Fans beim Spiel zwischen den Grasshoppers und dem FCZ, 1971.
Fans beim Spiel zwischen den Grasshoppers und dem FCZ, 1971. ETH-Bibliothek / Comet Photo AG

Fussball­fans im Wandel

Was für ein Fest! Wenn Fangesänge, Pyros, Jubel und Applaus sich im Fahnenmeer mischen, wirken diese Szenen für viele roh, gewaltbereit, ungesittet und wenig kultiviert. Für andere ist es das höchste der Gefühle und der eruptive Ausdruck einer weit verbreiteten, aber wenig bekannten Fankultur.

Michael Jucker

Michael Jucker

Michael Jucker ist Sporthistoriker, Leiter von Swiss Sports History und Co-Leiter des FCZ-Museums.

In den Stadien der Schweiz präsentiert sich viel Buntes: Choreografien verehren einzelne Spieler, inszenieren das Fandasein oder erinnern an vergangene Spiele. Fangesänge erschallen durch die mehr oder minder gefüllten Sportanlagen, Fahnen werden geschwungen, Transparente und Spruchbänder zieren die Kurven. Doch wie kam es überhaupt dazu? Ein Blick in die Geschichte der Schweizer Fankultur zeigt einen frappanten Wandel seit den Anfängen.

Vom Sonntags­an­zug zur Jeanskutte

Der Fussball zog schon immer die Massen an. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden Spiele vor mehreren 10'000 Menschen statt. Galt er damals als proletarisch und nicht als Teil der Hochkultur, so hat sich das im Laufe der Zeit stark verändert. Anhand des Geschichte der Kleidung, der kulturellen Produktionen und der weiteren Fan-Aktivitäten lässt sich zudem der Wandel der Fankultur aufzeigen.
Mit Anzug und Krawatte: Zuschauer eines Fussballspiels um 1962.
Mit Anzug und Krawatte: Zuschauer eines Fussballspiels um 1962. Schweizerisches Nationalmuseum
Bis in die 1960er-Jahre sind auf den Bildern von Fussballspielen mehrheitlich Männer im Publikum zu sehen. Diese sind mit Hut und Veston gesittet gekleidet, meist zog man, egal ob Arbeiter, Angestellter oder Direktor, für den Besuch beim Fussballspiel den Sonntagsanzug an. Gesungen wurde wenig, einzelne Hopp-Rufe wurden skandiert, manchmal auch einzelne Spieler angefeuert. Nichtsdestotrotz kam es auch früher zu Flaschenwürfen und gewaltsamen Ausschreitungen, wie man aus den Spielberichten entnehmen kann.
Fussballfan am Spiel FC Zürich gegen FC Liverpool am 6.4.1977.
Fussballfan am Spiel FC Zürich gegen FC Liverpool am 1977. ETH-Bibliothek / Comet Photo AG
Der Einfluss Englands war dann ab den späten 1960ern spürbar. Nun kamen die englischen Hooligans dank internationalen Spielen auf das Festland. Ihre Gewaltbereitschaft, der Alkoholkonsum und die Fangesänge wurden übernommen, auch in den Schweizer Stadien. Die Kleidung vieler Fans passte sich ebenfalls an. Der Casual-Hooligan entstand. Dieser kleidete sich in teuren Marken wie Lacoste, Sergio Tacchini oder Adidas, die bis heute beliebt sind bei Fans. Parallel dazu gab es Kuttenträger, die ihre Zugehörigkeit oder den Hass auf andere Vereine auf Jeanskutten mit Aufnähern öffentlich sichtbar machten. Diese sind mittlerweile nur noch in grösseren deutschen Städten zu beobachten und in der Schweiz praktisch ganz verschwunden. Kulturell hatten die Hooligans und die Kuttenträger wenig zu bieten. Fussballspiele waren eher mässig besucht.
Kutte eines Fans von Schalke 04. Typisch sind die Sticker, die gegnerische Teams, Fans oder Spieler diffamieren.
Kutte eines Fans von Schalke 04. Typisch sind die Sticker, die gegnerische Teams, Fans oder Spieler diffamieren. Keystone/Caro/Lueger
Neu war sicher, dass sogenannte Doppelhalter – zwischen zwei Stangen gespannte Transparente – aufkamen, auf denen die Mannschaft mit Sprüchen oder Emblemen unterstützt wurde. Auch die frühen Gesänge sind auf den englischen Einfluss zurückzuführen.
Anhänger des FC Liverpool während der Partie gegen den FC Zürich am 6.4.1977
Anhänger des FC Liverpool während der Partie gegen den FC Zürich am 6.4.1977. ETH-Bibliothek / Comet Photo AG

