Unter Druck: Während des Zweiten Weltkriegs versuchten die Kriegsmächte auf die Schweizer Presse Einfluss zu nehmen.
Unter Druck: Während des Zweiten Weltkriegs versuchten die Kriegsmächte, auf die Schweizer Presse Einfluss zu nehmen. e-pics

Die «Aktion Trump»

Im Sommer 1940 versuchte der deutsche Presseattaché Georg Trump, kritische Stimmen in der Schweizer Presse zum Schweigen zu bringen. Die Chefredaktoren wehrten sich und gerieten damit zwischen die Fronten von Neutralität und Anpassung.

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz ist Historikerin, Universitätsdozentin und Kuratorin.

Während deutsche Truppen in Nordfrankreich vorstossen und die britische Armee kurz vor ihrer Einkesselung in Dünkirchen steht, klingelt am frühen Abend des 21. Mai 1940 in der Redaktion der Neuen Zürcher Nachrichten das Telefon. Der Anrufer ist aufgebracht über einen Artikel zum brutalen Vorgehen der deutschen Armee gegen die Zivilbevölkerung in Holland und Belgien. Sein Name ist Georg Trump, seit Februar deutscher Presseattaché in Bern. Eine «schwere Beleidigung» des deutschen Heeres sei das, schimpft Trump, und verlangt den Namen des anonymen Autors. Doch Chefredaktor Hermann Odermatt bleibt hart – trotz der deutschen Dominanz in Europa, die in diesen Tagen in Frankreich zementiert wird. Er verweist auf das Redaktionsgeheimnis. Dass es sich beim Autor um einen deutschen Emigranten handelt, erfährt der Presseattaché nicht.
Hermann Odermatt, Chefredaktor der Neuen Zürcher Nachrichten
Der verhängnisvolle Artikel in der NZN
Chefredator Hermann Odermatt gab den Autor des Artikels nicht preis. e-newspaperarchives
Als «primitiv, undifferenziert, undurchsichtig» wird Georg Trump vom späteren Chefredaktor der Basler Nachrichten Peter Dürrenmatt beschrieben. Erstmals mischt sich der Gesandtschaftsangestellte auf dem Höhepunkt des Westfeldzugs, unter Umgehung der diplomatischen Kanäle, direkt in Angelegenheiten einer Schweizer Redaktion ein. Trump verlangt von der Zeitung in der nächsten Ausgabe eine Erklärung. So weit kommt es nicht. Die Abteilung Presse und Funkspruch (APF), die Schweizer Zensurbehörde während des Zweiten Weltkriegs, stellt das Erscheinen der Neuen Zürcher Nachrichten für zehn Tage ganz ein. Sie beruft sich auf ihre Kompetenz, Massnahmen zu ergreifen, wenn das Verhältnis zu den Nachbarstaaten gefährdet werden könnte. Angriffe gegen eine fremde Armee, wie sie die katholisch-konservative Tageszeitung publiziert habe, seien in der Schweiz nicht erlaubt, bekräftigt dann auch Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Die gegen die Zeitung verhängte Massnahme ist eine der schwersten, die je ergriffen wurde. Sie ist aber längst nicht die einzige. Um diplomatische Verstimmungen zu vermeiden, geht die APF immer wieder gegen Zeitungen vor, noch bevor die deutsche Gesandtschaft Klagen vorgebracht hat. Die Erklärung, man habe die beanstandeten Zeitungen bereits selbst gemassregelt, soll die mit ihren militärischen Erfolgen immer aggressiver auftretenden deutschen Nachbarn beruhigen. Die Schweizer Behörden vermitteln damit aber auch den Eindruck, die Klagen seien berechtigt. Die deutsche Führung vertritt die Haltung, ein neutrales Land müsse eine «neutrale» Berichterstattung haben. Obschon dies dem Schweizer Verständnis von Pressefreiheit widerspricht, werden deutschlandkritische Artikel regelmässig sanktioniert. Als die Basler National-Zeitung nach der Eroberung Polens im November 1939 einen Friedensschluss als «geradezu katastrophale Anerkennung der über Verträge und Völkerrecht brutal hinwegschreitenden Gewaltpolitik» bezeichnet, wirft ihr der Chef der APF vor, Propagandablatt der Westmächte zu sein und mit ihrer Positionierung die Schweiz zu gefährden. Würde sie sich nicht ändern, müsse man Massnahmen bis hin zum Verbot in Betracht ziehen.
Die Neuen Zürcher Nachrichten geben ihre vorübergehende Einstellung bekannt.
Die Neuen Zürcher Nachrichten gaben ihre vorübergehende Einstellung bekannt. e-newspaperarchives

