Druckgraphik der Petersinsel im Bielersee. Obwohl er nur sechs Wochen dort weilte, fühlte sich Rousseau an diesen idyllischen Ort sehr wohl.
Schweizerisches Nationalmuseum

Rousseaus Insel

Zuerst Literaturstar, dann Geächteter: Jean Jacques Rousseaus Leben war alles andere als ruhig. Kein Wunder, liebte er die idyllische Petersinsel im Bielersee bis ans Ende seiner Tage.

Armut, Reichtum, Wanderschaft, Zufälle, zahllose Bücher, Romanzen, Ehen, Affären, Intrigen, Scharaden, Flucht, Gewalt, Verbannung, Musik, Philosophie, Politik, Religion, Heuchelei und Paranoia: Jean-Jacques Rousseaus Biographie stellt die meisten Abenteuerromane in den Schatten. Vermutlich bezeichnete Rousseau gerade deshalb seine verhältnismässig langweilige Zeit auf der Petersinsel als die glücklichste seines Lebens.

Dieses hatte sich in den Jahren zuvor komplett überschlagen. Mit «Julie ou la nouvelle Héloise» (1761) war er zum gefeierten Literaten geworden. Mit «Du contrat social» (1762) und «Émile» (1762) hingegen wurde er zum Geächteten. Rousseau zog scharfe Analysen. Er erklärte die Herkunft sozialer Strukturen, prangerte Ungleichheit und Herrschaftssysteme an und brach (nachdem er selbst den Glauben zweimal gewechselt hatte) mit der Religion. Der Kritik an so ziemlich allem Bestehenden setzte er das romantische Ideal des edlen Wilden gegenüber. Über seine Gedankengänge mochte man sich streiten, sicher war, dass Rousseau ein gefährlicher Mann war. In Genf wie auch in Frankreich wurde er zur Verhaftung ausgeschrieben, seine Bücher wurden verbrannt oder verboten. Der Aufklärer fand Zuflucht in Môtiers im Val de Travers. Im Herbst 1765 zog er weiter zur Petersinsel.

Porträt von Jean Jacques Rousseau.
Schweizerisches Nationalmuseum

Der Roman «Emile ou de L`Education» von Jean Jacques Rousseau. Das Werk wurde nicht überall wohlwollend aufgenommen.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die heutige Halbinsel war zu Rousseaus Zeit komplett von Wasser umschlossen. Der Philosoph kam in einem zur Herberge gewordenen Kloster unter. Und er kam zur Ruhe. Er spazierte über die Insel, machte Bootstouren und begann, die örtliche Pflanzenwelt zu studieren. Hin und wieder besuchte ihn jemand und an den Wochenenden gesellte er sich zu den Winzern aus der Region, die einen Pavillon auf der Insel als Treffpunkt für ihre Feste nutzten. Ansonsten sah er den Wellen zu, die ans Ufer schwappten, und für einmal passierte im Leben des Revolutionärs beinahe nichts.

Sechs Wochen nach seiner Ankunft verbannten die Berner Behörden Rousseau aus ihrem Gebiet. Er hastete weiter nach England und von da verkleidet nach Frankreich, wo er weitere Turbulenzen durchlebte und viele Jahre später auf einem Bergbauernhof endete. Dort verfasste er schliesslich sein letztes Werk, blickte zurück auf sein Leben und erinnerte sich schwärmerisch an seine Zeit auf der Insel im Lac de Bienne: «Ich hätte vorgezogen, man hätte mir dieses Refugium zum Gefängnis auf Lebenszeit bestimmt, mich für immer dorthin verbannt und mir jede Möglichkeit, die Insel wieder zu verlassen, genommen.»

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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