Freiburg um 1900. In der Mitte die Stiftskirche St. Nikolaus und Staatskanzlei, im Vordergrund die Grand Pont suspendu.
Freiburg um 1900. In der Mitte die Stiftskirche St. Nikolaus und Staatskanzlei, im Vordergrund die Grand Pont suspendu. Schweizerisches Nationalmuseum

«Die Situation von Freiburg ist einzig­ar­tig und heikel»

Das Journal des Freiburger Staatsarchivars Tobie de Raemy während der ersten beiden Jahre des Ersten Weltkrieges erlaubt einen besonderen Blick auf die damaligen Spannungen zwischen der deutschen- und der französischsprachigen Schweiz. Exemplarisch dafür stehen die Tumulte am Freiburger Bahnhof bei der Durchfahrt von Verwundetentransporten aus Deutschland und Frankreich.

Kathrin Utz Tremp

Kathrin Utz Tremp

Dr. Dr. h.c. Kathrin Utz Tremp ist Historikerin für mittelalterliche Geschichte und wirkte lange Jahre als Privatdozentin an der Universität Lausanne.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Mobilisation der Schweizer Armee Anfang August 1914 ergriff der damalige Freiburger Staatsarchivar Tobie de Raemy (1864-1949) die Gelegenheit, alles, was er jeden Tag sah und hörte, aufzuschreiben. Er glaubte, dass seine Aufzeichnungen eines Tages nützlich sein könnten, um das Leben in Freiburg während des Kriegs zu beschreiben. Er wollte indessen nicht die grossen offiziellen Neuigkeiten festhalten, sondern die «kleinen Begebenheiten des Alltags, das Leben in seinen spontanen Momenten, das private Leben in all seinen Details», denn auch daraus bestehe die Geschichte eines Landes. Tobie de Raemys «Alltagsgeschichte» war freilich diejenige eines Patriziers, und die Unparteilichkeit, die er sich zunächst anstelle der Franzosenfreundlichkeit seiner patrizischen Familie und Freunde vorgenommen hatte, wich angesichts der französischen Gefangenen, die durch die Schweiz und Freiburg nach Frankreich zurücktransportiert wurden, doch allmählich einer gewissen Deutschfeindlichkeit. Sein Tagebuch endet leider bereits Ende 1916. Danach nahm der Umzug des Staatsarchivs von der Kanzlei ins ehemalige Augustinerkloster zu viel Zeit in Anspruch, um das Tagebuch weiterzuführen.
Der ehemalige Freiburger Staatsarchivar Tobie de Raemy (1863-1949)
Der ehemalige Freiburger Staatsarchivar Tobie de Raemy (1863-1949) Nachlass Pierre de Zurich
«Souvenirs de la mobilisation suisse de 1914.» Tagebucheintrag von Tobie de Raemy vom 31. Juli 1914.
«Souvenirs de la mobilisation suisse de 1914.» Tagebucheintrag von Tobie de Raemy vom 31. Juli 1914. Staatsarchiv Freiburg, Schweiz
Die Spaltung der Schweiz während des Ersten Weltkriegs entlang des «Röstigrabens» war in Freiburg besonders akut, weil hier 1889 eine katholische Universität gegründet wurde, während es sonst in der Schweiz nur reformierte Universitäten gab. Die ersten Professoren der neuen Universität wurden nicht wie heute von Berufungskommissionen ausgesucht, sondern der Bündner Caspar Decurtins, ein Freund des Gründers und Staatsrats Georges Python, rekrutierte katholische Professoren in Deutschland, Polen, Österreich, Belgien und Frankreich. Decurtins Suche resultierte in einem Übergewicht der deutschen Professoren. In der überwiegend französischsprachigen Stadt Freiburg befürchtete man, dass die deutschen Professoren den deutschsprachigen Einfluss verstärken würden. Tobie der Raemy hielt in seinem Tagebuch fest, dass «die Situation von Freiburg in der Schweiz einzigartig und heikel» sei, «parce que ville internationale, ville où les deux langues se rencontrent, etc.».
Karikatur von Staatsrat Georges Python, erschienen im Almanach de Chalamala pour 1911.
Karikatur von Staatsrat Georges Python, erschienen im Almanach de Chalamala pour 1911. Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne

Tobie de Raemys «Schweizer Standpunkt»

