In seinen Melodien hat Franz Liszt auch ein Stück Schweiz verewigt. Illustration von Marco Heer
In seinen Melodien hat Franz Liszt auch ein Stück Schweiz verewigt. Illustration von Marco Heer.

Die Schweiz für Virtuosen

In seinen berühmten «Années de Pèlerinage» hat der Komponist Franz Liszt sein Bild der Schweiz geschaffen. Gedichte und Illustrationen begleiten seine Musik.

Barbara Basting

Barbara Basting

Barbara Basting war als Kulturredaktorin tätig und leitet derzeit das Ressort Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

«Die Ufer des Walensees fesselten uns lange. Franz komponierte hier für mich eine melancholische Harmonie, die das Seufzen der Wellen und den Rhythmus der Ruderschläge nachahmt, die ich nie hören konnte, ohne zu weinen.» Diese rührseligen Zeilen über Franz Liszt (1811–1886) stammen aus den Memoiren von Marie d’Agoult (1805–1876). Die Gräfin stammte aus besten Kreisen, war standesgemäss verheiratet und Mutter zweier kleiner Kinder, als sie dem Virtuosen Liszt in einem Pariser Salon begegnete. Daraus wurde eine Liaison mit musikhistorischen Folgen.
Gräfin Marie d'Agoult, gemalt von Henri Lehmann, 1843.
Gräfin Marie d'Agoult, gemalt von Henri Lehmann, 1843. Wikimedia / Musée Carnavalet, Paris
Die pulsierende Pariser Kulturszene war ein Tummelfeld für pianistische Wunderkinder aus aller Welt. Liszt und der mit ihm befreundete Frédéric Chopin stachen alle aus. Ein Zeitzeuge, der Schriftsteller Heinrich Heine, schreibt über Liszt: «Er ist unstreitig derjenige Künstler, welcher in Paris die unbedingsten Enthusiasten findet, aber auch die eifrigsten Widersacher. Das ist ein bedeutendes Zeichen, dass niemand mit Indifferenz von ihm redet.»
Porträt von Frédéric Chopin
Frédéric Chopin mischte zusammen mit ... Wikimedia / Mazovian Digital Library
Porträt von Franz Liszt, Druckgrafik, 1832.
... Franz Liszt die Pariser Musikszene auf. Wikimedia / Musée Carnavalet, Paris
D’Agoult tröstete sich mit der Liaison über eine unerspriessliche Ehe und den Tod ihrer erst sechsjährigen Tochter hinweg. Für den draufgängerischen Liszt, der sich als Sohn eines Beamten aus der Provinz im Königreich Ungarn nach Paris emporgearbeitet hatte, steckte wohl auch Kalkül dahinter: «Das Spiel, das ich jetzt spiele, braucht 3 Jahre, um gewonnen oder verloren zu werden», schrieb er 1835 in einem Brief. Dieses «Spiel» bestand für Liszt darin, in kürzester Zeit «drei Werke grösseren Umfangs vollendet zu haben» und sich damit als Komponist ernsthaft zu etablieren, und zwar «24 grosse Etüden» und «Marie. Poem in 6 Gesängen (für Klavier). Harmonies poétiques et religieuses (vollständig, das heisst, 5 oder 6 neue Stücke).» Zuvor war Liszt vor allem mit Klavierbearbeitungen und Improvisationen hervorgetreten.
Die wohl bekannteste der ab 1826 entstandenen Etüden von Franz Liszt ist «Feux follets», die extrem anspruchsvoll ist, da sie nicht nur grosse Sprünge und extreme Lagenwechsel beinhaltet, sondern teilweise auch unlogische Bewegungsfolgen verlangt. YouTube
Die Beziehung von Franz Liszt und Marie d’Agoult galt als skandalös. Daher verliessen die beiden Paris. Ihr Ziel war zunächst die Schweiz und später Italien. Via Basel, Bodensee, Ost- und Innerschweiz reisten sie während mehrerer Wochen bis nach Genf. Dort blieben sie mehrere Monate, und in Genf kam auch Liszts erste Tochter, Blandine, zur Welt. Das Paar hatte zwei weitere Kinder, Daniel (der mit 20 Jahren verstarb) und Cosima, später Richard Wagners Gattin, Witwe und berüchtigte Sachwalterin des Opernkomponisten.
