Die Schweizerische Botschaft im Berliner Spreebogen mit ihrem Alt- und Neubau.
Die Schweizerische Botschaft im Berliner Spreebogen mit ihrem Alt- und Neubau. ©️ Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA

Die Schwei­ze­ri­sche Botschaft in Berlin – Symbol für Kontinuität

Als direkter Nachbar des Bundeskanzleramtes hat die Schweizerische Botschaft heute einen prominenten Standort im Berliner Spreebogen. Die rote Fahne mit weissem Kreuz ist im Regierungsviertel unübersehbar. Glückliche Umstände führten dazu, dass das 1919 von der Schweiz erworbene historische Stadtpalais in den letzten 100 Jahren weder ausbrannte, noch abgerissen oder verkauft wurde. Es erzählt eine aussergewöhnlich bewegte Geschichte und ist zweifelsohne ein Symbol für Schweizerische Kontinuität.

Jacqueline Plum

Jacqueline Plum

Jacqueline Plum ist Historikerin und Autorin und berät Non-Profit-Organisationen in Fundraising und Kommunikation.

Im Oktober 1919 kaufte die Schweiz das historische Stadtpalais, das im damaligen vornehmen Alsenviertel lag, von dem angesehenen Industriellen und Kunstsammler Erich Kunheim. Das klassizistische Stadtpalais, von Friedrich Hitzig entworfen und nach Plänen von Paul Baumgarten erweitert und neu gestaltet, diente von da an als Residenz des Gesandten und als Kanzlei. Waren die Zeiten in der Weimarer Republik schon turbulent, waren sie es nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 erst recht. Paul Widmer, Schweizer Diplomat und ehemaliger Leiter der Schweizer Vertretung (1992-1999), zeichnet in seinem Buch «Die Schweizer Gesandtschaft in Berlin» als Historiker und Zeitzeuge die Geschichte der Schweizer Vertretung äusserst spannend nach.

Glückli­che Zufälle und Ausdauer während der Kriegsjahre

In den Vorkriegs- und Kriegsjahren, von 1938 bis 1945, vertrat Hans Frölicher die eidgenössischen Interessen an der Spree. Frölicher war ein sehr umstrittener Diplomat, der die Schweiz allerdings in äussert komplizierten Zeiten zu vertreten hatte. Frölicher war in Berlin gut vernetzt und deutschfreundlich eingestellt, galt jedoch nicht als NS-Sympathisant; die Türen zu den eigentlichen NS-Machtzirkeln blieben ihm verschlossen. Dennoch wurden seine Empfehlungen gegenüber Bern gelegentlich als zu freundlich für das NS-Regime beurteilt. In den Kriegswirren der 1940er-Jahre zeigte er für die Liegenschaft indes eine «glückliche Hand».
Fahne, die 1945 auf der Schweizer Botschaft in Berlin wehte.
Fahne, die 1945 auf der Schweizer Botschaft in Berlin wehte. Schweizerisches Nationalmuseum
Nach dem Willen von Adolf Hitler und Albert Speer sollte das Stadtpalais abgerissen werden und einem im Spreebogen geplanten monumentalen Bau weichen. Für die Schweizer Gesandtschaft war bereits ein Ersatzbau vorgesehen. Frölicher jedoch verzögerte den Innenausbau des Baus, er wollte mit der Gesandtschaft nicht umziehen. Als dann im November 1943 das Ersatzgebäude bei britischen Luftangriffen zerstört wurde, war ein Umzug nicht mehr möglich. Dank seiner massiven Bauweise hielt das Gebäude den schweren Bombenangriffen 1943 und 1945 stand. Geholfen haben auch Mitarbeitende wie der Berliner Fahrer Richard Fritze, der in den Bombenächten im Gebäude blieb und kleine Feuer mit der Handspritze löschte. Aber auch gute Beziehungen zur Feuerwehr sorgten dafür, dass diese bei Einschlägen schnell zur Stelle war. Glückliche Zufälle halfen immer wieder: eine Bombe, die im Innenhof durch ein Ölfass schoss, zündete nicht. Der Bunker des Hauses bot zudem vielen Menschen Schutz und rettete ihnen das Leben.
Das teilweise beschädigte Botschaftsgebäude während des Kampfes um Berlin. Die Sowjetische Armee benutzte das Gebäude als Ausgangspunkt für ihren Sturm auf den Reichstag am 30. April 1945.
Das teilweise beschädigte Botschaftsgebäude während des Kampfes um Berlin. Die Sowjetische Armee benutzte das Gebäude als Ausgangspunkt für ihren Sturm auf den Reichstag am 30. April 1945. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA
Dramatisch wurde es Ende April 1945, als Rotarmisten das Stadtpalais besetzten. Sie bereiteten von dort aus den finalen Angriff auf den Reichstag vor. Bereits Mitte April hatte das Politische Departement den Geschäftsträger ad interim, Alfred Zehnder, aufgefordert, Berlin zu verlassen und mit dem verbliebenen Personal in die Schweiz zurückzukehren; Frölicher war zuvor angewiesen worden, dem Auswärtigen Amt nach Süddeutschland zu folgen. Zehnder weigerte sich jedoch, weil er die Schweizerkolonie in diesen Zeiten nicht im Stich lassen wollte. Ebenso fühlte er sich für Schutzmachtaufgaben verantwortlich, die die Schweiz allein in Berlin für 25 Staaten übernommen hatte. Auch seine Mitarbeitenden blieben. Sie nahmen dafür in Kauf, in sowjetische Hände zu geraten und wurden am 20. Mai 1945 nach Moskau abtransportiert. Sie genossen keinen diplomatischen Schutz, denn Bern und Moskau unterhielten keine diplomatischen Beziehungen. Die Schweizer Delegation durfte die Sowjetunion bereits Anfang Juni über den Kaukasus in die für sie als Schutzmacht bestimmte Türkei wieder verlassen, um von dort aus in ihre Heimat zu reisen. Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde Frölicher abberufen und die Gesandtschaft aufgehoben. Deutschland war von den Alliierten besetzt und kein souveräner Staat mehr.
Rapport beim Aussenminister nach Heimkehr von Berlin: Minister Frölicher und Feldscher mit Bundesrat Petitpierre am 23. Mai 1945.
Rapport beim Aussenminister nach Heimkehr von Berlin: Minister Frölicher und Feldscher mit Bundesrat Petitpierre am 23. Mai 1945. Dukas / RDB