Chefre­dak­to­ren wehren sich

Einen Monat nach Trumps Anruf bei den Neuen Zürcher Nachrichten schliessen Deutschland und Frankreich im Wald von Compiègne einen Waffenstillstand. Der nördliche Teil Frankreichs steht unter deutscher Besatzung, das Vichy-Regime im «freien» Teil kollaboriert mit den Nationalsozialisten. Die Schweiz ist zur Insel inmitten eines faschistischen Europas geworden, vollständig von Diktaturen umgeben. Bundespräsident Pilet-Golaz lässt wenige Tage später über Radiostationen verbreiten, man müsse sich an die neuen Gegebenheiten anpassen. Der Waadtländer Magistrat ist, wie viele in diesem Sommer 1940, von einem dauerhaften deutschen Sieg überzeugt. Um die Unabhängigkeit der Schweiz zu erhalten, ist er bereit, sich deutschen Forderungen unterzuordnen.
Nach dem Waffenstillstand von Compiègne sieht sich die Schweiz von Diktaturen umzingelt.
Nach dem Waffenstillstand von Compiègne sah sich die Schweiz von Diktaturen umzingelt. Wikimedia
Trump umgeht auch in der Folge diplomatische Kanäle. Am 9. Juli spricht er bei Fritz Pochon vor, dem Verwaltungsratspräsidenten der Schweizerischen Depeschenagentur. Als Voraussetzung für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland fordert er den sofortigen Rücktritt von Ernst Schürch, Chefredaktor des Berner Bund. Wäre er weg, könne man einen Strich unter die Vergangenheit ziehen. Pochon, Verleger des Bund, stimmt einer sofortigen Entlassung zwar nicht zu, doch eine auf den 1. Oktober will er sich überlegen – Schürch ist im Pensionsalter. Dies teilt er auch Schürch mit, die Bedingungen werden schriftlich bereits festgesetzt. Der Bund ist für Trump von den grossen liberalen Tageszeitungen am einfachsten beeinflussbar, hat er doch einen alleinigen Verlagsinhaber – Pochon – den es zu überzeugen gilt. Bei der NZZ und den Basler Nachrichten, deren Chefredaktoren ebenfalls ins Visier der deutschen Gesandschaft geraten, sind die Besitzverhältnisse komplizierter. Klar ist: Die Nationalsozialisten wollen nach der Niederlage Frankreichs Journalisten, die sich in den vergangenen Monaten negativ über sie geäussert haben – «stark von der Vergangenheit belastete Redaktoren», so Trump – mundtot machen. Schürch ist über Trumps Einmischung empört und nennt sie eine «ausländische Erpressung übelster Art». Zum Ärger von Pochon informiert er Rudolf Lüdi, den Direktor der Schweizerischen Depeschenagentur – auch bei ihr hatte Trump personelle Änderungen gefordert. Lüdi erstattet wiederum Karl Sartorius Bericht, dem Herausgeber der Basler Nachrichten und Präsidenten des schweizerischen Zeitungsverlegerverbands. Dieser wendet sich in Bern an die Nationalräte und Redaktoren Theodor Gut und Markus Feldmann. Einig sind sich alle, dass es um viel mehr geht als um eine unerlaubte Einmischung in innere Angelegenheiten. Prinzipielle, pressepolitische und staatspolitische Grundsätze stehen auf dem Spiel. Der spätere Bundesrat Feldmann notiert in sein Tagebuch: «Der Kampf um die entscheidenden Stellen unserer inneren Freiheit beginnt.» Die Gerüchte um eine Absetzung Schürchs als Chefredaktor verbreiten sich rasant und weiten sich aus. Auch Willy Bretscher von der NZZ und Albert Oeri von den Basler Nachrichten seien im Visier der Deutschen. Sartorius verlangt entschieden die Intervention des Bundesrats zum Schutz der Schweizer Presse. Schürch, Oeri und Bretscher treffen sich zur Absprache und am 24. Juli schreibt Oeri einen fünfseitigen Brief an Bundespräsident Pilet-Golaz mit Kopie an alle Bundesräte, in dem er sich vehement für die Pressefreiheit einsetzt und die Unterdrückung der öffentlichen Meinung in der Schweiz durch die Behörden anprangert.
Die Chefredaktoren des Bund, Ernst Schürch; der NZZ, Willy Bretscher sowie der Basler Nachrichten, Albert Oeri gerieten ins Visier der deutschen Gesandtschaft.
Die Chefredaktoren des Bund, Ernst Schürch; der NZZ, Willy Bretscher sowie der Basler Nachrichten, Albert Oeri gerieten ins Visier der deutschen Gesandtschaft. e-newspaperarchives
Endlich bespricht auch der Bundesrat den Einmischungsversuch von Georg Trump. Die Empörung der Chefredaktoren wird in der Landesregierung jedoch nicht geteilt. Trumps Vorgehen sei zwar nicht gutzuheissen, findet der Bundespräsident, doch sollten gewisse Männer im Interesse der guten Beziehungen zu Deutschland tatsächlich verschwinden. Gemeint sind die Männer, die konsequent für Pressefreiheit einstehen und, wie Willy Bretscher es ausdrückt, überzeugt sind, dass «im Verrat und in der Selbstaufgabe» keine Rettung liegen kann. Im Gespräch mit dem deutschen Gesandten Otto Köcher, den er für «sincère» hält und mit dem er sich gut versteht, spricht Pilet-Golaz die Affäre kurz an. Der Bundespräsident hat Verständnis für die Verärgerung der Deutschen, betont aber, dass Trumps Vorgehen unzulässig war.

