Pollice verso, Daumen nach unten. Oft entschied das Publikum, ob ein besiegter Gladiator leben oder sterben sollte. Gemälde von Jean-Léon Gérôme, 1872.
Pollice verso, Daumen nach unten. Oft entschied das Publikum, ob ein besiegter Gladiator leben oder sterben sollte. Gemälde von Jean-Léon Gérôme, 1872. Wikimedia

Gladia­to­ren — tragische Helden

Gladiatorenkämpfe gehörten zu den blutigsten Spektakeln der römischen Welt. Sie waren auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz äusserst beliebt.

Eva Carlevaro

Eva Carlevaro

Eva Carlevaro ist Archäologin und Chefredaktorin der Zeitschrift «arCHaeo Suisse» der Gesellschaft Archäologie Schweiz.

Im Dezember 2021 machten Archäologinnen und Archäologen in Kaiseraugst (AG) eine überraschende Entdeckung. Bei Bauarbeiten für das neue Bootshaus des Basler Ruderclubs kamen die Überreste eines bislang unbekannten römischen Amphitheaters zum Vorschein. Die Anlage misst rund 50 Meter in der Länge und 40 Meter in der Breite und liegt unmittelbar neben dem spätrömischen Kastell Castrum Rauracense.
Besonders aufschlussreich ist der Fund einer Münze während dieser Bauarbeiten. Sie wurde unter Kaiser Constantius II. in den Jahren 340–341 n. Chr. geprägt. Da sowohl Constantius II. als auch der spätere Kaiser Julian nachweislich Zeit in diesem Kastell verbrachten, ist es gut möglich, dass der Bau der Arena mit der kaiserlichen Präsenz in der Region zusammenhängt. Beim entdeckten Amphitheater handelt es sich um das bislang jüngste bekannte im gesamten römischen Reich. Die Entdeckung zeigt, dass selbst in der Spätantike noch Veranstaltungen in Amphitheatern stattfanden. Ob hier tatsächlich noch Gladiatorenkämpfe ausgetragen wurden oder eher Tierhetzen und andere Vorführungen stattfanden, bleibt jedoch unklar.
TV-Bericht über die sensationelle Entdeckung, welche 2021 in Kaiseraugst gemacht wurde. SRF
Sicher ist hingegen, dass Augusta Raurica mit seinen nun drei Amphitheatern über mehrere Jahrhunderte hinweg wichtiger Schauplatz solcher Spiele mit Gladiatoren war. Doch wer waren diese Menschen, die zum Vergnügen anderer in den Arenen starben? Und warum waren diese blutigen Spiele in der römischen Zeit derart beliebt?

