Damenhandschuhe aus Ziegenleder aus dem Hause Wiessner mit Perlmuttknöpfen, vor 1900.
Damenhandschuhe aus Ziegenleder aus dem Hause Wiessner mit Perlmuttknöpfen, vor 1900. Schweizerisches Nationalmuseum

Eine Zürcher Handschuh­ma­che­rei erobert die Hände der Schweiz

Um 1920 waren die Hände einer vornehmen Dame oder eines vornehmen Herren von Zürich über Basel bis Lausanne mit feinen Lederhandschuhen der Marke Wiessner geziert. Der Familienbetrieb erlangte schweizweit grossen Ruhm − bis luxuriöse Handschuhe aus der Mode kamen.

Jasmin Mollet

Jasmin Mollet

Jasmin Mollet ist Kunsthistorikerin und arbeitet zurzeit als Assistenzkuratorin am Historischen Museum Basel.

Die Anfänge der Handschuhmacherei in der Schweiz basieren auf einer wichtigen Erfindung, die das aufwändige Zuschneiden des Leders erleichterte: Der Jouvin-Schnitt. Der Handschuhmacher Xavier Jouvin (1801–1844) aus Grenoble, dem Zentrum der französischen Handschuhherstellung, studierte diverse Menschenhände, die er in 320 Hand-Typen in einer Tabelle gliederte. Diese wiederum übersetzte er in 32 Grössen für Handschuhe. Um 1834 patentierte er die von ihm entwickelten einheitlichen Handschuhgrössen und 1838 eine Stanzform (main de fer), mit welcher die Grössen aus mehreren Stück Leder gleichzeitig gestanzt werden konnten. Der sogenannte Jouvin-Schnitt kam auf und Lederhandschuhe konnten nun seriell und effizienter hergestellt werden. Der Jouvin-Schnitt verbreitete sich rasant in Europa und wurde auch von dem Handschuhmacher Johannes Wiessner aus Oberahorn, Bayern verwendet. Dieser zog in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Riesbach, Zürich und gründete 1850 die Firma J. Wiessner. Zu der Firma gehörte eine Handschuhfabrik und spätestens ab den 1880er-Jahren auch ein Ladengeschäft, welches sich an dem ehemaligen Sonnenquai (heute Limmatquai) in Zürich befand.
Stanzform für Handschuhe im sogenannten Jouvin-Schnitt, 1875-1900.
Stanzform für Handschuhe im sogenannten Jouvin-Schnitt, 1875-1900. Schweizerisches Nationalmuseum
In der Fabrik stellte Wiessner Handschuhe mit dem Jouvin-Schnitt als normierte Ware, aber auch individuell zugeschnittene Exemplare her. Seine Spezialität waren die «Gants Joséphine», feinste Damenhandschuhe, und die wasserdichten Juchten-Reithandschuhe. Obwohl nun seriell herstellbar, blieben diese Handschuhe ein Luxusprodukt aus wertvollem Leder, das zwar mehr Personen zugänglich wurde, in aufwändigen Designs mit Stickereien, Ziernähten und Lochmuster jedoch immer noch sehr teuer sein konnten. Wer es sich leisten konnte, liess Handschuhe noch immer auf Mass und mit individueller Gestaltung fertigen. Und darauf hatte Wiessner in der Schweiz quasi ein Monopol. Denn bis 1870 war Wiessner neben der Firma A. Brouilhet aus Lausanne wohl die einzige Lederhandschuhfabrik in der Schweiz – die meisten Handschuhe wurden importiert aus Ländern wie Frankreich mit einer längeren Tradition in der Handschuhmacherei. Wie fortschrittlich die Produktion von den Handschuhen in Wiessners Werkstatt war, davon wurde im Führer durch die Schweizerische Landesausstellung im Jahr 1883 berichtet. In der Arbeitsgalerie der Abteilung Maschinenindustrie stellte Wiesser mithilfe des Jouvin-Schnittes vor den Augen der Besuchenden «in kurzer Frist ein Paar elegante Glacéhandschuhe» her. Und Wiessner traf mit den feinen Glacéhandschuhen den Zahn der Zeit. Denn diese wurden um 1900 zu den leichten Chemisekleidern getragen. Der lange, enganliegende Lederhandschuh reichte oft bis zu den Oberarmen und avancierte bis 1920 zum unerlässlichen Accessoire, das die Gesamterscheinung einer modischen Frau vervollständigte.
Die Entwicklung der Nähmaschine macht die Handschuhherstellung effizienter. In der gleichen Zeit, in welcher ein Handschuh von Hand zusammengenäht wird, können mit der motorbetriebenen Nähmaschine mehrere Paare fertiggestellt werden. Nähmaschine mit Motorantrieb und Handkurbel aus der Handschuhmacherei Wiessner.
Die Entwicklung der Nähmaschine macht die Handschuhherstellung effizienter. In der gleichen Zeit, in welcher ein Handschuh von Hand zusammengenäht wird, können mit der motorbetriebenen Nähmaschine mehrere Paare fertiggestellt werden. Nähmaschine mit Motorantrieb und Handkurbel aus der Handschuhmacherei Wiessner. Schweizerisches Nationalmuseum

