
Der Kanderdurchstich und seine Auswirkungen
Wer heute auf der Autobahn A6 zwischen Thun und Spiez unterwegs ist, durchfährt ein ehemaliges Flussbett und überquert ein Pionierwerk der Schweizer Gewässerkorrektion aus dem frühen 18. Jahrhundert. Sein Bau hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Region um die Stadt Thun und auch für den Planer und Bauleiter Samuel Bodmer.
Bodmer schlug vor, in den Moränenhügel, der parallel zum Thunersee verläuft, einen 400 Meter langen Durchstich zu machen und so einen Teil des Flusses bei Einigen in den Thunersee zu leiten – die Idee wurde als Kanderdurchstich bekannt. Auch den Bedenken des Rates der Stadt Thun, das Kanderwasser werde den Pegel des Thunersees ansteigen lassen und in der Stadt zu Überschwemmungen führen, nahm Bodmer ernst und schlug zusätzliche Massnahmen zur Vergrösserung der Abflussmenge des Sees vor.
Die Arbeiten begannen im April 1711. Bodmer konnte zu Beginn rund 150 Arbeitskräfte einsetzen, die, ausgerüstet mit Schaufeln, Pickeln und Schubkarren, begannen, den Hügel bei Strättligen treppenförmig abzutragen. Die Bauleute bestanden aus wenigen Facharbeitern, vielen Taglöhnern, einigen Bettlern, Landstreichern und Häftlingen sowie Frauen und Kindern. Obwohl die Arbeiten militärisch organisiert waren und täglich von 5 bis 19 Uhr ausgeführt wurden, kam man nur langsam voran. Der Ausbruch des zweiten Villmergerkrieges im Frühjahr 1712 führte zu einem fast einjährigen Unterbruch der Bautätigkeiten.
Die Auswirkungen auf die Stadt Thun waren noch dramatischer. Der Wasserzufluss in den Thunersee erhöhte sich abrupt um 60 Prozent, was eine deutliche Zunahme an Überschwemmungen zur Folge hatte. Brückenfundamente und Gebäude wurden unterspült und teilweise zerstört. Um die Situation zu entschärfen, waren umfangreiche bauliche Massnahmen nötig: Der Stadtgraben wurde erweitert und als zweiter Aarearm genutzt, Mühlen wurden versetzt, Schwellen abgetragen und Schleusen zur Regulierung des Wasserstands errichtet. Trotzdem blieb die Stadt von Hochwassersituationen betroffen. Erst mit der Inbetriebnahme des Entlastungsstollens im Jahr 2009 – beinahe 300 Jahre nach dem Kanderdurchstich – wurde ein zusätzlicher Abfluss geschaffen. Dieser leitet bei Bedarf Thunerseewasser unter der Stadt hindurch und mildert so die Folgen der Kanderumleitung.
Ein weiteres Resultat der Umleitung war das Kanderdelta, das sich an der neuen Mündung der Kander schnell durch angeschwemmtes Geschiebe bildete und in den Thunersee vorstiess. Heute ist dieses Delta ein geschütztes Naturschutzgebiet, das zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet. Ohne den seit über 100 Jahren stattfindenden Kiesabbau, bei dem jährlich rund 20'000 Kubikmeter Kies gewonnen werden, wäre das Delta jedoch erheblich grösser und hätte das untere Thunerseebecken längst verlanden lassen.


