Giovanni Bassanesi posiert in Lodrino vor dem Flugzeug.
Giovanni Bassanesi posiert in Lodrino vor dem Flugzeug. Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini

Ein Flug für die Freiheit

Im Sommer 1930 werfen zwei italienische Antifaschisten Flugblätter über Mailand ab. Ihre kleine Propellermaschine ist zuvor im Tessin gestartet und macht dort wenig später eine Bruchlandung. Der waghalsige Flug stellt die neutrale Schweiz vor ein politisches Dilemma.

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz ist Historikerin, Universitätsdozentin und Kuratorin.

Am 11. Juli 1930 hebt von einem Feld in Lodrino bei Bellinzona eine einmotorige Farman F.200 ab. Am Steuer Giovanni Bassanesi, ein 25-jähriger Fotograf aus Aosta, im offenen Cockpit hinter ihm der 26-jährige Maler Gioacchino Dolci aus Rom, die beide im Exil in Paris leben. Das Wetter ist trüb, seit Jahrzehnten hat die Schweiz keinen so nassen Juli erlebt. In einer halben Stunde erreicht die kleine Propellermaschine Mailand – den Ort, an dem elf Jahre zuvor die faschistische Bewegung entstand.

Als der imposante Dom unter ihnen auftaucht, lässt Dolci Flugblätter auf die Stadt regnen, die zum Aufstand gegen Mussolinis Regime aufrufen. Bassanesi, der Pilot, hat extra für diese Aktion fliegen gelernt. Er leidet unter Höhenangst, aber der Wunsch, seine Heimat wieder frei und demokratisch zu sehen, siegt über das Unwohlsein. Er lässt das Flugzeug über der lombardischen Metropole kreisen, bis alle 150’000 Blätter zu den überraschten Passantinnen und Passanten hinabgeworfen sind. Dann dreht er ab und fliegt zurück Richtung Schweiz. Als die faschistische Führung reagiert, sind die beiden bereits wieder ausser Landes.

Gegen 13 Uhr landet das Propellerflugzeug auf dem Feld in der Magadinoebene, von dem es zwei Stunden zuvor gestartet ist. Bassanesi lässt seinen Passagier aussteigen und hebt erneut ab, dieses Mal gegen Norden. Der Nebel ist dichter geworden, auch Wind und Regen erschweren die Sicht. Erst seit knapp zwei Wochen im Besitz des Flugbrevets und fast ohne Flugerfahrung, verliert der junge Antifaschist am Fuss des Gotthards die Kontrolle. In der Nähe von Airolo macht sein Flugzeug eine Bruchlandung. Anwohnerinnen und Soldaten, durch den Knall aufgeschreckt, eilen herbei und retten ihn mit einem gebrochenen Bein aus dem Wrack. Dann taucht die Polizei auf und der Flug für die Freiheit endet für Bassanesi in Polizeigewahrsam.
Giovanni Bassanesi emigrierte nach der faschistischen Machtergreifung nach Paris, wo er als Fotograf arbeitete und an der Juristischen Fakultät der Sorbonne studierte.
Giovanni Bassanesi emigrierte nach der faschistischen Machtergreifung nach Paris, wo er als Fotograf arbeitete und an der Juristischen Fakultät der Sorbonne studierte. Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini

Nicht aufgeben!

Drahtzieher der aufsehenerregenden Flugaktion sind Alberto Tarchiani und Carlo Rosselli, die 1929 in Paris gemeinsam mit Emilio Lussu die Bewegung Giustizia e Libertà (Gerechtigkeit und Freiheit) gegründet haben. Der 1895 geborene Tarchiani war bis zum Übergang zur Diktatur 1925 Chefredakteur des Corriere della Sera. Danach ging er ins Exil nach Paris. Der vier Jahre jüngere Rosselli, Ökonomieprofessor aus Florenz, blieb in Italien und agierte nach 1925 im Untergrund. Die von ihm gegründete Zeitschrift Non mollare! (Nicht aufgeben!) war die erste oppositionelle Zeitschrift, die unter der faschistischen Diktatur illegal gedruckt und verbreitet wurde.
Alberto Tarchiani und Carlo Rosselli leiteten die Bewegung Giustizia e Libertà.
Alberto Tarchiani und Carlo Rosselli leiteten die Bewegung Giustizia e Libertà.
Alberto Tarchiani und Carlo Rosselli leiteten die Bewegung Giustizia e Libertà. Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini / Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini
1927 wurde Rosselli von einem italienischen Gericht wegen Beihilfe zur Flucht von prominenten Antifaschisten ins Ausland verurteilt und auf die Insel Lipari bei Sizilien verbannt. Hier schrieb er sein politisches Vermächtnis. Den beiden totalitären Ideologien Faschismus und Kommunismus, setzte er eine Synthese von Sozialismus und Liberalismus entgegen, durch die Freiheit und Chancengleichheit verwirklicht werden sollten. Der Essay «Socialismo liberale», von seiner Frau ins Ausland geschmuggelt, wurde in Paris publiziert.

