
Luftwaffe auf Jobsuche: die Anfänge der Luftpost in der Schweiz
Der massenhafte Transport von Postsendungen per Flugzeug ist längst ein fester Bestandteil globaler Logistiknetzwerke geworden. Doch der Anfang war holprig und geschah in der Schweiz aus unerwarteten Gründen.
Laut einer Recherche des Blick kamen im August 2024 täglich rund eine halbe Million solcher Sendungen in der Schweiz an. Wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. Klar ist nur: Es sind sehr, sehr viele. Diese Geschäftspraxis steht zunehmend in der Kritik. Berichtet wird von miserablen Arbeitsbedingungen in den Fabriken, von der grossen Konkurrenz für das hiesige Gewerbe und den Detailhandel, von zweifelhafter Produktqualität, und nicht zuletzt von erheblichen Umweltproblemen: von der energieintensiven Herstellung bis zum klimaschädlichen Transport per Flugzeug.
Der massenhafte Transport von Postsendungen per Flugzeug ist längst ein fester Bestandteil globaler Logistiknetzwerke geworden. In Zeiten der digitalen Kommunikation geht es bei Luftpost aber weniger um das Austauschen von Nachrichten. Viel mehr wird damit die immer weiter zunehmende Nachfrage nach Konsumgütern befriedigt.
(K)eine Fortschrittsgeschichte
Da scheint die Postbeförderung in der Luft der nächste logische Schritt gewesen zu sein: «Nachdem schon 1909 Briefe per Ballon transportiert worden waren, befördert 1913 erstmals in unserem Lande ein Motorflugzeug Postsendungen [...]. Im internationalen Postverkehr nimmt heute die Luftpost eine hervorragende Stellung ein [...]»
In dieser Darstellung war die Einführung der Luftpost also die logische und quasi automatische Folge von Fortschritt und neuen Technologien, ein Blick ins Archiv zeigt jedoch eine andere Realität. Im Folgenden wird es hauptsächlich um die Entwicklung in der Schweiz gehen. Weltweit spielte sich jedoch ganz ähnliches ab und die ausländischen Entwicklungen hatten einen grossen Einfluss auf die Luftpost in der Schweiz.
Die Anfänge: Luftwaffe auf Jobsuche
Dazu kam es in der Schweiz erst nach dem Ersten Weltkrieg. Ab Januar 1919 führte das Kommando der Schweizer Fliegerabteilung, also die Luftwaffe, zwischen Bern und Zürich regelmässige Flugverbindungen durch. Einige Monate später wurde die Strecke auf Lausanne–Bern–Zürich ausgedehnt. Ab April startete dann der offizielle Versuchsbetrieb durch die schweizerische Post. In einer entsprechenden Verfügung vom 23. April 1919 wurden die genauen Abläufe geregelt. Da der Brieftransport per Flugzeug deutlich teurer war als etwa mit der Bahn, musste ein Zuschlag von 50 Rappen bezahlt werden. Dazu wurden spezielle Flugpostmarken geschaffen, die nur zu diesem Zweck genutzt werden konnten. Auch Regelungen für Flugausfälle wurden getroffen, da die Zuverlässigkeit von Flugverbindungen (z.B. wetterbedingt) noch nicht besonders hoch war.


Wirtschaftlich erfolgreich war die Luftpost also zumindest in der ersten Zeit kaum. Aber an der Fliegerei wurde dennoch festgehalten. Das war auch das Anliegen eines anderen Artikels in der NZZ vom 15. Oktober 1919. Darin wird von der Gründung der Schweizer Fluggesellschaft Ad Astra berichtet. Es sei nötig auf «dem verheissungsvollen Gebiet einen Schritt weiter zu gehen, sollen wir nicht Gefahr laufen, dass fremdes Kapital und fremde Flieger sich bei uns festsetzen». Das Ganze sei eine Art «Heimatschutz» auch um «die vom Staate mit grossen Opfern ausgebildeten Militärpiloten und Flugmechaniker ständig in Übung zu halten, ihnen eine Garantie für ihre Existenz zu geben».


Die Welt wird kleiner …
In der gleichen Zeit entstanden auch erste internationale Luftpostverbindungen. Dabei stellten sich zuerst auch ganz praktische Fragen: Wie kommt die Post von Basel nach Lörrach, wenn diese auf dem Flugweg nach Frankfurt sollte? Und wie wird diese verzollt? Ein besonders schönes Stück Kommunikationsgeschichte spielte sich dabei im Juni 1920 ab. «Wegen Dunkelheit» konnte ein Luftpostflug von Frankfurt nach Lörrach nicht durchgeführt werden. Die Briefe mussten daher auf dem langsameren Weg auf der Schiene transportiert werden. Und wie teilt dies das deutsche Reichspostministerium mit? Natürlich mit einem Telegramm an die Oberpostdirektion in Bern.
Der Ausbau eines globalen Luftpostnetzes bedeutete also einiges an Koordination. Neue oder geänderte Luftpostverbindungen mussten zwischen den verschiedenen, staatlichen Postdienstleistern kommuniziert werden. Und wann die Nutzung einer Luftpostverbindung sinnvoll war, musste teilweise erst in Erfahrung gebracht werden. Ein Beispiel: Auf Anfrage der schweizerischen Post erläuterte das General Post Office im März 1932 die Luftpostverbindungen im britischen Kolonialreich. Zwar bestehe die Möglichkeit, Briefe per Luftpost nach Australien zu schicken. Diese würden zuerst auf der Strecke London–Karachi–Delhi und anschliessend weiter nach Jodhpur geflogen. Von dort ginge es dann auf gewöhnlichen Weg weiter nach Colombo, wo die Briefe elf Tage nach Versenden in London einträfen. Ab Colombo würden sie schliesslich mit dem Schiff nach Australien transportiert, das nur einen Tag vor Abflug in London ausgelaufen wäre. Der England-India air service biete also kaum einen Vorteil für Post nach Australien und Neuseeland.


… aber zu welchem Preis?
In gewisser Weise ist das auch heute noch so. Zwar gibt es keine direkten Luftpostsubventionen mehr. Aber der Schweizer Bundesstaat verzichtet beispielsweise auf beträchtliche Beträge der Mineralölsteuer, denn die gewerbliche Luftfahrt ist davon ausgenommen. Ein Umstand, der angesichts immer dringend werdender Reduktionen des Treibhausgasausstosses in der Kritik steht.
Gerade in der Anfangszeit wurde Post also kaum auf dem Luftweg befördert, weil es sich aus postalischer Sicht angeboten hätte. Vielmehr wurden damit andere, politische Ziele verfolgt. Etwa die Quersubventionierung der jungen Schweizer Luftwaffe oder die Unterstützung von Fluggesellschaften. Erst die Nachkriegszeit und das Entstehen eines weltweiten Flugnetzes führten zu einer grossen Ausweitung von Luftpost und -fracht. Vor allem der Zeitgewinn gegenüber dem Seeweg rechtfertigt hier die höheren Transportkosten – auch wenn bis heute der Transport von Briefen und Paketen auf dem Luftweg mehr oder weniger indirekt durch öffentliche Gelder unterstützt wird.
Dieser Blogbeitrag erschien ursprünglich auf dem Blog des Museums für Kommunikation.