Unabhän­gig­keit, Neutra­li­tät und Anpassung

Die liberalen Chefredaktoren bleiben auf ihren Posten. Ihre pointierten Stellungnahmen geben sie nicht auf. Im Oktober löst ein Leitartikel von Albert Oeri über die Judenverfolgung in Deutschland Empörung aus. Hans Frölicher, der Schweizer Gesandte in Berlin, beschwert sich beim Eidgenössischen Politischen Departement. Es sei «höchst unangebracht, dass der Leiter eines der angesehensten Blätter sich zum Anwalt der Juden gegenüber dem deutschen Antisemitismus macht und dadurch bei den massgebenden Kreisen in Deutschland Verärgerung hervorruft.» Dies in einer Zeit, in der «alle guten Schweizer» die ganze Aufmerksamkeit darauf richten sollten, die Schweizer Unabhängigkeit zu retten. Oeri wird in Bern zur Stellungnahme aufgefordert. Gerade um die Schweizer Unabhängigkeit zu bewahren, habe er den Artikel geschrieben, erklärt er. Und dazu gehöre, «dass unser Volk von der Nachahmung der antisemitischen Exzesse unserer Nachbarländer abgehalten wird. Angesichts der bei uns schon sehr regen antisemitischen Hetzerei nach ausländischem Vorbild scheint mir das direkt nötig.» Die Bedrohung der Schweiz ist im Sommer 1940 sehr real. Jeden Moment rechnet man mit einem deutschen Einmarsch. Oeri, der in Riehen unmittelbar an der deutschen Grenze lebt, hätte die Rache der Nationalsozialisten als erster zu spüren bekommen. Bretscher und Schürch wären ihr ebenso wenig entgangen. Über Schürch, den die deutsche Gesandtschaft in Bern als «grössten Hetzer der Schweiz» bezeichnet hat, machte Trump bereits früh die Bemerkung, er müsse gar nicht versuchen, sich ins Ausland abzusetzen, es sei dafür gesorgt, dass man ihn an den Grenzen verhafte.
Protokoll einer Anhörung von Ernst Schürch. Darin schildert er die Vorkommnisse von 1940 und seine Beziehung zu Georg Trump.
Protokoll einer Anhörung von Ernst Schürch. Darin schilderte er die Vorkommnisse von 1940 und seine Beziehung zu Georg Trump. Schweizerisches Bundesarchiv
Trotz der persönlichen Bedrohung weichen alle drei nie von der Linie ab, dass Souveränität und Unabhängigkeit darin bestehen, Meinungsfreiheit und Demokratie gegenüber jeglichen autoritären Tendenzen zu verteidigen. «Die Schweiz muss leben; der einzelne muss es nicht» – mit diesen Worten endet der Leitartikel von Ernst Schürch, mit dem er am 26. Juli 1940 Gerüchten über seine Absetzung entgegentrat.

