Teil einer globalen Infrastruktur: Postsäcke beim Verlad in eine Boeing 747 der Swissair 1973.
Teil einer globalen Infrastruktur: Postsäcke beim Verlad in eine Boeing 747 der Swissair 1973. Museum für Kommunikation, FFF_04425, Foto: Beat Jost

Luftwaffe auf Jobsuche: die Anfänge der Luftpost in der Schweiz

Der massenhafte Transport von Postsendungen per Flugzeug ist längst ein fester Bestandteil globaler Logistiknetzwerke geworden. Doch der Anfang war holprig und geschah in der Schweiz aus unerwarteten Gründen.

Nicolas Kessler

Nicolas Kessler

Nicolas Kessler ist Sammlungskurator Post- und Verkehrsgeschichte und Philatelie beim Museum für Kommunikation sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter Digitales Archiv beim PTT-Archiv.

Tag für Tag treffen am Flughafen Zürich Kloten Unmengen kleiner Pakete ein. Sie kommen mit Frachtflugzeugen oder im Bauch von Passagiermaschinen – meist aus China. Absender sind Onlineshops wie Temu oder Shein, die ihre Produkte zu extrem niedrigen Preisen anbieten. Viele dieser Produkte gibt es bereits für ein paar Franken und wenige Tage nach der Bestellung liegt die Ware in Schweizer Briefkästen.

Laut einer Recherche des Blick kamen im August 2024 täglich rund eine halbe Million solcher Sendungen in der Schweiz an. Wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. Klar ist nur: Es sind sehr, sehr viele. Diese Geschäftspraxis steht zunehmend in der Kritik. Berichtet wird von miserablen Arbeitsbedingungen in den Fabriken, von der grossen Konkurrenz für das hiesige Gewerbe und den Detailhandel, von zweifelhafter Produktqualität, und nicht zuletzt von erheblichen Umweltproblemen: von der energieintensiven Herstellung bis zum klimaschädlichen Transport per Flugzeug.

Der massenhafte Transport von Postsendungen per Flugzeug ist längst ein fester Bestandteil globaler Logistiknetzwerke geworden. In Zeiten der digitalen Kommunikation geht es bei Luftpost aber weniger um das Austauschen von Nachrichten. Viel mehr wird damit die immer weiter zunehmende Nachfrage nach Konsumgütern befriedigt.

(K)eine Fortschritts­ge­schich­te

Doch wo liegen die Ursprünge dieser Entwicklung, wie sahen die Anfänge der Luftpost aus? Laut der Broschüre «Vom Läuferboten zur Luftpost», die in den 1980ern von der schweizerischen PTT herausgegeben wurde, ist der Fall klar: «Stets machte sich unsere Post jede Neuerung im Transportwesen zunutze: 1857 wurden die ersten Bahnpostwagen in Betrieb genommen, 1904 erstmals Postsendungen mit Motorwagen transportiert, und 1906 rumpelten die ersten drei Postautomobile für Personenbeförderung [...].»

Da scheint die Postbeförderung in der Luft der nächste logische Schritt gewesen zu sein: «Nachdem schon 1909 Briefe per Ballon transportiert worden waren, befördert 1913 erstmals in unserem Lande ein Motorflugzeug Postsendungen [...]. Im internationalen Postverkehr nimmt heute die Luftpost eine hervorragende Stellung ein [...]»

In dieser Darstellung war die Einführung der Luftpost also die logische und quasi automatische Folge von Fortschritt und neuen Technologien, ein Blick ins Archiv zeigt jedoch eine andere Realität. Im Folgenden wird es hauptsächlich um die Entwicklung in der Schweiz gehen. Weltweit spielte sich jedoch ganz ähnliches ab und die ausländischen Entwicklungen hatten einen grossen Einfluss auf die Luftpost in der Schweiz.

