Gefecht an der Schanze St. Jacques bei Bertigny, 13. November 1847.
Gefecht an der Schanze St. Jacques bei Bertigny, 13. November 1847. Staatsarchiv Freiburg / photographies 2051 C

Kanonen­don­ner vor den Toren Freiburgs

Wo heute Schrebergärten blühen, donnerten im November 1847 die Kanonen. Die Geschichte eines fast vergessenen Kriegsschauplatzes bei Freiburg.

Adrian Baschung

Adrian Baschung

Adrian Baschung ist Historiker und Leiter des Museums Altes Zeughaus in Solothurn.

Zwischen der Stadtgrenze von Freiburg und der Gemeinde Villars sur Glâne, gegenüber dem Freiburger Kantonsspital auf dem «Plateau de Bertigny», liegt eine grosse Schrebergartenanlage. Gepflegte Kleingärten, Blumen- und Gemüsebeete und Gartenhäuschen mit roten Satteldächern sind nach einem klaren Parzellenplan aufgereiht, ein Bild städtischer Gartenkultur, wie man es in der gesamten Schweiz anzutreffen pflegt. Jedoch dürfte den wenigsten der Gartenbesitzer, die hier Ruhe und Abwechslung vom Alltag suchen, bewusst sein, dass an diesem Ort vor 175 Jahren Kanonen- und Musketenkugeln durch die Luft zischten, Befehle gebrüllt und Marschtrommelwirbel geschlagen wurden. Wo heute Bohnen gezogen werden und Himbeeren wachsen, lagen verwundete und tote Soldaten auf der Erde. Am 13. November 1847 wurde auf dem Gelände der heutigen Schrebergartenanlage das einzige und weitgehend vergessene Scharmützel zwischen eidgenössischen und Freiburger Truppen während des Sonderbundskriegs ausgefochten: Das Gefecht bei der Feldbefestigung St. Jacques bei Bertigny.
Heute gehört der Schauplatz zur Agglomeration von Freiburg.
Heute gehört der Schauplatz zur Agglomeration von Freiburg. swisstopo
Der Kanton Freiburg, von den Kantonen Bern und Waadt umschlossen, stand isoliert von seinen Bündnispartnern da. Die Verbindung ins Wallis oder in die Innerschweiz war bei Kriegsausbruch äusserst schwer aufrecht zu erhalten, Nachschub und Truppenverschiebungen unmöglich, ohne Berner oder Waadtländer Gebiet zu durchschreiten. Der Oberkommandierende der Freiburger Truppen, Oberst Philippe de Maillardoz (1783-1853), musste den Kanton mit seinen Truppen ohne Unterstützung von auswärts verteidigen. Ihm standen, laut seinen eigenen Angaben, 5115 Milizsoldaten und rund 7000 Mann des Landsturms zur Verfügung. Während die regulären Milizen ordnungsgemäss militärisch ausgerüstet und ausgebildet waren, war der Landsturm eine «Ad-Hoc-Einheit», welche im Fall einer Invasion aus allen männlichen Einwohnern des Kantons im Alter zwischen 17 und 65 Jahren gebildet wurde, die nicht Teil der kantonalen Truppen, ehrlos oder krank waren. Diese Landstürmer mussten sich selbst um ihre Bewaffnung kümmern, so dass einfache, oft selbst hergestellten Waffen zum Einsatz kamen. Uniformen gab es auch keine, die Freiburger Landstürmer rückten in ihren Alltagskleidern aus. Lediglich eine schwarz-weisse Armbinde kennzeichnete sie als Kombattante des Kantons.
Grafik des Sonderbundskriegs in der Schweiz 1847.
Grafik des Sonderbundskriegs in der Schweiz 1847. Wikimedia
Der Freiburger Kommandant setzte bei seinen beschränkten Mitteln auf die Defensive. Während die verschiedenen Landsturmeinheiten die von Bern und der Waadt heranmarschierenden Tagsatzungstruppen in eine Art Guerilla-Krieg verwickeln sollten, konzentrierte de Maillardoz die regulären Truppen rund um die Stadt Freiburg, welche auf beiden Seiten der Saane mit einem Gürtel aus Feldbefestigungen, Gräben und Verhauen versehen wurde.
Herrenporträt von Philippe de Maillardoz, 1821.
Herrenporträt von Philippe de Maillardoz, 1821. Schweizerisches Nationalmuseum
Westlich der Saane wurde dieser Gürtel von den Feldbefestigungen (Redouten) Torry, Quintzet und St. Jacques bei Bertigny beherrscht, welche die Kantonsstrassen nach der Stadt Freiburg verteidigen sollten. Um jedoch eine Umgehung im Süden von Bertigny über Feldwege zu verhindern, wurden in einem Wäldchen namens Les Daillettes rund 200 Milizsoldaten und Landstürmer platziert. Laut Maillardoz war dies eine Schwachstelle im Verteidigungsring und musste um jeden Preis gehalten werden.
