Isis (links) und die Heilige Verena (rechts). Isis: römische Statue aus dem 1. Jhd. vor Christus, Verena: Skulptur aus dem späten 15. Jahrhundert.
Isis (links) und die Heilige Verena (rechts). Isis: römische Statue aus dem 1. Jhd. vor Christus, Verena: Skulptur aus dem späten 15. Jahrhundert. Wikimedia / Schweizerisches Nationalmuseum

Isis und Verena: zwei heilige Frauen an Badens Heilquellen

Die Römer verehrten an den Badener Thermalquellen eine Göttin mit Wurzeln in Ägypten. Im Christentum wurde eine Heilige aus Unterägypten Schutzpatronin des Heilbads an der Limmat.

Andrea Schaer

Andrea Schaer

Andrea Schaer ist freischaffende Archäologin, Kulturhistorikerin und Autorin.

Heilquellen und Heilbäder waren und sind seit je Kraftorte und wegen der besonderen Eigenschaften des Wassers sowie der damit verbundenen Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen der Menschen auch spirituell besonders aufgeladen. In der Antike waren Heilbäder wichtige religiöse Zentren, an denen das Wirken der Götter besonders unmittelbar erfahrbar war. Ihr Besuch war Erholungsreise und Pilgerfahrt in einem. Besonders Gottheiten mit engem Bezug zur Kraft des Wassers und zur Heilkunst, aber auch allumfassende Natur- und Muttergottheiten erfreuten sich in Badeorten grosser Beliebtheit. Auch im Christentum galten Heilquellen als besondere Gabe des nun Einen Gottes. Jetzt nahmen Heilige, deren vitae von besonderer Heiltätigkeit und Krankenfürsorge erzählen, die Rolle der Schutzpatroninnen der Heilquellen und Bäder ein.
Die Quellfassung des Grossen Heissen Steins in Baden im Juni 2021. In der Fassung wurden über 400 römische Münzen und andere Objekte gefunden, die dort als Weihegaben an die Quellgottheiten deponiert wurden.
Die Quellfassung des Grossen Heissen Steins in Baden im Juni 2021. In der Fassung wurden über 400 römische Münzen und andere Objekte gefunden, die dort als Weihegaben an die Quellgottheiten deponiert wurden. © Andrea Schaer
1967 und 1968 aus der Quellfassung des Grossen Heissen Steins geborgene römische Münzen und Schöpfgefässe.
1967 und 1968 aus der Quellfassung des Grossen Heissen Steins geborgene römische Münzen und Schöpfgefässe. Kantonsarchäologie Aargau/B. Polyvas

In Baden wurde die römische Isis verehrt

Im römischen Heilbad von Aquae Helveticae, dem heutigen Baden im Aargau, ist die Verehrung verschiedener Gottheiten nachgewiesen. Eine davon ist die ägyptisch-römische Muttergottheit Isis. Ihr war ein Tempel geweiht, dessen Existenz über eine Inschrift belegt ist. Die Steinplatte mit der Inschrift wurde bereits im Mittelalter im Eigital am Fuss der Lägern westlich von Wettingen gefunden und im Turm der Kirche St. Sebastian verbaut. Der Landvogt und Chronist Aegidius Tschudi (1505-1572) beschrieb sie als Erster und versuchte den Standort des Tempels zu lokalisieren. Tschudi überliess seine Notizen Johannes Stumpf (1500-1577/78), einem weiteren Chronisten, der als Erster die Inschrift in seiner 1547/48 von Froschauer in Zürich gedruckten Chronik abbildete.
Die Isis-Inschrift in der Stumpf-Chronik von 1548.
Die Isis-Inschrift in der Stumpf-Chronik von 1548. Zentralbibliothek Zürich
DEAE ISIDI TEMPLVM A SOLO / L(VCIVS) ANNVSIVS MAGIANVS / DE SVO POSVIT VIK(ANIS) AQVENSIB[VS] / AD CVIVS TEMPLI ORNAMENTA / ALPINIA ALPINVLA CONNIVNX ET PEREGRINA FIL(LA) X C DEDE/RVNT L(OCVS) D(ATVS) D(ECRETO) VICANORVM Der Göttin Isis hat Lucius Annusius Magianus von seinem Vermögen einen Tempel von Grund auf für die Einwohner [vicani] von Aquae [Baden] errichtet. Zur Ausstattung dieses Tempels haben seine Gattin, Alpinia Alpinula, und seine Tochter, Peregrina, 100 Denare gegeben. Der Platz wurde auf Beschluss der Bewohner zur Verfügung gestellt.
Heute ist sich die Forschung weitgehend einig, dass der Fundort der Inschrift kaum der Standort des Isis-Tempels gewesen sein dürfte, sondern die Inschrift hier versteckt wurde. Viel mehr wird der Isis-Tempel im Gebiet der römischen Siedlung oder der Heilthermenanlage von Aquae Helveticae, dem heuteigen Baden vermutet. Gemäss der Inschrift stellten die Bewohner der Siedlung von Aquae das Grundstück für das Heiligtum zur Verfügung, was naheliegt, dass der Tempel innerhalb des umgrenzten Siedlungsgebiets, lag. Da die Mythologie und der Kult der Isis eng mit dem Element Wasser und den Lebenskräften der Erde verbunden ist, scheint eine Lokalisierung des Badener Isis-Tempels in der Nähe der Limmat – oder gar im Gebiet der Thermalquellen und Bäder – durchaus plausibel. Gefunden wurde der Isis-Tempel indessen bis heute nicht. Die Inschrift dürfte am ehesten ins spätere 1. oder 2. Jahrhundert datieren. Der erwähnte Tempel müsste also auch dann gebaut worden sein. Interessant ist, dass in den Heilthermen von Aquae Helveticae in dieser Zeit tatsächlich verschiedene grössere Baumassnahmen festzustellen sind. War auch der Isis-Tempel Teil davon?
Die Einsiedelei St. Verena in Solothurn, um 1870.
Die Einsiedelei in Solothurn. Angebliche Wirkungsstätte der Heiligen Verena, um 1870. Schweizerisches Nationalmuseum