Eine Qualitäts-Marke

1894 wurden die Lederhandschuhe von J. Wiessner in der Ausstellungs-Zeitung der Kantonalen Gewerbeausstellung Zürich als «ganz reizende Darstellung des mannigfaltigen Materials» und von «exquisitem Geschmack» beschrieben. Der Stellenwert, den die Marke Wiessner bis 1905 erreicht hatte, nutzte das Unternehmen zur Bewerbung der eigenen Ware. So platzierte Wiessner Werbeanzeigen in Schweizer Zeitschriften mit der Fabrikmarke sowie dem Slogan «sind anerkannt die Besten». Die goldene Medaille, mit welcher die Firma 1914 an der Schweizerischen Landesausstellung in Bern ausgezeichnet wurde, zementierte die Qualität, die von der Kundschaft erwartet werden konnte.
Werbung der Firma J. Wiessner mit dem Spruch «Wiessner-Handschuhe sind anerkannt die Besten» und der Fabrik-Marke von 1905.
Werbung der Firma J. Wiessner mit dem Spruch «Wiessner-Handschuhe sind anerkannt die Besten» und der Fabrik-Marke von 1905. e-periodica.ch
Da Wiessner neben den feinen Lederhandschuhen für modebewusste Frauen der Oberschicht auch Ordonnanz-Handschuhe für das Militär herstellte, machte das Unternehmen auch während der Weltkriege Geschäfte und konnte sich so über Wasser halten. Spätestens ab 1915 expandierte Wiessner zudem in der ganzen Schweiz mit weiteren Ladengeschäften in Basel, Lausanne und St. Gallen und ab 1938 auch in Neuenburg. Die Zweigniederlassungen in der Westschweiz hiessen «à la Belette» und wurden so wie auch alle anderen Niederlassungen in der Schweiz von Mitgliedern der Familie Wiessner als Kommanditgesellschaft Wiessner & Co. geführt. Neben den selbst fabrizierten Handschuhen verkauften sie auch andere Modeartikel wie Strumpfwaren und Krawatten sowie Pflegemittel für Handschuhe. Mit dem wachsenden Familienbetrieb wurde Wiessner also eine etablierte Modemarke in der Schweiz.
Plakat der Firma Wiessner aus dem Jahr 1917 für eine Zweigniederlassung in Basel.
Plakat der Firma Wiessner aus dem Jahr 1917 für eine Zweigniederlassung in Basel. Schule für Gestaltung Basel