Druckgrafik: Eidgenössische Truppen vor den Toren von Freiburg.
Druckgrafik: Eidgenössische Truppen vor den Toren von Freiburg. Schweizerisches Nationalmuseum
General Dufour plante hingegen den Kanton Freiburg mit rund 25'000 Mann von mehreren Seiten anzugreifen. Während von der Berner Seite her eine Division einen Scheinangriff in den deutschsprachigen Bezirk des Kantons Freiburg durchführen sollte, rückte verdeckt eine weitere Division bei Laupen und Gümmenen über die Saane bis nach Murten und von da nach Freiburg vor. Der Hauptangriff auf Freiburg fiel aber den Armeedivisionen von Oberst Louis Rilliet-de Constant (1794-1856) (Kontingente aus der Waadt, Neuenburg und Genf) und Peter Ludwig von Donatz (1782-1849) (Kontingente aus Solothurn und beider Basel) zu, welche die Stadt von Westen her attackieren sollten. Dufours Plan war simpel: Mit einem möglichst grossen Truppenaufgebot sollte Freiburg eingekesselt und zur Aufgabe gezwungen werden.
Lagebesprechung von General Dufour (Mitte) mit seinem Stab. Mit dabei sind auch Louis Rilliet-de Constant (Vierter von links) und Peter Ludwig von Donatz (Sechster von links).
Lagebesprechung von General Dufour (Mitte) mit seinem Stab. Mit dabei sind auch Louis Rilliet-de Constant (Vierter von links) und Peter Ludwig von Donatz (Sechster von links). Wikimedia
Der Aufmarsch der eidgenössischen Truppen gegen Freiburg vollzog sich vom 10. bis zum 13. November 1847. Die Division Rilliet hatte sich bis zur Ortschaft Villars vorgeschoben und dessen vorderste Elemente standen am Nachmittag des 13. Novembers in Sichtweite der Schanze St. Jacques bei Bertigny. Da bereits auf offizieller Ebene zwischen dem eidgenössischen Generalstab und der Freiburger Regierung ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde, welcher bis am 14. November um 7 Uhr dauern sollte, wurde auch zwischen den eidgenössischen und den Freiburger Offizieren in und um der Festung St. Jacques eine Waffenruhe vereinbart. So standen sich Freiburger und Truppen aus Genf, der Waadt und Neuenburg auf wenige hundert Meter gegenüber und warteten ab, ob sich die Freiburger Regierung zum Kampf oder zur Aufgabe entschliessen würde. Welche Seite nun gegen Abend die Feindseligkeiten begann und so das Gefecht bei der Schanze von St. Jacques in Gang setzte, ist bis heute nicht eindeutig festzustellen. Während die liberal-radikale Berichterstattung und Geschichtsschreibung später behauptete, der Waffenstillstand sei von der Freiburger Festung durch Schüsse gebrochen worden, stellt die Freiburger Seite den Hergang anders dar. Gegen 16 Uhr wurde die Besatzung der Schanze bei Bertigny plötzlich von einem Schusswechsel aufgeschreckt. Von ihrer erhöhten Position konnten sie sehen, wie sich drei Scharfschützenkompanien der eidgenössischen Truppen dem Wäldchen Les Daillettes genähert hatten und die dortigen Freiburger in ein Feuergefecht verwickelten. Um ihre südlich stationierten Truppen zu unterstützen, eröffnete die Festungsbesatzung St. Jacques das Feuer aus ihren Geschützen und Musketen auf die vorgerückten Truppen.
Porträt von Oberst Louis Rilliet-de Constant, 1848.
Porträt von Oberst Louis Rilliet-de Constant, 1848. Wikimedia
Rasch wurde von eidgenössischer Seite eine waadtländische Geschützbatterie in Stellung gebracht, um mit ihrem Geschützfeuer die Kanonen des Forts St. Jacques zum Schweigen zu bringen. Wegen schlechter Sicht aufgrund von Nebel schoss diese Einheit jedoch über die Redoute, während die Freiburger Geschütze nun ihrerseits die eidgenössische Artillerie zielgenauer unter Beschuss nahm. Ein eidgenössischer Artilleriekorporal verlor dabei sein Leben, während einem Kanonier der Arm abgerissen wurde. Schliesslich musste die Batterie ihre Stellung wieder räumen. Währenddessen haben sich eidgenössische Scharfschützen auf dem Plateau de Bertigny postiert und nahmen die Festungsbesatzung