Die Anfänge: Luftwaffe auf Jobsuche

Der erste Posttransport per Flugzeug fand in der Schweiz 1913 statt. Der Flugpionier Oskar Bider transportierte in einer kleinen Propellermaschine Briefe von Basel nach Liestal. Eine aus heutiger Sicht fast schon absurd kurze Strecke von rund 14 Kilometern. Dabei handelte es sich und einen einmaligen Sonderanlass, wie sie in dieser Zeit auch in anderen, vor allem europäischen Ländern stattfanden. Diese Flüge erregten zwar viel Aufmerksamkeit und stiessen auch bei Briefmarkensammlerinnen und Briefmarkensammlern auf grossen Anklang. Sie waren aber noch nicht Teil der regulären Postbeförderung.

Dazu kam es in der Schweiz erst nach dem Ersten Weltkrieg. Ab Januar 1919 führte das Kommando der Schweizer Fliegerabteilung, also die Luftwaffe, zwischen Bern und Zürich regelmässige Flugverbindungen durch. Einige Monate später wurde die Strecke auf Lausanne–Bern–Zürich ausgedehnt. Ab April startete dann der offizielle Versuchsbetrieb durch die schweizerische Post. In einer entsprechenden Verfügung vom 23. April 1919 wurden die genauen Abläufe geregelt. Da der Brieftransport per Flugzeug deutlich teurer war als etwa mit der Bahn, musste ein Zuschlag von 50 Rappen bezahlt werden. Dazu wurden spezielle Flugpostmarken geschaffen, die nur zu diesem Zweck genutzt werden konnten. Auch Regelungen für Flugausfälle wurden getroffen, da die Zuverlässigkeit von Flugverbindungen (z.B. wetterbedingt) noch nicht besonders hoch war.
Der Krieg als Triebfeder: Ein Flugzeug der erst ein paar Jahre alten Schweizer Luftwaffe über Locarno fotografiert 1919 von Walter Mittelholzer.
Der Krieg als Triebfeder: Ein Flugzeug der erst ein paar Jahre alten Schweizer Luftwaffe über Locarno fotografiert 1919 von Walter Mittelholzer. ETH-Bibliothek
Die Verfügung vom 23. April 1919 regelt den Betrieb des Versuchsbetriebs der ersten regelmässigen Schweizer Luftpost zwischen Zürich und Lausanne.
Die Verfügung vom 23. April 1919 regelt den Betrieb des Versuchsbetriebs der ersten regelmässigen Schweizer Luftpost zwischen Zürich und Lausanne. PTT-Archiv, P-00 C LA 00001:05
Die Post wollte sicherlich erste Erfahrungen mit diesem neuen Transportmittel sammeln. Aber für die Einführung dieses Flugbetriebs scheint ein weiterer Grund den Ausschlag gegeben zu haben: Das Ende des Ersten Weltkriegs. Aufgrund der Bedrohungslage sah sich 1914 die Schweizer Armee gezwungen, eine eigene Luftwaffe zu schaffen. Eiligst wurde diese auf die Beine gestellt, teils sogar mit Flugzeugen, die an der schweizerischen Landesausstellung requiriert werden mussten. Nach dem Ende des Kriegs verfügte die Schweiz über eine eigene Luftwaffe. Doch diese war mit beträchtlichen Kosten verbunden, nicht nur im Unterhalt der Flugzeuge, auch die Piloten waren auf regelmässiges Training angewiesen. Und so kam es, dass die Luftwaffe entschied, «in Verbindung mit dem obligat. Monatsfliegertraining, einen regelmässigen Kurierdienst zwischen Dübendorf und Bern» einzuführen, wie die NZZ am 11. Juli 1919 berichtete. Problematisch seien die hohen Kosten gegenüber den geringen Einnahmen. Nach einem anfänglichen Hype wurden nur etwa 250 Briefe pro Tag mit der Luftpost transportiert. Deshalb warnte der NZZ-Artikel davor, dass man gezwungen sein werde, «die Flugpost aufzugeben, falls sie nicht eine Subvention erhält, die ihr gestattet, diese moderne Postbeförderung wenigstens ohne Verlust durchzuführen».
 