Cosima, hier mit Richard Wagner, war das dritte Kind von Franz Liszt und Marie d'Agoult. Die Fotografie entstand 1872.
Cosima, hier mit Richard Wagner, war das dritte Kind von Franz Liszt und Marie d'Agoult. Die Fotografie entstand 1872. Wikimedia
Wie geplant legte Liszt auf dieser Schweizreise die Grundlagen für spätere Kompositionen. Zu ihnen gehört insbesondere der erst 1855 vollständig veröffentlichte grosse dreiteilige Klavierzyklus «Années de pèlerinage» – Pilgerjahre. Er ist heute pianistisches Standardrepertoire.
Die 26 Charakterstücke des Zyklus, die von Liszts Reisen vor allem durch die Schweiz und Italien inspiriert sind, enthalten die Essenz seines Schaffens fürs Klavier. Halsbrecherisches Virtuosentum – viele der Stücke bringen selbst professionelle Pianisten an Grenzen – paart er mit einer damals neuen, klangmalerischen Musiksprache. Sie weist auf den musikalischen Impressionismus eines Claude Debussy voraus.
Sehr gut hört man das etwa am Stück «Au Lac de Wallenstadt». In Weesen am Walensee, genauer im Hotel Schwert, war Liszt mit Marie d‘Agoult am 19. Juni 1835 eingetroffen. Sogleich unternahm man eine Ruderpartie. Pianistisch wurde aus dem sanften Wellengekräusel des sommerlichen Sees ein durchgängig perlendes Motiv in der linken Hand. «Au Lac de Wallenstadt» integrierte Liszt zunächst in sein «Album d’un voyageur», einer Vorstufe der «Années».
Die Wellen des Walensees, musikalisch umgesetzt von Franz Liszt. YouTube
Marie d’Agoults Aufzeichnungen zum Walensee führen übrigens in die Irre. Denn ausgerechnet die insgesamt neun Einzelstücke, die Liszt später im ersten, der Schweiz gewidmeten Teil der «Années de Pèlerinage» herausgab, komponierte er mehrheitlich erst später in Italien. D’Agoults Sentimentalität hinsichtlich der Widmung an sie ist ebenfalls mit Vorsicht zu geniessen. Ihr Verhältnis zu Liszt war nach der Trennung 1839 und dem endgültigen Zerwürfnis 1844 vergiftet.
Zum Schweizer Teil von Liszts «Années de Pèlerinage» gehören weitere programmatische Stücke, neben einer sanften «Pastorale» etwa das Klaviergewitter «Orage». Sie stehen zwar für sich, deuten als Teil eines Zyklus aber darauf hin, dass es Liszt um weit mehr ging als um musikalischen Landschafts-Impressionismus. Denn den sozial und politisch bewussten Liszt interessierte wie etliche seiner Zeitgenossen die Schweiz als politisches Modell im nachrevolutionären, von Napoleons Feldzügen gezeichneten Europa. Die Schweiz galt als Nation, die beispielhaft für ihre Selbstbestimmung kämpfte.
In der endgültigen Ausgabe steht dafür das erste Stück «Chapelle de Guillaume Tell». Liszt stellt dem Werk die damals in der Schweiz zunehmend populäre Devise «Einer für alle, alle für Einen» dem Werk voran und macht damit unmissverständlich klar, worum es ihm geht.
Tell und seine Kapelle beeindruckten Franz Liszt derart, dass er sie in einem seiner Stücke verewigte.
Tell und seine Kapelle beeindruckten Franz Liszt derart, dass er sie in einem seiner Stücke verewigte. Schweizerisches Nationalmuseum
