Friedrich Wilhelm Wagners Leben war eine Achterbahn, ein Zickzack zwischen den Extremen. Illustration von Marco Heer.

Zwischen Kunst und Wahnsinn

Auf der Flucht vor seiner konservativen Familie suchte Friedrich Wilhelm Wagner Freiheiten. Diese Suche führte den Dichter auch nach Zürich und in die Kreise des Dadaismus.

Katrin Brunner

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist selbstständige Journalistin mit Schwerpunkt Geschichte und Chronistin von Niederweningen.

Die Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs und bis hin zum Beginn des zweiten grossen Krieges scheint eine Phase der vielen Möglichkeiten gewesen zu sein. Aufbruch und Zusammenbruch lagen nahe beieinander, und das nicht nur auf dem Schlachtfeld oder auf der politischen Ebene. Abend Der Tag verklang In einem rosenen Ton. Das Wasser sang sich müde. Es dämmert schon. Im tiefen Park erwacht Leis ein Grauen. Fröstelnd vor der Nacht Stehn steinerne Frauen. Diese Zeilen schrieb im Jahr 1920 der deutsche Dichter Friedrich Wilhelm Wagner (1892-1931), der eine Zeit lang in Zürich literarisch aktiv war. Es ist eines seiner letzten Werke, erschienen im Gedichtband «Jungfrauen platzen männertoll». Es ist sicher nicht die Art von Kunst und Literatur, die seinem Vater gefallen hat. Dieser war Lehrer und ein Anhänger der vergangenen Kaiserzeit. Aufgewachsenen in einem patriarchischen Umfeld, sah sich der junge Friedrich Wilhelm konstant ausgebremst durch den elterlichen Druck: Es galt, aus sich etwas Rechtes zu machen. Tatsächlich begann er ein Studium in Nationalökonomie und Philosophie in München, das er jedoch nur halbherzig betrieb. Mit mehr Eifer schrieb er Gedichte, die Wagner an verschiedene Zeitungen verkaufte, aber auch in einem ersten Gedichtband publizierte.
Friedrich Wilhelm Wagner schien es nirgends lange auszuhalten. Bevor er in Zürich lebte, waren seine Stationen unter anderem Berlin und Paris. In der französischen Hauptstadt experimentierte Wagner zwischen 1913 und 1914 mit Morphium. Er hoffte, sein Bewusstsein dadurch entscheidend erweitern zu können. In Zürich wendete sich der Deutsche den Kreisen zu, die später den Dadaismus gründen sollten.
Morphium war im 19. und Anfangs des 20. Jahrhunderts weit verbreitet. Inserat in der Zeitschrift «Jugend», Wochenschrift für Kunst und Leben, 1906.
Morphium war bis Ende des 19. Jahrhunderts ein weit verbreitetes Konsumgut. Inserat in der Zeitschrift «Jugend», Wochenschrift für Kunst und Leben, 1906. Wikimedia
Die neutrale Schweiz war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Treffpunkt, aber auch ein Zufluchtsort vieler europäischer Intellektueller. Das im Sommer 1911 eröffnete Kaffeehaus Odeon in Zürich, war, zusammen mit dem Café de la Terrasse der damalige «Place to be». Musiker wie Franz Léhar, Wissenschaftler wie Albert Einstein oder Dichter und Denker wie Hans Arp, Tristan Tzara oder Hugo Ball gaben sich hier die Klinke in die Hand. Der Ruf der weltoffenen Szene der Bohemiens wurde auch vom damals 22 Jahre jungen Friedrich Wilhelm Wagner gehört. Im Juni 1914 kam er nach Zürich und schloss sich der expressionistischen Künstlerszene an, aus der später die Dadaisten entstehen sollten. Wagner schrieb, meist im Café Astoria, wie ein «Besessener», wie ihn ein Bekannter beschrieb. Seine Drogensucht hatte er aus Paris nach Zürich mitgenommen.
Das Café Odeon in Zürich.
Das Café Odeon in Zürich. Baugeschichtliches Archiv
Ende Juli 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Durch seine Tuberkuloseerkrankung entging Friedrich Wilhelm dem Aktivdienst. Trotzdem waren seine Tage in der Schweiz gezählt und er reiste, auf Geheiss seines Vaters, brav zurück nach Deutschland. 1918 wurde Friedrich Wilhelm als «chronischer Morphinist» für geisteskrank erklärt und bis März 1919 in die Heilanstalt Eglfing bei München eingewiesen. Es war nicht sein letzter Aufenthalt in einer Klinik. Nach zwei weiteren Jahren des unruhigen Umherwanderns und diversen literarischen Werken, von denen «Irrenhaus» auch einem breiteren Publikum bekannt wurde, und welches seine Erfahrungen, aber auch seine Fantasien in der Klinik widerspiegelte, kam Friedrich Wilhelm Wagner wiederum auf väterlichen Druck nach Hause. Dass aus seinem Sohn ein Akademiker werden würde, diesen Gedanken hatte Heinrich Wagner bereits begraben.
In der Heilanstalt Eglfing verbringt Friedrich Wilhelm Wagner zwischen 1918 und 1919 mehrere Monate.
In der Heilanstalt Eglfing verbringt Friedrich Wilhelm Wagner zwischen 1918 und 1919 mehrere Monate. Verlag Edition Text u. Kritik
Aber er konnte immer noch ein gutbürgerlicher Beamter werden. Der Vater vermittelte seinem Sohn eine Stelle als Bankbeamter. Ausserdem nahm er Friedrich Wilhelm das Versprechen ab, nicht mehr zu schreiben. Das war 1920. Dies ist auch das Jahr, in welchem er Minni Cloos heiratete. Eine kurze Ehe, die den immer noch morphiumsüchtigen Dichter immerhin etwas aufzuheitern schien: …Allen Dingen wieder Lächelnd, gut gesinnt, Schweif ich durch mein Leben, Träumer, Held und Kind… Friedrich Wilhelm Wagner arbeitete bis zu seinem frühen Tod 1931 als Bankbeamter. Er publizierte aber, wie versprochen, nie mehr ein gedichtetes Wort.

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