Wirtschaftlich erfolgreich war die Luftpost also zumindest in der ersten Zeit kaum. Aber an der Fliegerei wurde dennoch festgehalten. Das war auch das Anliegen eines anderen Artikels in der NZZ vom 15. Oktober 1919. Darin wird von der Gründung der Schweizer Fluggesellschaft Ad Astra berichtet. Es sei nötig auf «dem verheissungsvollen Gebiet einen Schritt weiter zu gehen, sollen wir nicht Gefahr laufen, dass fremdes Kapital und fremde Flieger sich bei uns festsetzen». Das Ganze sei eine Art «Heimatschutz» auch um «die vom Staate mit grossen Opfern ausgebildeten Militärpiloten und Flugmechaniker ständig in Übung zu halten, ihnen eine Garantie für ihre Existenz zu geben».
Die neue Schweizer Luftwaffe war einer der ausschlaggebenden Gründe für die ersten Luftpostlinien in der Schweiz. Die Fotografie zeigt die stolz aufgereihten Fluggeräte. Der Militärflugplatz Dübendorf kann hier zu Recht als Flugfeld, mit einem Schmunzeln vielleicht sogar als Flugacker bezeichnet werden.
Der Krieg als Triebfeder: Ein Flugzeug der erst ein paar Jahre alten Schweizer Luftwaffe über Locarno fotografiert 1919 von Walter Mittelholzer. Museum für Kommunikation, Bern, FFF_65170
Die noch junge Luftfahrt war abenteuerlich und mitunter gefährlich, wie dieser spektakuläre Absturz von 1917 auf das Dach des Hotels Löwen in Schlieren zeigt.
Die noch junge Luftfahrt war abenteuerlich und mitunter gefährlich, wie dieser spektakuläre Absturz von 1917 auf das Dach des Hotels Löwen in Schlieren (ZH) zeigt. ETH-Bibliothek

Die Welt wird kleiner …

Auch andere Schweizer Städte waren daran interessiert, Teil des Flugpostnetzes zu werden. Überliefert ist ein Antrag des Stadtrats von St. Gallen an das schweizerische Postdepartement, man möge die Stadt doch als «künftigen Flugpostplatz ins Auge zu fassen». Eine innerschweizerische Luftpost konnte jedoch nie rentabel betrieben werden, da sich der Zeitgewinn erst auf grösseren Strecken wirklich bemerkbar machte.
 
In der gleichen Zeit entstanden auch erste internationale Luftpostverbindungen. Dabei stellten sich zuerst auch ganz praktische Fragen: Wie kommt die Post von Basel nach Lörrach, wenn diese auf dem Flugweg nach Frankfurt sollte? Und wie wird diese verzollt? Ein besonders schönes Stück Kommunikationsgeschichte spielte sich dabei im Juni 1920 ab. «Wegen Dunkelheit» konnte ein Luftpostflug von Frankfurt nach Lörrach nicht durchgeführt werden. Die Briefe mussten daher auf dem langsameren Weg auf der Schiene transportiert werden. Und wie teilt dies das deutsche Reichspostministerium mit? Natürlich mit einem Telegramm an die Oberpostdirektion in Bern.
 
Der Ausbau eines globalen Luftpostnetzes bedeutete also einiges an Koordination. Neue oder geänderte Luftpostverbindungen mussten zwischen den verschiedenen, staatlichen Postdienstleistern kommuniziert werden. Und wann die Nutzung einer Luftpostverbindung sinnvoll war, musste teilweise erst in Erfahrung gebracht werden. Ein Beispiel: Auf Anfrage der schweizerischen Post erläuterte das General Post Office im März 1932 die Luftpostverbindungen im britischen Kolonialreich. Zwar bestehe die Möglichkeit, Briefe per Luftpost nach Australien zu schicken. Diese würden zuerst auf der Strecke London–Karachi–Delhi und anschliessend weiter nach Jodhpur geflogen. Von dort ginge es dann auf gewöhnlichen Weg weiter nach Colombo, wo die Briefe elf Tage nach Versenden in London einträfen. Ab Colombo würden sie schliesslich mit dem Schiff nach Australien transportiert, das nur einen Tag vor Abflug in London ausgelaufen wäre. Der England-India air service biete also kaum einen Vorteil für Post nach Australien und Neuseeland.
 