Begräb­nis­ri­tu­al der Etrusker

Die Ursprünge der Gladiatorenspiele liegen vermutlich in etruskischen Begräbnisritualen. Bei diesen Zeremonien kämpften Männer zu Ehren eines Verstorbenen. Das vergossene Blut galt als Opfergabe für den Toten. Die Römer übernahmen diese Tradition und machten daraus eine der beliebtesten Unterhaltungsformen ihrer Zeit. Der erste historisch belegte Gladiatorenkampf fand 264 v. Chr. in Rom statt. Was als privates Totengedenken begann, entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem staatlich organisierten Massenspektakel – den sogenannten munera. In zahlreichen Städten des römischen Reichs entstanden daraufhin Amphitheater – heute sind über 200 Anlagen in ganz Europa bekannt. Allein auf dem Gebiet der heutigen Schweiz sind heute acht Amphitheater bekannt.
Das bekannteste Amphitheater der Welt: das Colosseum in Rom.
Das bekannteste Amphitheater der Welt: das Colosseum in Rom. e-pics
Die meisten Gladiatoren stammten aus den unteren Schichten der Gesellschaft. Häufig handelte es sich um Kriegsgefangene, Sklaven oder verurteilte Verbrecher. Sie wurden zum Kampf in der Arena gezwungen. Doch die Welt der Gladiatoren war komplexer, als es zunächst scheint. Einige freie Männer entschieden sich ebenfalls für dieses gefährliche Leben. Diese sogenannten auctorati verpflichteten sich für eine bestimmte Zeit – manchmal aus Abenteuerlust, häufiger jedoch aus finanzieller Not. Auch Frauen traten gelegentlich als Gladiatorinnen auf.
Ein Marmorrelief aus Halikarnassos (Türkei) zeigt den Kampf zweier Gladiatorinnen.
Ein Marmorrelief aus Halikarnassos (Türkei) zeigt den Kampf zweier Gladiatorinnen. © The Trustees of the British Museum
Das Leben eines Gladiators war von strenger Disziplin geprägt. Die Kämpfer lebten und trainierten in speziellen Schulen oder Kasernen, den sogenannten ludi. Diese standen unter der Leitung eines Trainers, des lanista. Die Ausbildung begann meist an einem Holzpfahl, bevor die Gladiatoren mit stumpfen Übungswaffen gegeneinander kämpften. Trotz der Brutalität der Arena war ihre medizinische Versorgung erstaunlich fortschrittlich, denn Gladiatoren waren eine kostspielige Investition. Auch die Ernährung war gezielt abgestimmt. Gladiatoren wurden häufig als «Gerstenfresser» bezeichnet, da ihre Kost vorwiegend aus Getreide und pflanzlicher Nahrung bestand. Diese Ernährung half ihnen, Muskelmasse aufzubauen und gleichzeitig eine schützende Fettschicht zu entwickeln. Innerhalb der Gladiatorenschule bildeten die Kämpfer eine Gemeinschaft, die als familia gladiatoria bezeichnet wurde.
Ein Tag in der Arena des Amphitheaters folgte einem festen Ablauf. Er begann mit der pompa, einer feierlichen Parade, bei der Gladiatoren und Organisatoren in die Arena einzogen. Am Vormittag fanden häufig Tierhetzen sowie die Hinrichtung von Verbrechern statt. Die eigentlichen Gladiatorenkämpfe bildeten am Nachmittag den Höhepunkt der Spiele. Entgegen modernen Vorstellungen waren diese Kämpfe kein chaotisches Gemetzel. Ein Schiedsrichter überwachte streng die Einhaltung von Regeln. Ein Kampf dauerte meist nur zehn bis fünfzehn Minuten. Häufig liess der Veranstalter das Publikum darüber entscheiden, ob der unterlegene Gladiator begnadigt werden sollte. Die Lebenserwartung eines Gladiators war gering. Viele starben bereits nach wenigen Kämpfen. Erfolgreiche Kämpfer konnten jedoch Ruhm und Belohnungen gewinnen. In seltenen Fällen erhielten sie sogar die Freiheit – symbolisiert durch ein hölzernes Schwert, die sogenannten rudis.
Gladiatorenmosaik aus Augusta Raurica, entstanden im 3. Jahrhundert n. Chr.
Gladiatorenmosaik aus Augusta Raurica, entstanden im 3. Jahrhundert n. Chr. © Augusta Raurica, Susanne Schenker
Auch in der römischen Schweiz waren Gladiatorenkämpfe sehr beliebt. Zwar gibt es keine schriftlichen Quellen über das Leben (oder den Tod) der Gladiatoren in unserer Region, doch archäologische Funde belegen ihre grosse Bedeutung. Besonders eindrucksvoll ist das berühmte Gladiatorenmosaik aus der Insula 30 in Augusta Raurica mit seinen detaillierten Kampfszenen. Auch auf Alltagsgegenständen waren Darstellungen von Gladiatoren beliebt. Tonlampen, Messergriffe, kleine Bronzestatuetten oder Glasgefässe mit Gladiatorenmotiven zeugen davon, wie sehr diese Figuren die Vorstellungskraft der Menschen prägten. Zudem sind aus Augusta Raurica oder Avenches Wandkritzeleien (Graffiti) überliefert, die als Gladiatoren interpretiert werden.
Bronzestatuen von Gladiatoren waren beliebt.
Bronzestatuen von Gladiatoren waren beliebt. © Site et Musée romains d'Avenches, photo NVP3D
Neben den Zweikämpfen zwischen Gladiatoren gehörten auch die sogenannten venationes, Tierhetzen, zu den beliebtesten Arenaspielen. Dabei kämpften speziell ausgebildete Jäger gegen wilde Tiere oder Tiere wurden gegeneinandergehetzt. Auch in der Schweiz gibt es Hinweise auf solche Vorführungen. Beispielsweise in Kaiseraugst wurde in einem Brunnen ein Bärenschädel gefunden, dem bereits zu Lebzeiten die Reisszähne abgesägt worden. Das Tier litt dadurch grosse Schmerzen und starb einige Monate später, aber dieser Eingriff deutet darauf hin, dass das Tier möglicherweise für Vorführungen in der Arena vorgesehen war. Auch das berühmte Mosaik der römischen Villa in Vallon (FR) in der Westschweiz zeigt eindrucksvoll solche Jagdszenen.
Ausschnitt aus dem Venatio-Mosaik der Villa von Vallon: Ein Jagdhund greift einen Hirsch an.
Ausschnitt aus dem Venatio-Mosaik der Villa von Vallon: Ein Jagdhund greift einen Hirsch an. Musée Vallon
Dank der Funde aus Pompeji sind die Paradenwaffen der Gladiatoren gut bekannt. Grabsteine und antike Quellen verraten uns heute sogar die Namen einzelner Gladiatoren. Trotz ihres niedrigen sozialen Status konnten sie zu regelrechten Publikumslieblingen werden. Der bekannteste Gladiator der Geschichte ist Spartacus, der im 1. Jahrhundert v. Chr. einen grossen Sklavenaufstand gegen Rom anführte. Weniger bekannt, aber für unsere Region besonders interessant, ist der gallische Gladiator Crixus. Er war ein Mitstreiter des Spartacus und gehörte dem Stamm der Allobroger an, dessen Siedlungsgebiet bis in die Region um das heutige Genf reichte.
Im Laufe des 4. Jahrhunderts änderte sich die Einstellung gegenüber den Arenaspielen zunehmend. Mit der Ausbreitung des Christentums gerieten besonders die Gladiatorenkämpfe in Kritik. Kirchenväter verurteilten sie als unmoralisch und unvereinbar mit der neuen Religion. Tierjagden wurden noch eine Zeit lang weiter veranstaltet. Doch mit den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen im spätantiken Reich sowie dem Rückgang der grossen städtischen Finanzierungssysteme endete schliesslich auch diese Ära blutiger Arenaspiele.

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