
Ein Flug für die Freiheit
Im Sommer 1930 werfen zwei italienische Antifaschisten Flugblätter über Mailand ab. Ihre kleine Propellermaschine ist zuvor im Tessin gestartet und macht dort wenig später eine Bruchlandung. Der waghalsige Flug stellt die neutrale Schweiz vor ein politisches Dilemma.
Als der imposante Dom unter ihnen auftaucht, lässt Dolci Flugblätter auf die Stadt regnen, die zum Aufstand gegen Mussolinis Regime aufrufen. Bassanesi, der Pilot, hat extra für diese Aktion fliegen gelernt. Er leidet unter Höhenangst, aber der Wunsch, seine Heimat wieder frei und demokratisch zu sehen, siegt über das Unwohlsein. Er lässt das Flugzeug über der lombardischen Metropole kreisen, bis alle 150’000 Blätter zu den überraschten Passantinnen und Passanten hinabgeworfen sind. Dann dreht er ab und fliegt zurück Richtung Schweiz. Als die faschistische Führung reagiert, sind die beiden bereits wieder ausser Landes.
Gegen 13 Uhr landet das Propellerflugzeug auf dem Feld in der Magadinoebene, von dem es zwei Stunden zuvor gestartet ist. Bassanesi lässt seinen Passagier aussteigen und hebt erneut ab, dieses Mal gegen Norden. Der Nebel ist dichter geworden, auch Wind und Regen erschweren die Sicht. Erst seit knapp zwei Wochen im Besitz des Flugbrevets und fast ohne Flugerfahrung, verliert der junge Antifaschist am Fuss des Gotthards die Kontrolle. In der Nähe von Airolo macht sein Flugzeug eine Bruchlandung. Anwohnerinnen und Soldaten, durch den Knall aufgeschreckt, eilen herbei und retten ihn mit einem gebrochenen Bein aus dem Wrack. Dann taucht die Polizei auf und der Flug für die Freiheit endet für Bassanesi in Polizeigewahrsam.
Nicht aufgeben!


Alberto Tarchiani und Carlo Rosselli leiteten die Bewegung Giustizia e Libertà. Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini / Memobase, Fondazione Pellegrini Canevascini
Dank einem von Alberto Tarchiani ausgearbeiteten Fluchtplan entkam Rosselli 1929 mit zwei Gefährten spektakulär von der abgelegenen und gut bewachten Gefängnisinsel. Die abenteuerliche Flucht der drei Antifaschisten bis nach Paris sorgte in Buchform in englischer und französischer Übersetzung bald für Aufsehen in ganz Europa. Bei Neumond schwammen sie ins Meer hinaus, wo Gioacchino Dolci auf einem Motorboot auf sie wartete – der Mann, der im folgenden Jahr in Bassanesis Propellermaschine Flugblätter über Mailand abwirft.
Verteidigung durch Angriff
Der Bundesrat ist im Dilemma. Von italienischer Seite wächst der diplomatische Druck, und in Bern ist man bemüht, die guten nachbarschaftlichen Beziehungen nicht zu gefährden. Doch das Urteil sprechen die Richter. An sie und an die Schweizer Öffentlichkeit wendet sich Rosselli mit den Worten: «Die Freiheit, für die wir kämpfen, ist die, die ihr kennt.» Die Schweiz habe ihm seit seiner Kindheit beigebracht, die Freiheit zu lieben, sich für Tell zu begeistern und den Tyrannen Gessler zu verachten. «Niemand hat mich damals darauf aufmerksam gemacht, dass Tell, indem er sich weigerte, vor Gessler seinen Hut zu ziehen, gegen Vorschriften verstossen hat, was er eindeutig gemacht hat.»
Das Gericht folgt der Argumentation der Verteidigung. Bassanesi erhält zwar vier Monate Gefängnis – während der Untersuchungshaft schon fast abgesessen –, allerdings allein wegen eines Verstosses gegen Vorschriften bei der Flugzeugführung. Von allen politisch begründeten Anklagepunkten werden die Angeklagten freigesprochen.
Der Faschismus setzt sich durch
Im folgenden Jahr wird Carlo Rosselli während seinen Ferien in der Normandie von französischen Rechtsextremisten im Auftrag von italienischen Faschisten brutal ermordet. Mit ihm sein Bruder Nello, der aus Florenz zu Besuch ist. Die Beerdigung der Brüder Rosselli wird zu einer der letzten grossen antifaschistischen Demonstrationen. Etwa 150'000 Menschen nehmen am 19. Juni 1937 an der Trauerfeier in Paris teil.