Dank einem von Alberto Tarchiani ausgearbeiteten Fluchtplan entkam Rosselli 1929 mit zwei Gefährten spektakulär von der abgelegenen und gut bewachten Gefängnisinsel. Die abenteuerliche Flucht der drei Antifaschisten bis nach Paris sorgte in Buchform in englischer und französischer Übersetzung bald für Aufsehen in ganz Europa. Bei Neumond schwammen sie ins Meer hinaus, wo Gioacchino Dolci auf einem Motorboot auf sie wartete – der Mann, der im folgenden Jahr in Bassanesis Propellermaschine Flugblätter über Mailand abwirft.

Vertei­di­gung durch Angriff

Es ist Mitte November 1930. Bassanesi, Rosselli und Tarchiani sitzen gemeinsam mit Tessiner Sozialisten, die bei der Vorbereitung des Flugs über Mailand behilflich waren, auf der Anklagebank vor dem Bundesstrafgericht. Dolci fehlt, sein Name konnte geheim gehalten werden. Der zum Gerichtssaal umfunktionierte Gemeinderatssaal von Lugano platzt aus allen Nähten. Journalisten, ausländische Beobachter und eine neugierige Öffentlichkeit drängen sich auf den Bänken.
Der Prozess in Lugano stiess auf grosses Interesse.
Der Prozess in Lugano stiess auf grosses Interesse. Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini
Rosselli und Tarchiani wissen, welche Plattform sich ihnen an einem Prozess in der demokratischen Schweiz bietet. Sie reisen aus ihrem sicheren Pariser Exil an und bekennen sich zur Rolle, die sie bei der Organisation des Flugs gespielt haben. Rossellis Verteidigungsrede, die in Artikelform eine breite Öffentlichkeit erreicht, erregt grosses Aufsehen. Er kehrt die Rollen um und tritt als Ankläger gegen das faschistische Regime auf. «Ich hatte ein Haus: Man hat es zerstört. Ich hatte eine Zeitung: Man hat sie verboten. Ich hatte einen Lehrstuhl: Ich musste ihn aufgeben. Ich hatte, wie heute, Ideen, Würde, ein Ideal: Um sie zu verteidigen, musste ich ins Gefängnis gehen. Ich hatte Lehrer, Freunde – Amendola, Matteotti, Gobetti – man hat sie umgebracht.»
 
Der Bundesrat ist im Dilemma. Von italienischer Seite wächst der diplomatische Druck, und in Bern ist man bemüht, die guten nachbarschaftlichen Beziehungen nicht zu gefährden. Doch das Urteil sprechen die Richter. An sie und an die Schweizer Öffentlichkeit wendet sich Rosselli mit den Worten: «Die Freiheit, für die wir kämpfen, ist die, die ihr kennt.» Die Schweiz habe ihm seit seiner Kindheit beigebracht, die Freiheit zu lieben, sich für Tell zu begeistern und den Tyrannen Gessler zu verachten. «Niemand hat mich damals darauf aufmerksam gemacht, dass Tell, indem er sich weigerte, vor Gessler seinen Hut zu ziehen, gegen Vorschriften verstossen hat, was er eindeutig gemacht hat.»

Das Gericht folgt der Argumentation der Verteidigung. Bassanesi erhält zwar vier Monate Gefängnis – während der Untersuchungshaft schon fast abgesessen –, allerdings allein wegen eines Verstosses gegen Vorschriften bei der Flugzeugführung. Von allen politisch begründeten Anklagepunkten werden die Angeklagten freigesprochen.
Gruppenfoto der Angeklagten und ihren Anwälten. Giovanni Bassanesi sitzt in der Mitte, links von ihm Carlo Rosselli, rechts von ihm Alberto Tarchiani.
Gruppenfoto der Angeklagten und ihren Anwälten. Giovanni Bassanesi sitzt in der Mitte, rechts von ihm Carlo Rosselli, links von ihm Alberto Tarchiani. Mit ihnen auf der Anklagebank die Tessiner Carlo Martignoli, Eugenio Varesi, Costantino Fiscalini und Angelo Cardis, die bei der Organisation des Flugs geholfen haben. Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini
Im Gegensatz zu den Richtern hat der Bundesrat für die Freiheitsappelle wenig übrig. Er verweist Bassanesi, Rosselli und Tarchiani des Landes. Es gebe wohl nichts Tragischeres als mitansehen zu müssen, meint Bassanesi dazu, wie europäische Demokratien gerade die Menschen als Übeltäter aus ihrem Land wiesen, die für die Ideale der Demokratie und der Freiheit kämpften. Rosselli und Tarchiani halten Bundesrat Giuseppe Motta, dem Vorsteher des Politischen Departements, im Dezember in einem offenen Brief den Spiegel vor. Da sie nicht in der Schweiz lebten, sei die Ausweisung eine rein ideelle Polizeimassnahme – während sie sich genau für die Ideen einsetzten, die das Schweizer Volk der Welt seit sechs Jahrhunderten mitgebe: «Gerechtigkeit, Freiheit, Autonomie, Selbstachtung und Achtung anderer.» Richter und Bevölkerung mehrheitlich auf ihrer Seite zu wissen, gebe ihnen Hoffnung. «Minister gehen. Das Volk bleibt.»