unter Beschuss. Aber das Fort antwortete mit Geschütz- und Musketenfeuer. Brigadekommandant Oberst Frédéric Veillon (1804-1872) der Division Rilliet fasste den Entschluss, die Festung St. Jacques zu stürmen, zog seinen Degen und stellte sich an die Spitze eines Waadtländer Bataillons. Die Tambouren trommelten zum Sturm und das Bataillon marschierte, Gewehr im Arm, im Sturmschritt über das Plateau auf die Schanze zu. Unter unentwegtem Feuer der Freiburger erreichten die Waadtländer Truppen den Schanzengraben und begannen das Feuer zu eröffnen. Da bereits die Nacht hereinbrach, zögerten die Soldaten, den Graben zu überwinden und die Wälle zu erklettern. Plötzlich herrschte Unruhe unter den angreifenden Soldaten. Es wurde geschrien: «Minen! Die haben sicher alles vermint!» oder «Ich will nicht in die Luft gesprengt werden!» Einige wandten sich zur Flucht und rissen weitere Soldaten mit sich mit. Vergeblich versuchten die Offiziere, die Fliehenden zum erneuten Angriff zu wenden, so dass zum Rückzug getrommelt wurde. Dieser Sturmangriff kostete die Waadtländer Truppen einen hohen Blutzoll: 7 Tote und 50 Verwundete waren zu beklagen.
Blick ins Fort St. Jacques am 13. November 1847.
Blick ins Fort St. Jacques am 13. November 1847. Musée d’art et d’histoire de Fribourg
Trotz des kurzen und heftigen Gefechts blieb es durch die Nacht auf den 14. November auf beiden Seiten ruhig, bis am Morgen die Freiburger Regierung offiziell kapitulierte und ihre Armee aufforderte, die Waffen niederzulegen. Die Idee des Freiburger Militärs, die Schanze bei Bertigny «Redoute de St. Jacques» zu taufen, kam nicht von ungefähr. Zurzeit, als man die Feldbefestigung zur Abwehr der eidgenössischen Truppen erbaute, befand sich rund 300 Meter südwestlich des Forts ein steinernes Wegkreuz an der Strasse nach Freiburg. Dieses wurde 1771 an der Stelle errichtet, wo sich ursprünglich eine dem Heiligen Jakobus geweihte Kapelle befand. Dieses Jakobskreuz spielte während des Gefechts am 13. November 1847 eine wichtige Rolle. So diente es der Festungsbesatzung sowie der eidgenössischen Batterie als Geländepunkt, um ihre Geschütze entsprechend auszurichten, da es sich praktisch inmitten der Schusslinie befand und zum Zeitpunkt des Gefechts Nebel aufkam. Das Kreuz wurde später mehrfach versetzt. Heute steht es weiter westlich vom ursprünglichen Standort an einem Waldrand und statt Kanonenkugeln, zischen Autos der nahen Strasse daran vorbei.
Sonderbarer Fakt zum Sonderbundskrieg: Ein Kreuz half den Freiburger Kanonieren, ihre Geschütze besser auszurichten...
Sonderbarer Fakt zum Sonderbundskrieg: Ein Kreuz half den Freiburger Kanonieren, ihre Geschütze besser auszurichten... Foto: Adrian Baschung
Ein weiterer Zeitzeuge des Gefechts befindet sich heute im Sammlungsbestand des Schweizerischen Nationalmuseums. Es handelt sich um eine Waffe Marke Eigenbau eines Freiburger Landstürmers, ein Säbel, welcher aus einer Sense gefertigt wurde. Dazu wurde die Angel geradegebogen, ein gebogenes Bandeisen als Faustschutz angesetzt und ein Rundholz als Griff aufgesteckt. Eine solche «Notwaffe», gebaut aus einem landwirtschaftlichen Gerät, war typisch für die Bewaffnung des Landsturms, die ja keinen Zugang zu einer ordentlichen, militärischen Ausrüstung erhielten. Eigentümlich ist hier jedoch, dass die Sense nicht auf eine lange Stange zu einer Art Halbarte oder Gläve umfunktioniert wurde, wie es oft der Brauch war, sondern einen Infanteriesäbel aus der Zeit nachahmen sollte. Der Waadtländer Soldat, welcher diesen «Sensensäbel» wohl bei dem Wäldchen Les Daillettes als Kriegstrophäe an sich nahm, beschriftete die Waffe folgendermassen mit einer aufgeklebten Etikette: Guerre du Sonderbund 1847 Faux prise à un Landsturm tué sous mes yeux à nos avant-postes devant Fribourg 13 9bre
Kriegssense aus dem Sonderbundskrieg von 1847.
Kriegssense aus dem Sonderbundskrieg von 1847. Schweizerisches Nationalmuseum

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