Der Platz in den Grossen Bädern von Baden im Aargau um 1780
Der Platz in den Grossen Bädern von Baden im Aargau um 1780. Links das öffentliche Freibad; rechts das legendäre St. Verenabad. Historisches Museum Baden

Baden unter freiem Himmel

Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren Thermalbadebecken unter freiem Himmel das Markenzeichen der Bäder von Baden im Aargau.

Andrea Schaer

Andrea Schaer

Andrea Schaer ist freischaffende Archäologin, Kulturhistorikerin und Autorin.

Bevor in den Baden die Römer um die Zeitenwende begannen, die grosse Heilthermen von Aquae Helveticae zu bauen, blubberten und sprudelten die Thermalquellen in natürlichen Pools unter freiem Himmel. Wer sich von den Heilkräften der Quelle Genesung oder Linderung versprach oder auch nur in der Wärme des Wassers erholen wollte, setzte sich in einen dieser Quellpools oder an eines der sich daraus ergiessenden, der Limmat zustrebenden Rinnsale.
Die Bagni San Filippo in der Toskana.
Die Bagni San Filippo in der Toskana. Das Thermalwasser läuft von den Quellen über Sinterterrassen, die Pools sind frei zugänglich – so oder ähnlich könnte es vor dem Bau der römischen Thermen auch in Baden ausgesehen haben. © Andrea Schaer

Fürsorge und Politik bei den Römern

Die Römer brachten nicht nur medizinisches und hydrotechnisches Wissen und ihre Badekultur in das Gebiet der heutigen Schweiz. Mit der Erschliessung der Heilquellen und dem Bau und Betrieb von Quellheiligtümern und Badeanlagen konnte der römische Staat und damit der Kaiser sich als fürsorglicher Wohltäter zeigen, der den Menschen das göttliche Gut zugänglich machte. Die römischen Heilthermen waren öffentliche Bauten und vielen Menschen der römischen Gesellschaftspyramide frei zugänglich. Ob auch Arme und mittellose Menschen und die völlig rechtlosen Sklaven Zugang zum heilenden Wasser hatten und in den in grossen Badesälen liegenden Becken baden durften, ist nicht bekannt.
Ruinen der römischen Thermenanlagen während der Ausgrabungen der Kantonsarchäologie Aargau 2011
Ruinen der römischen Thermenanlagen während der Ausgrabungen der Kantonsarchäologie Aargau 2011. Rechts das Aussenbecken des Thermalbads von Otto Glaus. © Kantonsarchäologie Aargau/S.Mühleisen

Im Mittel­al­ter: Bäder für alle – aber nach Ständen getrennt

Im Mittelalter galt Thermalwasser als göttliche Gabe. Diese den Armen und Bedürftigen zugänglich zu machen, war ein Akt der christlichen Nächstenliebe und fromme Tugend. Selbst die nobelsten Badeorte besassen Badeeinrichtungen für mittellose Gäste. Jedoch zeigte sich nun in der Badeinfrastruktur eine deutliche soziale Segregation der Badegäste. In Baden im Aargau befanden sich die Bäder für die gehobene Kundschaft in repräsentativen Badehäusern und in den Badegewölben der Gasthöfe und Gasthäuser. Hier badete es sich nicht nur geschützt vor der Witterung, sondern auch unter Seinesgleichen und privat. Arme und mittellose Badegäste, ebenso wie Passanten und Passantinnen und die einheimische Bevölkerung mussten sich mit Bädern unter freiem Himmel begnügen.

St. Verenabad und Freibäder

Das St. Verenabad über der gleichnamigen Quelle in den Grossen Bädern war das Armenbad. Seine Benutzung war kostenlos, jedoch durfte hier nur baden, wer auch Unterkunft in den Bädern gefunden hatte. Wohltätige vermögende Badegäste brachten den im St. Verenabad Badenden Speisen und Getränke, die sie auf die Umfassung des Beckens stellten. Der Badwärter sorgte dafür, dass die Gaben gerecht verteilt wurden. Da dem St. Verenabad und besonders der St. Verenaquelle eine besonders der weiblichen Fruchtbarkeit förderliche Wirkung zugesprochen wurde, fanden sich hier des Abends – freilich nachdem die üblichen Badegäste gegangen und das Becken gereinigt waren – auch noblere Damen mehr oder weniger diskret zum Bade ein.
Das St. Verenabad um 1820.
Das St. Verenabad um 1820. Aquarell von Walter Meier nach einer Zeichnung von Ludwig Vogel. Historisches Museum Baden
Das Freibad auf der gegenüberliegenden Seite des Bäderplatzes war das eigentliche öffentliche Bad und seine Benutzung unentgeltlich. Es stand Passantinnen und Passanten und den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt Baden offen. Hier waltete auch der Schröpfer seines Amtes.
Eines der beiden Bäder auf dem Bäderplatz in Baden in der Chronik von Johannes Stumpf von 1548.
Darstellung des Freibads auf dem Platz in den Grossen Bädern in der Chronik von Johannes Stumpf, 1548. Stadtarchiv Baden
Auf dem Bäderplatz in den Kleinen Bädern in Ennetbaden lagen zwei weitere Becken unter freiem Himmel: das Freibad und das Schröpfbad. Dort badeten Gäste der Ennetbadener Gasthäuser aber – gegen Bezahlung eines Badschillings – die eher ländliche Kundschaft aus der näheren und weiteren Umgebung. Jüdischen Gästen stand im 17. und 18. Jahrhundert ein eigenes, in einer kleinen Hütte abgeschlossenes Bad zur Verfügung.

Das Aus für die Bäder unter freiem Himmel

Im 19. Jahrhundert entsprachen die Bäder unter freiem Himmel nicht mehr den sanitarischen Ansprüchen und den Vorstellungen einer zeitgemässen Armenfürsorge und Badekur. Auch waren die Badenden – augenscheinlich kranke und arme Menschen – im öffentlichen Raum unmittelbar vor den noblen neuen Badehotels im Strassenbild unerwünscht. Auf Badener Seite der Limmat wurden die Bäder unter freiem Himmel in den 1840er-Jahren aufgegeben und abgebrochen. In Ennetbaden blieb das Freibad mit Unterbrüchen bis 1883 in Betrieb.
Das 1838 erbaute Armenbad an der Limmatpromenade
Das 1838 erbaute Armenbad an der Limmatpromenade bot bis 1890 eine zeitgemässe Versorgung armer und bedürftiger Badegäste. Historisches Museum Baden, Fotohaus Zipser
Bedürftige Badegäste wurden nun im 1838 erbauten Armenbad versorgt. Passanten konnten in den Baderäumen der Kurhotels baden, wenn diese nicht gerade durch Hotelgäste besetzt waren. Erst 1963/1964 erhielt Baden mit dem Thermalbad von Architekt Otto Glaus wieder ein öffentliches Bad, dessen Benutzung aber nur gegen Eintritt möglich war.

Die Tradition wird wiederbelebt

Die im November 2021 eröffneten «Heissen Brunnen» in Baden und Ennetbaden nehmen die Tradition der Bäder unter freiem Himmel und des frei zugänglichen Thermalwassers wieder auf. Sie wurden innert Kürze zum Treffpunkt und zur Attraktion.
Im Heissen Brunnen in Ennetbaden treffen sich Jung und Alt zum Baden unter freiem Himmel.
Im Heissen Brunnen in Ennetbaden treffen sich Jung und Alt zum Baden unter freiem Himmel. © Nicolas Petit, Ennetbaden

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