Der Faschis­mus setzt sich durch

Unermüdlich prangern Rosselli und Tarchiani weiterhin die Passivität der Exilparteien und der westlichen Demokratien an. Der Faschismus, warnen sie, führe zwangsläufig zum Krieg. Wie recht sie haben, zeigt sich 1935 beim Überfall Italiens auf das Völkerbund-Mitglied Äthiopien. Mit Einsatz von Giftgas gegen die Zivilbevölkerung wird das Land besiegt. Die Bewegung Giustizia e Libertà ruft die demokratischen Nationen nach dem eklatanten Bruch mit dem Völkerrecht vergeblich zum Handeln auf. Die Schweiz hält selbst die gegen Italien verhängten Wirtschaftssanktionen nur halbherzig ein. 1936 ist sie auf Initiative von Bundesrat Motta das erste neutrale Land, das die italienische Annexion von Äthiopien offiziell anerkennt.

Im folgenden Jahr wird Carlo Rosselli während seinen Ferien in der Normandie von französischen Rechtsextremisten im Auftrag von italienischen Faschisten brutal ermordet. Mit ihm sein Bruder Nello, der aus Florenz zu Besuch ist. Die Beerdigung der Brüder Rosselli wird zu einer der letzten grossen antifaschistischen Demonstrationen. Etwa 150'000 Menschen nehmen am 19. Juni 1937 an der Trauerfeier in Paris teil.
Die französische Zeitung Le Petit Journal berichtete über die Ermordung der Brüder Rosselli. Carlo Rossellis Tod war ein schwerer Schlag für Giustizia e Libertà. Der verbliebene Mitgründer der Bewegung, Alberto Tarchiani, emigrierte nach der deutschen Invasion Frankreichs nach New York und kehrte drei Jahre später nach Italien zurück. Nach dem Krieg wurde er zum Botschafter Italiens in den Vereinigten Staaten ernannt.
Die französische Zeitung Le Petit Journal berichtete über die Ermordung der Brüder Rosselli. Während der Resistenza, dem bewaffneten Widerstand gegen die Nationalsozialisten und Faschisten 1943–1945, fanden sich viele ihrer Mitglieder im Partito d'Azione (Aktionspartei) wieder, so auch Alberto Tarchiani, der nach Kriegsende italienischer Botschafter in den Vereinigten Staaten wurde. Wikimedia
Bassanesi kehrt nach Ausweisungen aus mehreren Ländern 1939 erschöpft nach Italien zurück. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird er beim Verteilen von Flugblättern für den Frieden verhaftet und in eine psychiatrische Anstalt gesperrt. Gioacchino Dolci emigriert 1939 nach Argentinien, Tarchiani flüchtet nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 in die USA. Zehn Jahre nach dem Flug über Mailand ist von der Demokratie in Europa kaum etwas übriggeblieben. War das faschistische Italien 1930 die einzige Diktatur Westeuropas, ist die Schweiz 1940 zur letzten demokratischen Insel auf dem europäischen Festland geworden. Von Portugal bis Russland herrschen nun Diktatoren.

Im Tessin erinnert

Bassanesi wird bis Kriegsende nicht mehr in Freiheit leben. 1947 stirbt er, erst 42-jährig. Anders als viele aktive Antifaschisten, die postum Heldenstatus erlangen, erinnert in Italien später kaum etwas an ihn und seinen waghalsigen Flug. Erst 2017 errichtet seine Heimatstadt Aosta eine Gedenktafel. Im Tessin hält man hingegen bereits 1960 die erste von mehreren Gedenkfeiern ab. 1998 wird an der Absturzstelle eine Tafel angebracht und 2010 auf Initiative der neu gegründeten Associazione Amici Giovanni Bassanesi eine Skulptur in Lodrino enthüllt. Ein weiteres Zeichen der Wertschätzung setzt die Gemeinde im Jahr 2025 mit der Benennung einer Strasse nach dem Piloten, der 95 Jahre zuvor aus der Schweiz ausgewiesen wurde. Damit wolle man, so Bürgermeister Cristiano Triulzi, den Passantinnen und Passanten die Gelegenheit geben darüber nachzudenken, was unsere Gesellschaft frei und demokratisch macht.

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