Die Ultras kommen und bringen Kultur

Mitte der 1990er waren nicht nur die Spiele im TV farbig geworden, die Farbe kam auch im Stadion an. Die Ultras, in Italien und Südamerika schon seit längerem aktiv, waren nun Vorbild für viele Fussballanhänger. Dies hängt auch mit der soziologischen Zusammensetzung der Fankurven zusammen: Italienische, südamerikanische und auch ex-jugoslawische Fans prägten diese. Sie kannten die Ultrakultur aus den Heimatländern oder von ihren Eltern. Neu war, dass die Fangesänge unabhängig vom Spielverlauf intoniert wurden, diese mehrstrophig und melodiöser wurden. Lieder aus der Schlager- oder Popkultur wurden übernommen und angepasst. Unterstützung erhielten die Mannschaften aber auch durch Pyrotechnik, mehrheitlich Rauchtöpfe und Leuchtfackeln. Die lange auch medial bewundert, gefeiert und erst im Vorfeld der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz diffamiert und stärker kriminalisiert wurden.
Eine Studie der Universität Neuenburg zeigt, dass militante Fussballfans nicht auf Gewalt, sondern vor allem auf Emotionen aus sind. Beitrag der SRF Tagesschau zum Thema «Ultras», 6.5.2008. SRF
Besonders eindrücklich und der Ultrakultur zugehörig sind jedoch die Choreografien. In stundenlanger Arbeit erstellt und bloss für einige wenige Minuten vor dem Spiel gezeigt, stellen sie häufig besondere Momente der eigenen Vereinsgeschichte dar. Dadurch wird die eigene Geschichte tradiert und an weitere Generationen weitergegeben und die Identität des Vereins gestärkt. In den Anfängen tauschten sich die unterschiedlichen Ultragruppierungen noch mittels Briefen aus und schickten sich gegenseitig Fotografien. Die italienischen, kroatischen oder südamerikanischen Fans waren die grossen Vorbilder. Mittlerweile gelten die Kurven in Basel, Zürich und bisweilen in anderen Städten der Schweiz jedoch selbst als imitationswürdig und sind auch im Ausland hoch anerkannt. Die Verbreitung der eindrücklichen Choreobilder erfolgt heutzutage in Windeseile über die sozialen Medien.
Choreo der Fans des FC St. Gallen in einem Spiel gegen die BSC Young Boys. YouTube / Michael Weigl

Ausser­halb der Stadien

Die Fankurven in der Schweiz sind ein Spiegel der Gesellschaft, mit all ihren positiven und negativen Seiten. In den Kurven, die als die grössten Jugendhäuser gelten, toben sich Jung und Alt aus: Grafikerinnen, Juristen, Arbeitslose, Lehrerinnen, Handwerker, Malerinnen und viele mehr. Die Kurvenkultur geht aber weit über das Stadion hinaus. Zahlreiche Fanlokale und Bars etablierten sich als Treffpunkte für musikalische Wettbewerbe wie Rhymebattles, Rockkonzerte, interkulturelle Workshops und Quizabende. Solche Orte haben aber auch eine starke soziale Integrationsfunktion, weil der gemeinsame Nenner der eigene Club ist und sonstige Zugehörigkeiten keine Rolle spielen. Das Liedgut aus den Kurven wird von Bands aufgenommen, weiterverbreitet, aber umgekehrt fliessen auch Lieder von Bands oder Hip-Hop-Gruppen in die Fangesänge ein. Mit dem Aufkommen der Rapkultur kamen Rapper wie Black Tiger, Brandhärd, TripleNine in Basel oder Radio200000 in Zürich in die Fussballkultur respektive häufig auch aus ihr heraus und beschleunigten den Wandel. Damit verbunden war auch die Grafittikultur: Bekannte Spraykünstler wie DARE in Basel, REDL in Zürich aber auch Kollektive wie 031 in Bern erstellten grosse Wandbilder und Murals, die mittlerweile als eigenständige Kultur anerkannt sind und in ihren Ursprüngen einen Bezug zum lokalen Verein herstellen.
«Kämpfe bis zum Schluss» des Basler Rappers TripleNine, 2013. YouTube / FetchOnFire Bonvinvant
Rückblickend kann man feststellen, dass die Fankultur im Fussball bunter, vielseitiger und vielfältiger geworden ist. Auch die Kultur in den Fankurven und auf den Rängen widerspiegelt den Wandel: Mittlerweile sind viel mehr Frauen vor und in den Stadien als noch vor 10 oder 20 Jahren. Während früher Kuttenträger offenkundig ihre rassistischen Parolen rausbrüllten und Schlachtrufe skandierten, Hooligans Schrecken in die Stadien brachten, so konstatiert man heute viel mehr Kreativität innerhalb und ausserhalb der Stadien. Diese Seite erhält jedoch weit weniger Aufmerksamkeit in den Medien, die gerne auf die immer schon dagewesenen Gewaltexzesse verweisen. Fankulturgeschichte ist immer auch Migrationsgeschichte: Von den englischen Hooligans über die italienischen, kroatischen, südamerikanischen Ultras bis zur Hip-Hop- und Spraykultur, das meiste kam von aussen in die Schweiz, wurde angepasst, verändert und kulturell verwandelt.

Swiss Sports History

Swiss Sports History
Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.