frey arbeitet tatkräftig, aber nicht immer erfolgreich, an einer Stärkung der Armee und lässt etwa die Gotthardfestung ausbauen. Nach seinem Rücktritt 1897 wird der Doppelbürger für beinahe 25 Jahre Direktor des Büros der Internationalen Telegraphen-Union in Bern und die Schweiz profitiert von seinen wichtigen internationalen Kontakten. 1922 verstirbt der charismatische Politiker, dessen politisches Wirken – er gilt als einer der Wegbereiter des Wohlfahrtsstaats – und seine aussergewöhnlichen internationalen Beziehungen für die damalige Zeit bemerkenswert waren. Dass Emil Frey Doppelbürger war und in einer fremden Armee gekämpft hat, störte damals niemanden. Bis heute gibt es keine Vorschrift, die eine Doppelbürgerschaft verbieten würde – allerdings wird dies nicht gerne gesehen. Aus diesem Grund hat Bundesrat Ignazio Cassis bereits vor der Wahl auf seine italienische Staatsbürgerschaft verzichtet. Emil Frey hingegen ist zeitlebens auch amerikanischer Staatsbürger geblieben.
Porträt von Bundesrat Emil Frey.
Porträt von Bundesrat Emil Frey. Museumsverbund Baselland

Bundes­rä­tin­nen und Bundes­rä­te seit 1848

02.03.2021 07.11.2021 / Landesmuseum Zürich
Seit 1848 wird die Schweiz vom Bundesrat regiert. Doch wer sind die Menschen, welche die Geschicke der Eidgenos­sen­schaft lenken? Fotos, Filmaus­schnit­te, Dokumente oder Kleider ermögli­chen einen spannen­den Rückblick auf die 119 Mitglie­der der Landes­re­gie­rung. Im Zentrum der Ausstel­lung können sich die Besuchen­den in einem nachge­bau­ten Bundes­rats­zim­mer umschauen. Ergänzt wird die Schau mit Geschen­ken aus der ganzen Welt, welche die Schweizer Regierung erhalten hat.

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.