Die Eingabe der Zweihundert

Die Kritik an den Stimmen, die sich einer Politik der Anpassung widersetzen, bricht in der Schweiz nie ab. Mitte November 1940 gelangt die «Eingabe der Zweihundert» an den Bundesrat. Die Initianten, die aus dem deutschfreundlichen Umfeld des «Volksbunds für die Unabhängigkeit der Schweiz» stammen, sind wie Pilet-Golaz überzeugt von der langfristigen Durchsetzung einer deutschen Ordnung in Europa. Bereits am 1. August hat der Bundespräsident eine vierköpfige Delegation zum Gespräch empfangen. Einer der zentralen Punkte in ihren Forderungen ist eine rigide Zensur der Presse. Die Chefredaktoren, die Trump im Visier gehabt hat, stehen erneut im Fokus. Ihre Stimmen sollen zum Schweigen gebracht werden. Der Historiker Georg Kreis hat die Geschehnisse um die «Aktion Trump» 1973 akribisch nachgezeichnet. Trump sei für die, die sich gegen ihn wandten und die, die sich von ihm einschüchtern liessen, mehr als nur ein anmassend gewordener Beamter gewesen, schrieb er. «Mit seinen Zukunftsvisionen, seinen Umbesetzungsvorschlägen, seinen Drohungen war er gleichsam die Verkörperung der Gefahr, in der sich das Land damals befand.»
Georg Trump wurde 1940 nach Bern versetzt, wo er mit seiner Frau und seiner Tochter bis zur Ausweisung im Jahr 1945 lebte.
Georg Trump wurde 1940 nach Bern versetzt, wo er mit seiner Frau und seiner Tochter bis zur Ausweisung im Jahr 1945 lebte. Schweizerisches Bundesarchiv
Es ist ein Zufall, dass der damalige deutsche Presseattaché den gleichen Namen trug wie der aktuelle US-Präsident. Doch beide Trumps haben die Schweiz in eine Situation gebracht, in der sie sich angesichts eines übermächtigen Gegenübers zwischen Anpassung und Gegenwehr entscheiden musste. Auch wenn die Situation 2025 eine völlig andere ist als 85 Jahre zuvor, stellt sich erneut die Frage, ob eindeutige Stellungnahmen zielführend sind oder ob sie vermieden werden sollen, um keine negativen Reaktionen zu provozieren. Selbst wenn sich alle Seiten auf Unabhängigkeit, Souveränität und Neutralität berufen, unterscheiden sich die Antworten darauf deutlich. Dass es 1940 in der Schweiz Menschen gab, die unbeirrt für eine unabhängige Presse und gegen die Anpassung an den Faschismus einstanden, wurde in der Schweiz bald weitherum als identitätsstiftend gesehen. «Ihre Stimme war die Stimme des Rechts, auf die man in der Welt gehört hat», hiess es kurz nach Kriegsende über Albert Oeri anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an der Universität Basel. «Und so war es oft Ihnen zu danken, dass die Stimme der Schweiz als die Stimme des Rechts in der Welt gehört wurde.» Wie viele politische Entscheidungsträger die Stimmen von Oeri, Bretscher, Schürch und weiteren gern zum Verstummen gebracht hätten, ging in der Nachkriegszeit bald und gern vergessen.

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