Heimschaf­fungs­de­le­ga­ti­on unterstützt rückkehr­wil­li­ge Schweizer in der DDR

Mit dem Einmarsch der Roten Armee Anfang 1945 in Ostpreussen waren auch die dort ansässigen Schweizer Bürgerinnen und Bürger in eine bedrohliche Lage geraten. Tausende hatten sich in den Ostgebieten eine Existenz als Melker, Käser oder Molkereibesitzer aufgebaut. Da die vom Schweizer Konsulat im ostpreussischen Elbing ausgestellten Schutzbriefe in vielen Fällen von der Sowjetunion nicht anerkannt wurden, wurden die dort ansässigen Schweizerinnen und Schweizer vielfach wie Deutsche behandelt. Sie waren Gewalt und Plünderungen ausgesetzt und mussten um ihr Leben fürchten. Als die Schweizerkolonie Mitte Juli 1945 den Bundesrat dringend um Hilfe bat, schickte dieser eine Heimschaffungsdelegation nach Berlin. So wurde das Gebäude der Gesandtschaft bereits 1945 wieder benötigt. Unter Leitung des Diplomaten François de Diesbach half die Heimschaffungsdelegation allein bis 1948 mehreren Tausend Schweizerinnen und Schweizern, aus den Ostgebieten in ihre Heimat zurückzukehren. Darüber hinaus unterstütze sie vor allem die rund 14’000 Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die in Berlin und in der Sowjetischen Zone lebten. Allein 1945/1946 organisierte sie Rücktransporte für rund 4000 Landsleute. Mit der deutsch-deutschen Teilung und der Entstehung eines sozialistischen Staates verschlechterte sich die Lage der noch in der DDR verbliebenen Schweizer Bauern weiter. Als die DDR-Regierung die Landwirtschaft kollektivierte, kehrten 1952/53 weitere hunderte Bauern mit Hilfe der Delegation in die Schweiz zurück. Indes liess die Delegation die Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die sich trotz Kriegsfolgen, Besatzung und Not entschieden hatten, in der DDR zu bleiben, nicht im Stich. Sie versorgte sie von Berlin aus mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten.

Kalter Krieg vor der Haustüre: Bau der Berliner Mauer 1961

Die Schweizer Vertretung, unmittelbar an der Grenze zur sowjetischen Zone gelegen, wurde Augenzeugin des Mauerbaus. Sie verfolgte die dramatischen Tage im August 1961 aus nächster Nähe. Als Ost-Berlin noch nicht vollständig abgeschottet war, gab die Schweizer Fahne auf dem Dach Orientierung. Da das Gebäude im Umfeld des Reichstages das einzig bewohnte Haus war, diente es Flüchtenden, die die Spree durchschwommen hatten, und den auf der Flucht Verwundeten als erste Anlaufstelle. Nun lag die Gesandtschaft bis zum Mauerfall 1989 abseits des Westberliner Geschäftszentrums und nahe der Berliner Mauer im Niemandsland. Die Bundesverwaltung in Bern erwog, sie zu verkaufen, doch niemand war an einem Kauf interessiert, nicht einmal der Berliner Senat.
Bau und Verstärkung der Berliner Mauer beim Brandenburger Tor im Oktober 1961.
Bau und Verstärkung der Berliner Mauer beim Brandenburger Tor im Oktober 1961. National Archives

