An der Dada-Ausstellung 2016 im Landesmuseum Zürich zeigten die Besucherinnen und Besucher dadaistische Züge.
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Dada

Während in Europa der Erste Weltkrieg tobte, entstand in Zürich eine neue künstlerische Bewegung: Dada.

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

Mit theatralischer Wichtigkeit bestieg der Künstler seine Bühne. Im Cabaret Voltaire an der Zürcher Spiegelgasse sass das Publikum erwartungsfroh auf seinen Plätzen, als Hugo Ball im selbstgebastelten Kostüm den Notenständer zurechtrückte, Luft holte und eine Serie unverständlicher Laute von sich gab: «jolifanto bambla ô falli bambla grossiga m'pfa habla horem».

Eigenartiges geschah im Zürcher Niederdorf. Es war Frühjahr 1916 und rings um die Schweiz war nichts als Krieg und Gemetzel. Knapp vor Basel waren 1915 rund 30'000 Soldaten im Kampf um den Hartmannsweilerkopf, einen bedeutungslosen Hügel, gefallen. Ein Jahr zuvor waren an der Marne über 300'000 Menschen gestorben. 17 Millionen Menschenleben kostete der Erste Weltkrieg, in Zürich aber herrschte gespenstische Normalität. Und so trugen Ball, Hennings, Tsara und andere Abend für Abend Simultangedichte vor, veranstalteten eigenartige Soiréen und nannten das ganze Dada. Dada: Kunst in der Seifenblase. Benannt nach einem Haarwasser.

Die meisten Zürcherinnen und Zürcher bekamen wenig bis gar nichts davon mit. Weder von den Dadaisten im Cabaret Voltaire, noch von Lenin der in derselben Gasse die Revolution plante, oder von James Joyce, der etwas weiter weg an seinem Roman «Ulysses» schrieb. Dada war die Kunst einer Handvoll Leute. Vor allem aber war es die Inszenierung von Kunst. Zwar hatten die Dadaisten weder das Lautgedicht, noch die Collage, den Nonsens oder sonst ein Element ihres Schaffens erfunden. Aber sie trieben Absurdität, Schrägheit und Sinnlosigkeit auf eine neue Spitze.

Hugo Balls Auftritt im Cabaret Voltaire, 1916.
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Dada trieb wilde, prächtige, exotische Blüten. Und diese verwelkten rasch. Die Dadaisten zerstritten sich bald, was einerseits an ihren Temperamenten lag und zum andern an Dada selbst. Denn Dada war extrem und Extreme werden schnell langweilig. Die Strukturen der Sprache einzureissen, war spannend. Übers linguistische Trümmerfeld zu gehen, deutlich weniger. Dada war als Experiment erfolgreich, zur Kunstrichtung aber taugte es nicht. Und so wandten sich die Dadaisten schon nach wenigen Monaten von ihrem Experiment ab und zerstreuten sich in alle Winde. Einige trieb es weiter nach Paris, nach Berlin oder London. Einige auch auf den Monte Verità.

Dadas Erbe bestand aus Texten und Bruchstücken und weil kaum jemand wirklich dabei gewesen war, stellten die, die’s gewesen waren, später die wildesten Behauptungen über den Zürcher Dada auf. Damit kehrten sie zum Kern des Experiments zurück. Zur überbordenden Inszenierung radikaler Kunst.

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