Schutz­hei­li­ge im Mittelalter

Mit der Christianisierung verschwanden die antiken Kulte und neue Schutzpatroninnen und Patrone, denen ganz ähnliches Wirken zugeschrieben wurde, traten an die Stelle der antiken Gottheiten. In den Badener Bädern ist seit dem Mittelalter die Heilige Verena als Namenspatronin einer Quelle und des von dieser gespeisten Armenbades, dem St. Verenabad, verbrieft. Der St. Verenaquelle wurde zudem der weiblichen Fruchtbarkeit zuträgliche Wirkung zugesprochen. Gemäss ihrer vita stammte die Heilige Verena ebenfalls aus Ägypten, von wo sie mit der legendären christlichen thebäischen Legion ins Gebiet der heutigen Schweiz kam. Sie wirkte zunächst in Solothurn, später auf einer Insel im Rhein, wo sie Kranke und Bedürftige versorgte und das Christentum lehrte. Die Heilige soll in Bad Zurzach gestorben und im dortigen Verenamünster begraben sein. Die Heilige Verena ist eine der beliebtesten Volksheiligen in der Deutschschweiz und im süddeutschen Raum. Sie gilt unter anderem als Schutzpatronin der Krankenpflegerinnen – und ihre Fürbitte soll zu reichem Kindersegen beitragen. Ihr legendäres Wirken stand damit für alle Eigenschaften und Kräfte, welche der nach ihr benannten Quelle und dem dazugehörenden Bad zugeschrieben wurden.
Das 1845-1847 erbaute Hotel Verenahof wurde nach der Heiligen benannt. Seit der Erweiterung des Verenahofs 1875 wacht eine Statue der Heiligen Verena vom Dach des Hotels über die Badener Bäder. Foto von 1942.
Das 1845-1847 erbaute Hotel Verenahof wurde nach der Heiligen benannt. Seit der Erweiterung des Verenahofs 1875 wacht eine Statue der Heiligen Verena vom Dach des Hotels über die Badener Bäder. Foto von 1942. Historisches Museum Baden

Eine zufällige Ähnlichkeit?

Seit sich ab im 18. und 19. Jahrhundert Gelehrte vertieft mit der antiken Vergangenheit Badens zu befassen begannen, stand wiederholt auch die Frage im Raum, ob sich in der Verehrung der heiligen Verena womöglich der römische Isis-Kult tradiert. Tatsächlich weisen die beiden Frauenfiguren interessante Parallelen auf: Nicht nur stammen beide der Legende nach aus dem Land am Nil und stehen sie beide für Heilkunst und Fruchtbarkeit im weitesten Sinne. Auch ihre Attribute sind erstaunlich ähnlich. So hält die Göttin Isis in ihrer linken Hand einen Eimer (Situla) und in der rechten Hand ein Sistrum, eine für religiöse Zeremonien verwendete Rassel. Die Heilige Verena hält in ihrer Linken eine Bügelkanne mit Querhenkel und in der Rechten einen Kamm. Dass in der Ikonografie der Heiligen im Laufe der Jahrhunderte und unter Anpassung an bekannte Formen und Objekte aus der Situla die Kanne und aus dem Sistrum ein Kamm wurde, kann nur spekuliert werden. Ebenso bleibt reine Hypothese, dass sich in der Verena-Verehrung in Baden der Isis-Kult fortsetzen könnte.
Isis und Verena mit ihren typischen Attributen. Illustrationen von 1818.
Isis und Verena mit ihren typischen Attributen. Illustrationen von 1818. Historisches Museums Baden
Selbst wenn der Badener Isis-Tempel vielleicht nie lokalisiert werden wird und eine Translation des Kults der römischen Muttergottheit zur Verehrung der Heiligen Verena hypothetisch bleibt: Bemerkenswert ist die anscheinende Kontinuität der Vorstellung starker, lebensspendender und heiltätiger Frauenfiguren an den Heissen Quellen.

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