Bild von Eugen Adam aus dem Jahr 1862: Eidgenössische Truppen halfen mit, den Putschversuch der Royalisten 1856 in Neuenburg niederzuschlagen. Schweizerisches Nationalmuseum

Der Neuenbur­ger Handel

1856 stand die Eidgenossenschaft mit einem Bein im Krieg gegen Preussen. Grund dafür war der Kanton Neuenburg, der einerseits zur Schweiz gehörte, andererseits dem König von Preussen unterstellt war.

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Einen König gab es in der Schweiz nie! Oder doch? Neuenburg war im September 1814 als eigener Kanton der Eidgenossenschaft beigetreten, hatte jedoch gleichzeitig einen royalen Herrscher: den König von Preussen. Neuenburg war also einerseits Teil der noch jungen Schweiz, die soeben ihre noch heute bestehenden Landesgrenzen erhielt, andererseits aber auch preussisches Fürstentum. Diese Doppelrolle war am Wiener Kongress 1815 bestätigt worden und erhitzte Mitte des 19. Jahrhunderts die Gemüter am Neuenburgersee. Die Schweiz hatte also nie einen ganzen, vielleicht aber einen «Viertel-König».

Putsch der Revolutionäre

Als in Europa 1848 überall liberale Revolutionen ausbrachen, packten die Monarchie-Gegner in Neuenburg ihre Chance und erhoben sich ebenfalls. Unter der Führung von Fritz Courvoisier und Ami Girard eroberten rund 1000 bewaffnete Aufständische das Schloss in der Stadt Neuenburg und riefen die Republik aus. König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen war zwar nicht erfreut, konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch nichts dagegen unternehmen. Er war mit den revolutionären Tendenzen in seinem Stammland beschäftigt. Zähneknirschend akzeptierte er die neuen Verhältnisse, seinen Anspruch auf das Fürstentum in der Westschweiz gab er jedoch nicht auf. Im Gegenteil, 1852 liess er seinen Anspruch auf Neuenburg an einer internationalen Konferenz in London bestätigen.

Friedrich Wilhelm IV von Preussen, 1847.
Friedrich Wilhelm IV. von Preussen, 1847. Wikimedia

Putsch der Royalisten

Die entmachteten Neuenburger Royalisten agierten in den nächsten Jahren im Geheimen. Sie trafen sich zu versteckten Sitzungen und warteten auf den richtigen Zeitpunkt, um die ihrer Ansicht nach rechtmässige Ordnung wiederherzustellen. Dieser Zeitpunkt kam im September 1856. Nachdem der preussische König im August signalisiert hatte, dass er einen allfälligen Putsch begrüssen würde, schlugen die Royalisten am 2. September los. Mit einigen hundert Männern eroberten sie das Schloss in Neuenburg zurück. Doch die Republikaner waren alles andere als besiegt. Mit Unterstützung der eidgenössischen Truppen, schlugen sie den Aufstand nur einen Tag später nieder. Dabei wurden rund 500 Royalisten gefangen genommen. Ihnen drohte ein Prozess und die Todesstrafe.

Nun wurde es Friedrich Wilhelm IV. zu bunt. Der preussische König verlangte die sofortige Freilassung der Gefangenen. Der Bundesrat, mittlerweile Teil des Konflikts, lehnte ab. Ebenso eine Amnestie der festgesetzten Royalisten. Es sei denn, Friedrich Wilhelm verzichte auf das Fürstentum in der Westschweiz. Ein inakzeptables Angebot für einen König! Preussen brach die diplomatischen Beziehungen zur Schweiz ab und rüstete sich für einen Krieg. Und auch die Eidgenossen rechneten mit einem bewaffneten Konflikt und mobilisierten Truppen. Am 27. Dezember 1856 wählte die Bundesversammlung Guillaume-Henri Dufour zum General. Unter Dufours Kommando wurden rund 30'000 Soldaten an den Rhein verlegt, um die Grenze zu sichern.

Flugblatt der Neuenburger Royalisten, 1856.
Flugblatt der Neuenburger Royalisten, 1856. Schweizerisches Nationalmuseum
Druckgrafik, wohl 1856 hergestellt, des Royalistenputsches in Neuenburg.
Druckgrafik, wohl 1856 hergestellt, des Royalistenputsches in Neuenburg. Schweizerisches Nationalmuseum

Endlich ganz Eidgenossen

Der drohende Konflikt kam für Europa zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Gerade erst war der Krimkrieg (1853-1856), in dem Frankreich, das Königreich Sardinen, Grossbritannien und das osmanische Reich gegen Russland gekämpft hatten, zu Ende gegangen. Die Grossmächte Frankreich und Grossbritannien wollten unter keinen Umständen eine neue Auseinandersetzung und schalteten sich ein. Schliesslich gelang es Napoleon III., den preussischen König von einem Feldzug abzubringen. Dem französischen Kaiser spielte dabei die Haltung der süddeutschen Bevölkerung in die Hände. Diese stand einem preussischen Feldzug mehrheitlich kritisch gegenüber, was den Durchmarsch und die logistische Unterstützung der Truppen erschwert hätte. Skeptisch waren auch grosse Teile der preussischen Armee. Viele Soldaten verstanden den Sinn des Angriffs nicht, denn Neuenburg lag weit entfernt, irgendwo im Süden und gehörte in ihrem Verständnis nicht wirklich zum Königreich Preussen. Friedrich Wilhelm blies den Angriff schliesslich ab.

Mitte Januar 1857 wurde der Konflikt beigelegt, und die internierten Putschisten liess man frei. Nach etlichen Verhandlungsrunden verzichtete der König von Preussen im Mai desselben Jahres auf seine Rechte, behielt jedoch den (wertlosen) Titel «Fürst von Neuenburg», worüber sich vor allem die britische Presse lustig machte. Den Neuenburgern war es egal: Sie waren endlich ganz Eidgenossen.

Karikatur im englischen Magazin «Punch» (6.6.1857). Während der Eidgenosse mit der fetten Beute davonschleicht, bleibt dem betrunkenen König nur ein Luftballon.
Karikatur im englischen Magazin «Punch» (6.6.1857). Während der Eidgenosse mit der fetten Beute davonschleicht, bleibt dem betrunkenen König nur ein Luftballon. Google Books

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.