Dem Publikum mochte die musikalische Umsetzung solcher Ideen nicht unmittelbar eingeleuchtet haben. Denn Liszt betrat in vielerlei Hinsicht musikalisches Neuland. Nebst der Demonstration purer Virtuosität mit donnernden Läufen, endlosen Doppeltrillern und irrwitzigen Sprüngen sprengte Liszt mit seinen kompositorischen Einfällen geläufige musikalische Formen. So spinnt er oft winzige Motive bis zum Gehtnichtmehr fort. Das Ergebnis sind tönende Seelenlandschaften. Ähnlich wie die zeitgenössischen romantischen Literaten und Philosophen, für die Liszt sich begeisterte, wollte er mit seinen künstlerischen Mitteln das Lebensgefühl einer Generation in Zeiten des Umbruchs festhalten.
Für viele Zeitgenossen schwankte Franz Liszt zwischen Genie und Wahnsinn hin und her. Hier eine Karikatur des Komponisten aus dem Jahr 1840.
Für viele Zeitgenossen schwankte Franz Liszt zwischen Genie und Wahnsinn hin und her. Hier eine Karikatur des Komponisten aus dem Jahr 1840. Wikimedia
Im Vorwort zur Erstpublikation des «Album d’un voyageur» schreibt er entsprechend, die Sprache der Musik sei «vielleicht mehr als die Poesie (…) geeignet, alles auszudrücken, was unsern altgewohnten Horizont erweitert, alles das, was sich der trockenen Zergliederung entzieht, was sich in den unzugänglichen Tiefen unstillbarer Sehnsucht, unendlicher Ahnungen bewegt».
Besonders deutlich macht dies eines der berühmtesten und packendsten Stücke des Schweiz-Zyklus, «La Vallée d’Obermann». Auf Landkarten sucht man dieses Obermann-Tal vergeblich. Denn es ist Fake, eine Art Klitterung bekannter Schweiz-Klischees. Erfunden hat es der frühromantische französische Autor Etienne de Senancour für seinen gleichnamigen Briefroman, ein Bestseller der Epoche. Senancours Held reist, von Melancholie und Weltschmerz geplagt, in die Schweiz und gibt sich dort seinen Meditationen hin. Eine Steilvorlage für Liszt, der mit Variationen über eine einprägsame, am Anfang vorgestellte Melodie seinem Publikum Obermanns Stimmungsschwankungen vermitteln will.
Ein erfundendes Schweizer Tal wird für Liszt zur Bühne von grossen Emotionen. Youtube
«Les cloches de Genève» überschrieb Liszt mit einem für die gesteigerte Sensibilität der Zeit charakteristischen Motto aus Lord Byrons ebenfalls höchst erfolgreichen Reiseepos «Childe Harold» (1812-1818): «I live not in myself but I become/Portion of that around me» («Ich lebe nicht in mir, sondern ich werde/Teil dessen, was mich umgibt»). In seiner Begeisterung für Byron stellte Liszt dem «Walensee»-Stück sogar leicht angepasste Zeilen Byrons voraus, die dieser dem Genfersee gewidmet hatte.
Liszt erweitert den Horizont seines Publikums auch dadurch, dass er wie ein Musikethnologe auf seinen vielen Reisen ganz genau hinhörte. Schon im «Album d’un voyageur» finden sich die Alphorn-Weisen des «Kuhreigens» (Ranz des vaches). Diesen hatte zuerst Jean-Jacques Rousseau, Chefanwalt der «Rückkehr zur Natur», mit einem Lexikoneintrag in der «Encyclopédie» zu Prominenz verholfen. Liszt integriert unüberhörbar weitere volkstümliche Tänze und Weisen, neben motivischen Bezügen auf bewunderte Kollegen wie Beethoven, Schubert, Schumann, Berlioz oder Chopin.