Wenn das Flugzeug gleich lange hat, wie das Dampfschiff: Das britische General Post Office erläutert 1932 die Luftpostverbindungen nach Australien.
Wenn das Flugzeug gleich lange hat, wie das Dampfschiff: Das britische General Post Office erläutert 1932 die Luftpostverbindungen nach Australien. PTT-Archiv, P-00 C LA 00037:01
Das Versprechen einer vernetzten Welt. Dieser Fortschrittsglaube manifestierte sich auch in der Werbung. Auf dem Plakat wird eine idyllische, aber abgelegene Siedlung gezeigt. Doch das dargestellte Flugzeug und der Briefkasten verheissen die Verbundenheit mit dem Rest der Welt.
Das Versprechen einer vernetzten Welt. Dieser Fortschrittsglaube manifestierte sich auch in der Werbung. Auf dem Plakat wird eine idyllische, aber abgelegene Siedlung gezeigt. Doch das dargestellte Flugzeug und der Briefkasten verheissen die Verbundenheit mit dem Rest der Welt. Museum für Kommunikation, LPG_0121

… aber zu welchem Preis?

Ein konstantes Thema in den ersten Jahrzehnten der Luftfahrt blieben die Kosten. Das betraf nicht nur die Luftpost, sondern auch die Passagierfliegerei. In der Überzeugung, in die Luftfahrt investieren zu müssen, wurden Schweizer Fluggesellschaften daher mit staatlichen Subventionen unterstützt. Das eidgenössische Post- und Eisenbahndepartement tat dies in den 1930er-Jahren gleich doppelt: Einerseits durch die Postverwaltung und andererseits durch das schweizerische Luftamt, das im selben Departement beheimatet war. Die Fluggesellschaften erhielte für jeden geleisteten Postflug eine Vergütung des Postamts ausbezahlt: Pro Flug wurde pauschal das Gewicht von 100 kg Fracht verrechnet, obwohl dieses nur selten erreicht wurde. Das sei nötig, «da sonst die meisten Unternehmungen den Betrieb einstellen müssten. Die Einnahmen aus dem Transportgeschäft reichen bei weitem nicht aus [...]. Eine Erhöhung der Taxen würde nur eine Abwanderung des Verkehrs auf andere Transportmittel bewirken», wie es in internen Dokumenten der PTT ausgeführt wird.
 
In gewisser Weise ist das auch heute noch so. Zwar gibt es keine direkten Luftpostsubventionen mehr. Aber der Schweizer Bundesstaat verzichtet beispielsweise auf beträchtliche Beträge der Mineralölsteuer, denn die gewerbliche Luftfahrt ist davon ausgenommen. Ein Umstand, der angesichts immer dringend werdender Reduktionen des Treibhausgasausstosses in der Kritik steht.
 
Gerade in der Anfangszeit wurde Post also kaum auf dem Luftweg befördert, weil es sich aus postalischer Sicht angeboten hätte. Vielmehr wurden damit andere, politische Ziele verfolgt. Etwa die Quersubventionierung der jungen Schweizer Luftwaffe oder die Unterstützung von Fluggesellschaften. Erst die Nachkriegszeit und das Entstehen eines weltweiten Flugnetzes führten zu einer grossen Ausweitung von Luftpost und -fracht. Vor allem der Zeitgewinn gegenüber dem Seeweg rechtfertigt hier die höheren Transportkosten – auch wenn bis heute der Transport von Briefen und Paketen auf dem Luftweg mehr oder weniger indirekt durch öffentliche Gelder unterstützt wird.
Dieser Blogbeitrag erschien ursprünglich auf dem Blog des Museums für Kommunikation.

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