Kinder bei der Arbeit in einer Seidenzwirnerei. Foto von Rudolf Zinggeler-DaniothKinder bei der Arbeit in einer Seidenzwirnerei. Foto von Rudolf Zinggeler-Danioth, um 1890-1936.
Kinder bei der Arbeit in einer Seidenzwirnerei. Foto von Rudolf Zinggeler-Danioth, um 1890-1936. Schweizerisches Nationalmuseum

Als unsere Kinder in den Fabriken schufteten

Eine eigenartige Allianz von Kapitalismus und Katholizismus ermöglichte die massive Ausbeutung vieler Kinder – nicht weit weg, sondern im 19. Jahrhundert mitten in der Schweiz. Tage mit bis 16 Stunden Arbeit waren komplett normal.

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw ist promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller. Er veröffentlicht regelmässig historische Bücher.

Sehr gerne würde der Historiker von heute die Geschichte des elfjährigen Fabrikkindes Maria Gwerder erzählen, das in Neuägeri bis zu 16 Stunden am Tag in der nahen Spinnerei arbeitete. Oder das Leben des zwölfjährigen Anton Bossard nacherzählen, der nach den langen Arbeitstagen in der Fabrik noch in der Arbeitsanstalt die Gänge wischen, in der Küche Kartoffeln schälen und die Gartenbeete umstechen musste.
Aber die Quellenlage zur Kinderarbeit jener Zeit ist so dürftig, dass die genannten Kinder zwar erfunden sind, nicht aber ihre Lebensumstände. Denn die Zöglinge selber hatten weder die Zeit noch die Energie, über ihr überaus hartes Leben zu schreiben. Immerhin gibt es Berichte über den Alltag in den Kinderarbeits-Heimen. Doch bei diesen ist quellenkritische Vorsicht geboten, wurden sie doch allesamt von Herren verfasst, die selber direkt involviert waren und sich rechtfertigten, in dem sie beschönigten.
Eigentlich geht es um eine Pioniertat der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Auch wenn es sich um eine sehr zweifelhafte Neuerung handelte. 1855 entstand im Kanton Zug das erste Kinderarbeits-Heim der Schweiz, es hiess «Erziehungs- und Arbeitsanstalt am Gubel». Dort lebten bis zu 100 Kinder im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, die in der nahen Äusseren Spinnerei von Neuägeri arbeiteten – die eine Hälfte tagsüber, die andere nachts. Für den Alltag und die Betreuung zuständig waren Schwester Luzia Hemmi und drei Mitschwestern des «Instituts zum Heiligen Kreuz zu Menzingen».
Erziehungs- und Arbeitsanstalt am Gubel (Bildmitte) in Neuägeri, im Hintergrund die Spinnerei. Im Gebäude hinter dem Baum lebten die Kinder. 1900-1913.
Erziehungs- und Arbeitsanstalt am Gubel (Bildmitte) in Neuägeri, im Hintergrund die Spinnerei. Im Gebäude hinter dem Baum lebten die Kinder. 1900-1913. Staatsarchiv Zug