Bis aus dem «Album d’un voyageur» von 1839 schliesslich das erste «Année de pèlerinage» wurde, vergingen noch etliche Jahre. Die Kompositions- und Editionsgeschichte ist komplex. Für Liszt war der gesamte Zyklus zusammen mit den vor allem seinen Aufenthalten in Italien gewidmeten Teilen II und III – hier zählen etwa die «Wasserspiele der Villa d’Este» zu den Bravourstücken – so wichtig, dass er für die erste vollständige Ausgabe 1855 auf einem Prachtband bestand. Er gab sogar, völlig ungewöhnlich, Illustrationen zu seiner Musik in Auftrag. Für diese engagierte er Robert Kretschmer, einen bedeutenden Illustrator, berühmt durch seine detailgenauen Zeichnungen für «Brehms Tierleben».
Robert Kretschmer machte sich vor allem mit seinen Illustrationen für «Brehms Tierleben» einen Namen. Mitte des 19. Jahrhunderts stellte er seine Dienste auch Franz Liszt zur Verfügung.
Robert Kretschmer machte sich vor allem mit seinen Illustrationen für «Brehms Tierleben» einen Namen. Mitte des 19. Jahrhunderts stellte er seine Dienste auch Franz Liszt zur Verfügung. Wikimedia / Smithsonian Libraries
Für Liszt schuf Kretschmer mehrere ganzseitige Lithografien, in die er auch die schon erwähnten literarischen Zitate integrierte. Der Illustrator fuhr alle Schweiz-Klischees auf, welche die florierende Landschaftsmalerei bot: Hohe Berge, Schluchten, idyllische Talauen mit Ziegen und Hirten, heimelige Hütten, gewaltige Wasserfälle, tiefgründige Seen, windzerzauste Bäume. Eine unendliche Sehnsuchtszone, eine einzige visuelle «Vallée d’Obermann».
Kretschmer griff für Franz Liszt tief in die Klischeekiste. Illustration für die «Années de pèlerinage», welche 1855 publiziert wurden.
Kretschmer griff für Franz Liszt tief in die Klischeekiste. Illustration für die «Années de pèlerinage», welche 1855 publiziert wurden. IMSLP Petrucci Music Library
Kretschmer war klar, was sein Auftraggeber wünschte, und hatte damit auch die Funktion erfasst, welche die Alpen dem Alpenforscher Werner Bätzing zufolge im 19. Jahrhundert hatten: Sie bedienten das «Wunschbild einer idealen Mensch-Umwelt-Harmonie». Liszt lieferte mit der illustrierten «Rahmenerzählung» den arg geforderten Pianisten wie ihrem Publikum ausdrücklich eine Interpretationshilfe. Mit der Prachtausgabe für die höheren Töchter am Klavier schuf er zugleich eine völlig neue Verbindung zwischen visueller Wahrnehmung, Musik und Marketing. Seither zieren oft entsprechende Landschaften Plattenhülle und CD-Cover der «Années de Pèlerinage».
Franz Liszt verstand es, sein Publikum über mehrere Sinne anzusprechen und machte damit auch Werbung für die Schweizer Berge.
Franz Liszt verstand es, sein Publikum über mehrere Sinne anzusprechen und machte damit auch Werbung für die Schweizer Berge. IMSLP Petrucci Music Library
Liszt war nicht nur als Virtuose auf dem Klavier ein Pionier. Virtuos war er auch darin, von der Produktion bis zur Distribution Literatur und Kunst für seine Musik einzuspannen. Mit allen erdenklichen Mitteln sollte der Kunstgenuss gesteigert und die Einzigartigkeit seines Schaffens hervorgehoben werden. Als erster Komponist schrieb er sich in die damals noch junge Erfolgsgeschichte der Alpen und der Schweiz als gigantischem Projektionsraum ein. Auf eine solch originelle Paarung von aufblühendem Tourismus und Musik musste man erst mal kommen.
Fotoporträt von Franz Liszt aus den 1880er-Jahren.
Fotoporträt von Franz Liszt aus den 1880er-Jahren. Schweizerisches Nationalmuseum

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