Entspan­nungs­po­litk in den 1970ern: Die Schweizer Botschaft in Ost-Berlin

Sich ausserhalb West-Berlins frei zu bewegen, war aufgrund der Mauer nicht mehr möglich. Die Situation verbesserte sich erst in den 1970er-Jahren. Im Zuge der Entspannungspolitik von Bundeskanzler Willy Brandt und der Einrichtung einer Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin erkannte die Schweiz die DDR als Staat an. Sie nahm diplomatische Beziehungen auf und eröffnete 1973 eine Botschaft an der Esplanade 21 im Ost-Berliner Stadtbezirk Pankow. Diese existierte bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990. Aus der Heimschaffungsdelegation wurde 1973 das Schweizer Generalkonsulat für West-Berlin, das der Schweizerischen Botschaft in Bonn, damalige Hauptstadt der BRD, unterstellt wurde.
Die diplomatische Vertretung der Schweizerischen Eidgenossenschaft in der DDR an der Esplanade 21 in Ost-Berlin.
Die diplomatische Vertretung der Schweizerischen Eidgenossenschaft in der DDR an der Esplanade 21 in Ost-Berlin. Bundesarchiv

Ein Botschafts-Koch in den Fängen der Stasi

Indes blieben die Spannungen infolge der deutsch-deutschen Teilung greifbar. Dies bekam auch der damals erst 24-jährige Schweizer Peter Gross zu spüren. Er arbeitete in der Residenz der Schweizerischen Botschaft in Ostberlin als Koch von Hans Miesch, dem ersten Schweizer Botschafter in der DDR. Als Botschaftsangestellter verfügte er über ein Auto mit dem Diplomatenkennzeichen «CY» für das technische Personal, und konnte unkontrolliert die Grenze passieren. Um seiner Ost-Berliner Freundin einen besonderen Abend zu bieten, versteckte er sie im Kofferraum seines Minis und führte sie im Berliner Westen aus. Dies ging einige Male gut. Am 1. Februar 1975 jedoch stoppten ihn Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit am Grenzübergang. Das Paar wurde wegen mehrfachen ungesetzlichen Grenzübertritts beziehungsweise angeblicher Beihilfe zur Republikflucht verhaftet. Gross war an die Staatssicherheit (Stasi) verraten worden und erhielt fünf Jahre, seine Freundin viereinhalb Jahre Haft in der gefürchteten Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit Bautzen II. Beide wurden erst nach mehr als drei Jahren entlassen. Für gewöhnlich wurden verurteilte Schweizer Fluchthelfer nach Ende des Gerichtsverfahrens diskret in die Schweiz abgeschoben. Gross und seine Freundin hingegen, wurden zum Spielball der höheren Politik. Die DDR wollte die beiden als Tauschobjekt für das Agentenpaar Wolfin benutzen. Es hatte mehrere Jahre in der Schweiz für die Stasi spioniert und war 1973 enttarnt und verhaftet worden. Nach Verurteilung der Wolfins im Juni 1975 boten die DDR-Behörden an, u.a. den Schweizer Gross gegen sie auszutauschen. Jedoch war die Schweiz der Ansicht, die Fälle seien nicht gegeneinander aufzuwiegen. Erst als die Spione einen Teil ihrer Strafe abgesessen hatten, schien der Schweiz ein Austausch der Gefangenen vertretbar. Und so kamen Gross und seine Freundin 1978 doch noch vorzeitig frei und wurden in die BRD entlassen. Später heirateten sie in der Schweiz. Die DDR-Urteile gegen sie wurden nach der deutschen Wiedervereinigung aufgehoben.

Rückkehr in den Spreebo­gen: der Kreis schliesst sich

Bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 prägten der Umgang mit dem geteilten Deutschland und Berlin die Arbeit der Schweizer Vertretung. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde vieles neu möglich. Nach dem Beschluss des Deutschen Bundestages im Juni 1991, Regierungs- und Parlamentssitz von Bonn nach Berlin zu verlegen, entschied der Bundesrat, auch den offiziellen Sitz der Schweizer Botschaft wieder in das alte Berliner Stadtpalais zu zügeln. Da der Spreebogen als Zentrum des künftigen Regierungsviertels vorgesehen war, war zunächst ungewiss, ob die Botschaft in ein bauliches Neukonzept integriert werden konnte oder weichen musste. Der Siegerentwurf zur Neugestaltung bezog jedoch den historischen Botschaftsbau ein und liess ihn unberührt. Mit dem Wiedereinzug in das nunmehr mit einem modernen Anbau versehenen Stadtpalais schloss sich im Jahr 2000 ein Kreis. Die ehemalige Gesandtschaft beziehungsweise heutige Botschaft zog dort wieder ein, wo sie seit der Weimarer Republik in stürmischen Zeiten Flagge gezeigt hatte, in ihre Liegenschaft im Spreebogen. Das historische Stadtpalais befindet sich heute in einzigartiger Lage und setzt inmitten des neu gestalteten Regierungsviertels ein Zeichen Schweizerischer Beständigkeit.

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