Julius Cäsar verhandelt mit Divico. Zeichnung von Karl Jauslin für die Publikation «Schweizergeschichte in Bildern», 1885.
Julius Cäsar verhandelt mit Divico. Zeichnung von Karl Jauslin für die Publikation «Schweizergeschichte in Bildern», 1885. Museumsverbund Baselland

Divico — ein Mann gegen den Heldenmangel

Vor rund 200 Jahren, als gerade ein Heldenmangel bestand, entstand der Mythos des Divico. Dieser machte als Anführer des helvetischen Volkes der Tigurini durch seine mutigen Handlungen und seine respektlosen Reden gegenüber Julius Cäsar Geschichte.

Katrin Brunner

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist selbstständige Journalistin mit Schwerpunkt Geschichte und Chronistin von Niederweningen.

Die Helvetier seien es nicht gewohnt, Geiseln zu stellen, sondern welche zu nehmen. So zitiert Gaius Julius Cäsar den kämpferischen Tiguriner Divico Ende des 2. Jh. v. Chr. Letzterer beanspruchte mit seinem Stamm die Gegend entlang des heutigen Juras bis hin zum Genfer See. Den stärker werdenden Druck der nordischen Völker spürend, zogen die Tiguriner ihrerseits aus, um neue Landressourcen zu finden. Diese Suche führte sie bis in die Regionen des heutigen Burgunds und nach Südfrankreich. Dabei durchquerten Divico und sein Gefolge, ein Teilstamm der Helvetier, die Heimat anderer Völker, und das nicht friedlich. Sie galten als kriegerisch. 107 v. Chr. standen sich Römer und Helvetier schliesslich bei Agen in Südfrankreich gegenüber. Die römischen Truppen waren den Hilferufen der ansässigen und nun bedrohten Völkern gefolgt, auch aus eigenem Interesse: Sie wollten die Expansionsgelüste der nordischen Völker beenden und die Grenzen ihres Reichs schützen. Die darauffolgende Schlacht sollte für die gut ausgerüsteten römischen Truppen jedoch in einer Schmach enden, bei welcher unter anderem ihr Befehlshaber, Konsul Lucius Cassius Longinus, getötet wurde.
Nach der Schlacht bei Agen werden die Römer unterjocht. Gemälde von Charles Gleyre, 1858.
Nach der Schlacht bei Agen werden die Römer unterjocht. Gemälde von Charles Gleyre, 1858. Wikimedia
Erst im Juni 58 v. Christus brachte eine empfindliche Schlappe an den Ufern der Saône die Helvetier an den Verhandlungstisch. Julius Cäsar erteilte ihnen eine blutige Lektion. Gemäss Cäsars vielleicht doch etwas propagandistisch gehaltenem Bericht, bauten seine Leute in kurzer Zeit eine Brücke über den Fluss, um den besiegten Helvetiern noch zusätzlich nachzusetzen. Dagegen versuchten die Gegner mit einfachen Mitteln wie Einbäumen und zusammengebundenen Hölzer über den Fluss zu gelangen. Die Helvetier schienen in der Tat beeindruckt gewesen zu sein und zeigten sich in der Folge gesprächsbereit. Bei den Verhandlungen liess es sich Divico nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass die Helvetier von ihren Vätern und Vorfahren gelernt hätten, dass man erfolgreicher sei, mit Tapferkeit, statt mit List zu kämpfen. In der Tat war das Glück in früheren Schlachten auf der Seite der Helvetier.
Verhandlungen an der Saône. Historiengemälde von Karl Jauslin.
Verhandlungen an der Saône. Historiengemälde von Karl Jauslin. Wikimedia
Sein kühnes Auftreten und seine teilweise respektlosen Reden gegenüber dem römischen Prokonsul und späteren Alleinherrscher Julius Cäsar machten Divico zu einem frühzeitlichen «Willhelm Tell». Sein Tod im Juli 58 v. Chr. auf dem Schlachtfeld von Bibracte, wo die Tiguriner, zusammen mit weiteren helvetischen Stämmen, gegen eine Übermacht von Römern kämpften und verloren, war heroisch. Auch wenn mit dieser Schlacht der Einflussbereich der helvetischen Völker nachhaltig gebrochen war, wurde Divico zur Legende. Nebst Willhelm Tell, dessen Geschichte seit dem 15. Jahrhundert in unterschiedlichen Versionen erzählt wird, hatte auch Divico das Zeug zum Nationalhelden. Das ging so weit, dass Conrad Ferdinand Meyer den Schauplatz der Schlacht bei Agen kurzerhand in die Schweiz verlegte. So dargestellt in seinem Gedicht «Das Joch am Leman» von 1882.
Bleistiftskizze von Divico, angefertigt von Karl Jauslin, 1882.
Bleistiftskizze von Divico, angefertigt von Karl Jauslin, 1882. Museumsverbund Baselland
Meyers Gedicht über die Schlacht bei Agen von 1882.
Meyers Gedicht über die Schlacht bei Agen von 1882. Er verlagerte den Schauplatz kurzerhand auf das Gebiet der heutigen Schweiz. Deutsches Textarchiv
Im Gegensatz zu seinem Zentralschweizer Pendant, war die Geschichte rund um Divico lange Zeit einer eher akademischen Gesellschaft bekannt, galten Julius Cäsars in lateinischer Sprache verfassten Schriften über den Gallischen Krieg doch als Pflichtstoff an den Universitäten. Bleibenden Eindruck und gut für die Schweizer Seele waren beide Geschichten aber allemal.

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