Eine Allianz der anderen Art

Das Modell gründete auf einer findigen Allianz zwischen Katholizismus und Kapitalismus. Dessen Spiritus Rector war der Kapuzinerpater Theodosius Florentini (1808-1865). Dieser umtriebige Sozialreformer erkannte, wie die Fabrikarbeit die Menschen entfremdete. Statt zum Gegner der Grossindustrie zu werden, suchte Pater Theodosius einen dritten Weg: einen, der christliche Barmherzigkeit mit rentabler Betriebswirtschaft zu verheiraten versuchte. Seine Losung hiess: «Macht die Fabriken zu Klöstern». Demnach sollte in den Produktionshallen nicht nur geschuftet, sondern auch gebetet werden, nach dem biblischen Motto von Ora et labora. Der Orden der Menzinger Schwestern ging auf die Initiative von Florentini zurück, und der Leiter der Arbeitsanstalt am Gubel war Lukas Businger, einer seiner Jünger. So kam alles zusammen, weil die Textilindustriellen noch so gerne Hand boten.
Er war der Vordenker der Kinderarbeits-Anstalten: der Kapuzinerpater Theodosius Florentini. Lithographie von 1863.
Er war der Vordenker der Kinderarbeits-Anstalten: der Kapuzinerpater Theodosius Florentini. Lithographie von 1863. ETH-Bibliothek Zürich
Denn Kinder waren in der Fabrik sehr gefragt: Sie kamen als flinke, billige Arbeitskräfte zwischen den Maschinen zum Einsatz und wirkten oft unter gefährlichsten Bedingungen als Spuler, Abnehmer und Kehrer, wobei sie Fäden anknüpften, volle Spindeln austauschten, Maschinen reinigten und Abfälle beiseite räumten. Aufgrund ihrer kleinen Körpergrösse erledigten sie vor allem Arbeiten unter, zwischen und in den Maschinen. Viele der Kinder hatten, so die schönfärberischen Berichte, «geistige und zum Theil auch leibliche Gebrechen» und erhielten pro Tag einen Arbeitslohn von 55 bis 120 Rappen. Davon zog man in der Anstalt 65 Rappen für Kost und Logis ab. Ebenso subtrahierte man das Eintrittsgeld von zehn Franken sowie die Kosten der Kleidung, sodass die Kinder froh sein mussten, wenn überhaupt etwas übrig blieb.
Tagesordnung aus einem Bericht des ersten Anstaltsdirektors Lukas Businger, 1863.
Tagesordnung aus einem Bericht des ersten Anstaltsdirektors Lukas Businger, 1863. Staatsarchiv Zug
Doch nach dem Modell von Pater Theodosius sollte die Fabrik zu einem Kloster mutieren. Da sich das nicht machen liess, ergab sich ein dichtes Programm für die spärlich bemessene Freizeit, die keine «Freizeit» im Wortsinn war: Die Kinder halfen tatkräftig in der «Arbeitsanstalt» mit, besuchten die heiligen Messen oder mussten sittlich aufbauenden Unterricht über sich ergehen lassen. Dass sie dabei unaufmerksam waren oder sogar in Schlaf fielen, entging den berichterstattenden Herren nicht, wobei sie dies als Missstand geisselten. Dafür wurde in den Berichten hervorgehoben, wie die Kinder den misslichen Verhältnissen in den Familien entkommen seien und wie der geordnete Betrieb in Fabrik und Anstalt den Kindern Struktur und Halt gaben, ihre Behandlung sei «eine humane, ächt christliche». Direktor Businger erhielt für seine segensreiche Tätigkeit sogar das Kantonsbürgerrecht geschenkt. Weiter wurde lobend hervorgehoben, dass die Kinder auch Theater einstudierten und aufführten. Dass die gespielten Stücke «Das Sklavenmädchen» und «Der Geizhals» hiessen, erwähnte der Bericht nicht, aber ist gespickt mit Ironie der Geschichte, zumal die Kinder von industriellen Geizhälsen wie Sklaven gehalten wurden.
Drei der Parteigutachten: Die Inspektoren waren alle befangen.
Drei der Parteigutachten: Die Inspektoren waren alle befangen. Michael van Orsouw
Aus heutiger Sicht verwundert es nicht, dass die Selbstbeweihräucherung nicht alle überzeugte. Immer wieder brandete Kritik auf. Der Zuger Arzt Ferdinand Kaiser beispielsweise, der als Liberaler sogar ein Parteikollege der Fabrikanten im Ägerital war, kritisierte Ende April 1863 im Kantonsparlament das Kinderarbeitsheim und vor allem die Nachtarbeit der Kinder. Bis zu «acht Nächte hintereinander» würden die Kinder an den Maschinen arbeiten, was «eine naturgemässe Entwicklung in physischer und geistiger Beziehung geradezu unmöglich» mache. Doktor Kaiser verlangte eine Untersuchung der Verhältnisse und eine Art Kinderschutz-Gesetz, was der Rat interessanterweise guthiess.
Obwohl liberal, war er ein Kritiker der Kinderarbeits-Anstalten: der Zuger Arzt Ferdinand Kaiser.
Obwohl liberal, war er ein Kritiker der Kinderarbeits-Anstalten: der Zuger Arzt Ferdinand Kaiser. Bibliothek Zug
Nur entstanden in der Folge die Berichte, welche die Beteiligten eigenhändig verfassten. Während den neun Jahren des Bestehens der Anstalt waren 488 Kinder dort untergekommen, davon stammen 158 aus dem Kanton Zug und 330 aus anderen Kantonen. Doch der Druck gegen die Anstalt blieb, sodass die Verantwortlichen beschlossen, das Pionierprojekt eines Fabrikkinderheims per Ende 1863 zu beenden.

