Nachbildung einer Villa Rustica mit Zinnfiguren.
Nachbildung einer Villa Rustica mit Zinnfiguren. Limesmuseum Aalen

Römischer Lebens­stil in Helvetien

Grosse Zentren wie Vitudurum (Oberwinterthur), Aquae Helveticae (Baden) oder Vindonissa (Windisch) wollten in römischer Zeit ernährt werden. Dazu leisteten Gutshöfe in der Region einen grossen Beitrag.

Katrin Brunner

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist selbstständige Journalistin mit Schwerpunkt Geschichte und Chronistin von Niederweningen.

Die römischen Gutshöfe standen meist entlang der für das Überleben der Provinz wichtigen Strassenverbindungen. Befanden sich natürliche Ressourcen wie Kalkstein, Ton oder Eisenerz in der Nähe, wurden nebst Lebensmittel oft auch Gebrauchsgegenstände wie Ziegel und Werkzeuge hergestellt. Gewollt auffällig präsentierte sich der Herrschaftsteil der Höfe, die «villa rustica». Diese war Repräsentationsraum und Wohnhaus in einem. Die dazugehörenden «pars rustica» hingegen, waren vor allem Wirtschaftsgebäude und Ställe. Allein im Kanton Zürich existierten nach Schätzungen von Archäologen rund 120 römische Gutshöfe. Viele dieser Bauten wurden bisher nicht ausgegraben. Das hat einen konkreten Grund: In der Erde sind die archäologischen Schätze am besten konserviert. Wo trotzdem gegraben wurde, hatte dies meist einen konkreten Grund: Die Rettung vor geplanten Bauprojekten. Trotzdem weiss man heute viel über die Rolle und Funktion dieser Gutshöfe.
Eine «villa rusticana» aus dem 2. Jahrhundert nach Christus.
Eine «villa rusticana» aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Wikimedia
Wer zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert nach Christus etwas auf sich hielt, versuchte den römischen «Lifestyle» auch in Helvetien zu leben. Mit 120 bis 160 Personen, die auf einem durchschnittlich rund 80'000 Quadratmeter grossen Gutshof lebten und arbeiteten, waren die Anlagen mit einem Weiler vergleichbar. Die Gutsherren setzten sich aus ehemaligen römischen Soldaten, aber auch aus der bessergestellten einheimischen Oberschicht zusammen, so wird vermutet. Gefundene Fussfesseln lassen darauf schliessen, dass das Personal teilweise aus Sklaven bestand.
Modell eines römischen Gutshofs in Winkel bei Bülach.
Modell eines römischen Gutshofs in Winkel bei Bülach. Schweizerisches Nationalmuseum
Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass auf römischen Gutshöfen täglich geschlemmt und Orgien gefeiert wurden. Ein opulentes Mahl mit exotischem Inhalt, wie beispielsweise Flamingo oder mit Schweinefleisch gefüllte Siebenschläfer und Ähnliches war besonderen Anlässen vorbehalten, wie wichtigen Besprechungen oder Feiertage. Einfache Aufläufe und die sogenannte Puls, ein dickflüssiger Getreidebrei, standen viel öfter auf dem alltäglichen Speiseplan, wenn es nichts zu feiern oder zu besprechen gab. Fleisch war zudem meist der Obrigkeit vorbehalten.
Puls – Rezept für Getreidebrei aus der römischen Antike. YouTube / Museum Aargau
Wenn aber Fleisch auf den Tisch kam, vergnügten sich die «Herrschaften» unter anderem auf der Jagd und liessen oft kulinarisch das Beste jener Zeit auf dem Tisch erscheinen. Während sich Angestellte und Sklaven mehrheitlich nur von minderem Getreidebrei ernährten, gehörten Fleisch- Wild- oder aufwändige Auflaufgerichte zum Menü der Obrigkeit. Dann durften es auch mal Austern sein. Dies beweisen entsprechende Funde wie beispielsweise im zürcherischen Buchs. Die Schalentiere wurden lebendig, in mit Meerwasser gefüllten Fässern, nach Helvetien gebracht. Mit Olivenöl und Garum, einer fermentierten und salzigen Fischsauce, hielt die Mittelmeerküche weiter Einzug auf nordischen Tafeln.
Mosaik einer Garum-Amphore in der Villa des berühmten Garum-Produzenten Aulus Umbricius Scaurus.
Mosaik einer Garum-Amphore in der Villa des berühmten Garum-Produzenten Aulus Umbricius Scaurus. Wikimedia
Neben der Kulinarik wanderte auch die römische Badekultur nordwärts. Und dies nicht nur in bekannten Badeorten wie Aquae Helveticae, Avenches oder Augusta Raurica. Auch zu einem kleineren Gutshof gehörte eine ausgeklügelte Badelandschaft mit Kalt- und Warmwasserbecken und ein raffiniertes Heizsystem, dem sogenannten Hypokaust. Dieses sorgte für einzelne warme Räume. So wurde die warme Luft einer Feuerstelle durch einen Einfeuerungskanal in die Hohlräume unter den zu beheizenden Böden geleitet. In den Wänden sorgten sogenannte Tubuli, dass der ebenfalls heisse Rauch optimal genutzt wurde und die Wände wärmte, bevor er nach draussen geleitet wurde.
Das römische Heizsystem war raffiniert ausgeklügelt.
Das römische Heizsystem war raffiniert ausgeklügelt. Foto: Katrin Brunner
Gegen Ende des 4. Jahrhunderts öffneten sich die Gutshöfe und gingen teilweise in Dörfer und Städte über. Mit den von Norden eindringenden Alemannen wurde die Zeit unruhiger und neue Bevölkerungsgruppen kamen in die Region. Die Technik der römischen Bodenheizung und der Bäder geriet fast in Vergessenheit. Fast, denn dort wo man es sich leisten konnte, beispielsweise in Klöster, wurde die Methode auch später noch angewendet.

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