Erfindungs­geist und Design

Die Musterbücher der Firma zeugen noch heute von den vielen unterschiedlichen Designs, die Wiessner anbot. Die diversen Lederfarben und Verzierungen sowie avantgardistischen Entwürfe zeigen, dass am Puls der Mode agiert wurde. Bereits 1904 meldete Johannes Wiessner auch eine eigene Handschuh-Schnittform beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum an. In den Musterbüchern sind aber nicht nur die eigenen Designs der Firma dokumentiert. Entwürfe mit dem Begriff «Alexandrine» verweisen auf Designs der Marke Alexandrine aus Paris, welche in ganz Europa von Handschuhherstellenden eingekauft und reproduziert wurden. Dadurch brachte Wiessner die neuste Mode aus Paris in die Schweiz. Fremde sowie eigene Designs wurden mit Markenstempel auf der Lederinnenseite des Handschuhs bei der Krempe oder beim Puls gekennzeichnet. Um die eigenen Entwürfe vor Nachahmungen zu schützen, liess Wiessner die Fabrikmarken im schweizerischen Handelsamtsblatt publizieren.
Musterbuch der Handschuhmacherei Wiessner von 1931-1932 mit Entwürfen der Marke Alexandrine aus Paris (oben links).
Musterbuch der Handschuhmacherei Wiessner von 1931-1932 mit Entwürfen der Marke Alexandrine aus Paris (linke Seite). Schweizerisches Nationalmuseum
Für die Popularität der Wiessner-Handschuhe waren nicht nur die einzigartigen und aus Paris importierten Designs verantwortlich, sondern auch die kontinuierliche Präsenz von Wiessner bei öffentlichen Veranstaltungen bis in die 1950er-Jahre. So unterstützte Wiessner Modeschauen in Zürich, darunter die Pelzmodeschau der Firma Paul Rückmar, welche um 1956 ihr Ladengeschäft für Pelzwaren an der Bahnhofstrasse 35 gleich über dem Geschäft von Wiessner hatte. Von den Modeschauen wurde in dem Schweizer Frauenblatt ausführlich berichtet, wo weitere namhafte Marken wie Bally erwähnt wurden, die ebenfalls Accessoires zur Modeschau beisteuerten. Auch an der SAFFA (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit) 1958 war Wiessner als Zürcher Spezial-Handarbeitsgeschäft vertreten.
Ein Model präsentiert die neuste Mode an der Grieder-Doelker-Modeschau im Baur au Lac Zürich 1929. Wiessner steuerte mit den Handschuhen «neue Eleganz bis zu den Fingerspitzen» zur Modeschau bei.
Ein Model präsentiert die neuste Mode an der Grieder-Doelker-Modeschau im Baur au Lac Zürich 1929. Wiessner steuerte mit den Handschuhen «neue Eleganz bis zu den Fingerspitzen» zur Modeschau bei. e-periodica.ch

Von der Werkstatt ins Nationalmuseum

In den 1960er-Jahren wurde der feine, verzierte Lederhandschuh von der jüngeren Generation als zu damenhaft und nicht mehr zeitgemäss empfunden. Die Zeit vom perfekten Ensemble mit Schuh, Kleid, Hut und Handschuh war vorbei, weshalb der Handschuh als Modeaccessoire langsam verschwand. Dass Handschuhe nicht mehr ein «Must-have» waren, setzte den Manufakturen zu. Zudem wurden Lederhandschuhe – wie andere Accessoires auch – zunehmend im Ausland als Billigprodukte hergestellt. Mit den tiefen Löhnen und günstigen Materialien wie Kunstleder aus synthetischen Polymeren, konnten und wollten wohl Unternehmen wie Wiessner & Co. nicht mithalten, da sie immer noch für Qualität standen. So musste Wiessner schliesslich die Kommanditgesellschaft 1983 offiziell auflösen. Bei der vorangehenden Liquidation übergab die Firma 1971 die Ausstattung der Handschuhwerkstatt dem Schweizerischen Nationalmuseum. Darunter auch die Eisenhand für den Jouvin-Schnitt, der noch heute in der Handschuhmacherei verwendet wird. Zum Beispiel von Hermès in Frankreich oder von ROECKL in München – eine der wenigen übriggebliebenen Handschuhmanufakturen, die noch als Familienbetrieb geführt wird.
Ladengeschäft von Wiessner an der Bahnhofstrasse 35 in Zürich im Jahr 1956.
Ladengeschäft von Wiessner an der Bahnhofstrasse 35 in Zürich im Jahr 1956. Baugeschichtliches Archiv Zürich

Accessoires. Objekte der Begierde

18.07.2025 12.04.2026 / Landesmuseum Zürich
Accessoires waren schon immer mehr als blosse Dekoration: Hüte, Foulards, Handschuhe, Taschen und Schuhe spiegeln soziale, politische und religiöse Zugehörigkeiten, demonstrieren Macht und Status, schützen und formen den Körper oder stehen für modischen Fortschritt. Die Ausstellung zeigt anhand von Objekten aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums, wie Accessoires vom gesellschaftlichen Wandel geprägt sind. Von den strikten Kleidervorschriften der frühen Neuzeit bis zum Spiel mit den Geschlechternormen der Gegenwart wirft die Ausstellung einen Blick auf Modegeschichte «von Kopf bis Fuss».

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