Wieder Kapita­lis­mus und Katholizismus

Damit die Kinder nicht auf der Strasse standen, schuf die bewährte Allianz von Kapitalismus und Katholizismus eine Nachfolgelösung, in einer Distanz von weniger als 20 Kilometern. Per Neujahr konnten die Ordensschwestern mit den Kindern nach Cham ziehen, sie kamen in der «Arbeitsanstalt Hagendorn» unter. Ortspfarrer Franz Michael Stadlin übernahm den Vorsitz der «Hülfsgesellschaft», Schwester Klara Schibli von Menzingen war als Vorsteherin der Anstalt für den Betrieb zuständig. Die Kinder, diesmal waren es 70 bis 80 Zöglinge, arbeiteten in der benachbarten Weberei und Spinnerei Hagendorn. Die Fabrikkinder wurden dort gehalten wie in Ägeri, sie machten rund einen Viertel der Belegschaft aus. Immerhin waren die Löhne besser, und die Fabrikanten stellten «weitere Unterstützung in Aussicht, wie es die Zeitverhältnisse gestatten», wie es in der Lokalzeitung hiess.
Ein erneutes Parteigutachten vermerkte, wie die Kinder arbeiteten:

Tag für Tag in geschlos­se­nen Räumen, oft bei übermäs­sig hoher Tempera­tur, wo nicht nur Ausath­mung und Ausdüns­tung der Menschen, sondern auch die zur Industrie verwend­ba­ren Stoff die Luft verschlechtern.

Doch auch jetzt waren keine Veränderungen zu erwarten. Denn der Inspektor meinte zum Wirken der «edlen Schwestern»: «Das heilige Gelübde, alles zur Ehre Gottes zu thun, umfasst ihr ganzen Sein und Schaffen und bietet eine unvergleichlich sichere Gewähr als das wachsame Auge eines sogenannten Inspektors.»
Kinder bei der Erziehungsanstalt Hagendorn: Im Haus links befand sich einst die Fabrikkinder-Anstalt. Ansichtskarte von 1911.
Kinder bei der Erziehungsanstalt Hagendorn: Im Haus links befand sich einst die Fabrikkinder-Anstalt. Ansichtskarte von 1911. Bibliothek Zug
So verwundert es nicht, dass die einst von Dr. Kaiser geforderten Schutzgesetze für Kinder kein Thema mehr waren, zumal auf eidgenössischer Ebene das Fabrikgesetz mit Artikeln zum Kinderschutz in Planung war. Es dauerte allerdings bis 1877, bis das entsprechende Gesetz in Kraft trat. Es verbot die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren und beschränkte die tägliche Arbeitszeit auf 11 Stunden. Das Heim für die Fabrikkinder in Cham blieb dennoch bestehen.
Das Fabrikgesetz von 1877 regelt erstmals die Fabrikarbeit auf nationaler Ebene und verbietet die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren.
Das Fabrikgesetz von 1877 regelt erstmals die Fabrikarbeit auf nationaler Ebene und verbietet die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren. Schweizerisches Bundesarchiv
Erst am 19. August 1888 brannte die Weberei und Spinnerei Hagendorn komplett ab. Die Fabrikanten kassierten hohe Entschädigungen der Versicherung und lehnten einen Wiederaufbau ab. Somit waren 370 Personen auf einen Schlag arbeitslos, darunter auch die rund 80 Kinder der «Anstalt Hagendorn».
Ob die Kinder über das Ende der Textilfabrik und ihres Kinderheims froh waren, ist leider nicht überliefert. Aber aus der Fabrikkinderanstalt wurde in der Folge ein Waisenheim, nachdem es Carl Vogel-von Meiss, der Besitzer der Papierfabrik Cham, gekauft hatte. Dieser widerstand der Versuchung, die Kinder in seiner Fabrik zu beschäftigen. Damit war das Abenteuer der kapitalistisch-katholischen Allianz am Ende. Bemerkenswert ist, wie die Bilanz dazu in den katholisch-konservativen «Zuger Nachrichten» ausfiel: «Wo ehedem der Kapitalismus sein egoistisches Wesen trieb, da hat sich die christliche Charitas einen Tempel erbaut und zwar einen Tempel so recht des frischen und fröhlichen Lebens.»
Ob und wie fröhlich sich das Leben dort gestaltete, das wäre allerdings wieder eine andere Geschichte.

Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder

19.12.2025 20.04.2026 / Landesmuseum Zürich
Bereits vor der Industrialisierung mussten Kinder im Haushalt, auf dem Hof oder in Heimarbeit einen Beitrag zur Familienökonomie leisten. Mit dem Aufkommen der Industrie wurden sie in Fabriken als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und konnten oft nicht zur Schule. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung der Kinderrechte und beleuchtet auch das Schicksal von Verding- und Heimkindern.

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