Am 1. November 1914 las Tobie de Raemy einen Artikel im Le Correspondant mit dem Titel «L’esprit public et la situation en Suisse», der ihm aus dem Herzen sprach. Der Artikel war nicht signiert, und trotzdem schrieb der Staatsarchivar dem anonymen Autor einen Brief, in dem er seinen «Standpunkt» darlegte, von dem er glaubte, dass er derjenige einer grossen Zahl von Schweizern sei. Er, Tobie de Raemy, stamme aus einer Familie aus dem Aargau, die seit vier Jahrhunderten freiburgisch sei, er sei französischsprachig und praktizierender Katholik. Er sei Schüler der «Frères chrétiens» in Thonon gewesen, dann der Jesuiten in Dole und schliesslich der Universität Würzburg in Bayern. Er lese den Correspondant und die Revue des Deux Mondes. Er sei der Urgrossenkel einer Französin, Schwiegersohn einer Französin, habe acht Neffen in der französischen Armee und fünf Neffen in der Schweizer Armee, den Sohn eines Freundes in der bayerischen Armee und habe im gegenwärtigen Krieg bereits zwei Cousins verloren. In seiner Jugend sei er ein leidenschaftlicher Verehrer Frankreichs gewesen, doch habe er seine Begeisterung und Sympathie für diesen Staat wegen der «Erziehung ohne Gott» und deren Folgen etwas verloren. Er habe Verwandte in der Deutschschweiz und in Italien und sei befreundet mit mehreren französischen Kongregationen und Familien, die in die Schweiz hätten flüchten müssen. Er empfinde tiefstes Mitleid mit allen Opfern des Krieges, welcher Nationalität auch immer, und bete jeden Tag für die Soldaten, die Verletzten, die Sterbenden und die Toten – und für den Frieden. Obwohl seine Sympathien unweigerlich zu Frankreich gingen, so bleibe er doch ein Schweizer, vor und über allem.
Berittene Artillerie und Materialzug im Freiburger Stadtteil Pérolles. Vorbereitungen der Parade anlässlich der Mobilisierung im August 1914.
Berittene Artillerie und Materialzug im Freiburger Stadtteil Pérolles. Vorbereitungen der Parade anlässlich der Mobilisierung im August 1914. Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg

Tumulte bei Verwundetentransporten

Dieser Standpunkt änderte sich etwas, als Tobie de Raemy mit den vom Krieg direkt betroffenen Menschen in Kontakt kam. Ende 1914 fuhren die ersten Züge mit Schwerverwundeten durch die Schweiz und durch Freiburg, von Deutschland nach Frankreich und umgekehrt. Im März 1915 häuften sich diese Transporte. Tobie de Raemy berichtet, wie jeweils zwei Züge mit Schwerverwundeten den Bahnhof von Freiburg passierten: derjenige von Deutschland führte die französischen Schwerverletzten nach Lyon, und derjenige von Frankreich führte die deutschen Schwerverletzten nach Deutschland. Die beiden Züge kreuzten sich in Matran, einem Dorf westlich von Freiburg. Eine grosse Menschenmenge begann sich an den Bahnhöfen von Freiburg und Matran zu versammeln, um den Verwundeten Zigaretten, Orangen, Biscuits, kleine Brötchen, Kaffee, Schokolade usw. zu überreichen. Die Franzosen schätzten vor allem die französischen Zeitungen. Wenn ein Zug mit französischen Verwundeten ankäme, schrien alle «Vive la Suisse», wenn ein Zug mit deutschen Verletzten vorbeifahre, sei alles ruhig und wie tot.
Eine Menschenmenge erwartet die Ankunft eines Zuges mit französischen Evakuierten, 1915.
Eine Menschenmenge erwartet die Ankunft eines Zuges mit französischen Evakuierten, 1915. Staatsarchiv Freiburg, Schweiz
Am Nachmittag des 15. März 1915 hielten die Züge im Bahnhof von Freiburg nicht mehr an. Die aufgebrachte Menge verdächtigte Staatsrat Georges Python, das Anhalten der Züge auf Verlangen der deutschen Professoren verboten zu haben. Diesen hätten die französischfreundlichen Veranstaltungen missfallen. Auch Tobie de Raemy glaubte, dass diesen «Herren» nicht gefalle, was die französischen Verwundeten den Freiburgern erzählten, was sie alles in Deutschland erlitten hätten und in welchem schrecklichen Elend Deutschland sie Frankreich zurückgebe.
Die deutschen Verwundeten zeigten sich nicht, wenn ihr Zug in Freiburg anhielt. Sie versteckten sich im Gegenteil hinter verschlossenen Storen. Als die Baronin von Montenach, eine geborene Französin, die Frauen der deutschen Universitätsprofessoren aufforderte, auch an den Bahnhof zu gehen, um die deutschen Verwundeten zu empfangen, wies Gustav Schnürer, Professor für mittelalterliche Geschichte, in ihrer aller Namen das Ansinnen ab. Wenn die Verwundeten etwas bräuchten, sollten sie sich nur an den Bahnhofvorstand wenden. Tobie de Raemy fand dies eine «sehr deutsche Art», die Sympathie für die eigenen Landsleute zu bekunden. Andererseits hielt er auch die Art, wie die Freiburger die französischen Verwundeten empfingen, für übertrieben. Die Neugierde spiele dabei eine grosse Rolle, und er fand es geschmacklos, die Verletzten auf ihren Couchettes mit Blumen zu bedecken – als wären sie bereits tot.
Am nächsten Tag wiederholte sich die gleiche Szene, nur dass die Menge sich anschliessend vor die Villa des deutschen Professors Wagners an der Rue du Botzet begab und dort die Fenster einschlug und Ziegel zerbrach. Tobie de Raemy hatte die Freiburger noch nie so aufgebracht gesehen. Sie sagten, sie seien hier in Freiburg frei und wollten nicht von fremden Professoren, die hier grosse Gehälter bezögen, herumkommandiert werden. Tobie de Raemy vermutete, dass die deutschen Professoren nach Bern geschrieben hätten, dass beim Halt dieser Züge keine Ordnung herrsche. Bern hätte diesen Brief dem Bahnhofvorstand gezeigt; dieser habe, wiederum beeinflusst durch die deutschen Professoren, geantwortet: «Si on veut supprimer le désordre, il faut supprimer l’arrêt du train».
Am 17. März 1915 habe sich die Menge auf dem Bahnhofplatz versammelt, unterhalb der Treppe, die von der Polizei bewacht worden sei. Plötzlich sei das Militär angerückt, es habe die Menge umzingelt, diese sei durch die Absperrkette der Polizei durchgebrochen, ohne aber auf den Bahnhof gelangen zu können, und schliesslich vom Militär auseinandergetrieben worden.
Zwei Ordensschwestern unterhalten sich im Bahnhof Freiburg mit französischen Evakuierten, nachdem sie ihre Körbe geleert haben, 1915.
Zwei Ordensschwestern unterhalten sich im Bahnhof Freiburg mit französischen Evakuierten, nachdem sie ihre Körbe geleert haben, 1915. Staatsarchiv Freiburg, Schweiz
Schliesslich hielten die Züge auf Anweisung von Bern wieder an, doch es wurden nur 20 Personen auf den Bahnsteig zugelassen. Der Polizeikommandant erteilte die «Laissez-passer» und diejenigen, die ein solches erhielten, mussten sich verpflichten, während 15 aufeinanderfolgenden Tagen an den Bahnhof zu gehen. Am 31. März 1915 liess sich auch Tobie de Raemy ein «Laissez-passer» beim Polizeikommandanten ausstellen. Dieser erzählte ihm, dass eine deutsche Zeitung soweit gegangen sei, zu schreiben, dass bei den Tumulten elf deutsche Professoren spitalreif geschlagen worden seien.
Versehen mit Zigaretten, Zeitungen, kleinen Brötchen, einem seiner Mäntel, mehreren Kleidern aus Wolle sowie Babykleidern begab Tobie de Raemy sich für den Zug von 14:14 Uhr auf den Bahnsteig, der Zivilpersonen transportierte, welche aus den von den Deutschen besetzten Zonen evakuiert worden waren. Er wurde damit beauftragt, die warme Milch in den letzten beiden Wagen zu verteilen. Er war erstaunt über die grosse Zahl von 15- bis 16-jährigen Knaben, die in den vorderen Wagen sassen. In den beiden hintersten Wagen befanden sich viele alte Männer und Frauen und auch Kleinkinder. Am meisten Anklang fanden seine Zeitungen und Zigaretten bei den Männern. Die meisten kamen von Tourcoing (Nordfrankreich), das während des ganzen Krieges von den Deutschen besetzt war. Sie hatten nichts mehr, sie waren ruiniert, und als man sie nach Deutschland abführte, habe man die einen von den anderen getrennt. Eine Mutter hatte die jüngsten Kinder bei sich, wusste aber nicht, wo die Älteren waren. Nach einem weiteren Erlebnis dieser Art schrieb Tobie de Raemy, er wisse nicht, wie er nach diesem Krieg je wieder einem Deutschen die Hand geben könne.
Das Tagebuch von Tobie de Raemy d’Agy ist in einer neuen Fassung erschienen. Editiert vom heutigen Staatsarchivar Alexandre Dafflon, in der vom Staatsarchiv Freiburg herausgegebenen Bibliotheca Otolandana 4.
Mehr dazu auf der Webseite des Staatsarchiv Freiburg

Eine Perspek­ti­ve auf den Krieg

Damit ist der Inhalt dieser neu edierten Quelle über die Spannungen in der Stadt Freiburg während des Ersten Weltkriegs noch keineswegs ausgeschöpft. Zu erwähnen wäre auch noch die Rolle der Zeitungen wie jene der Freiburger Nachrichten, die sich noch deutschfreundlicher gebärdete als La Liberté und deren Chefredaktor – ein Geistlicher, der deshalb fast in einen Brunnen geworfen wurde. Oder die Episode, als Tobie de Raemy den General Wille in Person sieht und feststellen muss, dass dieser gar kein Säufergesicht («trogne d’ivrogne») habe, wie Postkarten und Porträts suggerieren würden. Weitere Einträge betreffen die drei französischen Gefangenen in Deutschland, denen Tobie de Raemy regelmässig Brote und verschlüsselte politische Nachrichten zukommen liess. Dabei lernt man den ehemaligen Staatsarchivar nicht nur als kritischen Zeitgenossen, sondern auch als liebenswürdigen Menschen kennen.

Wir und der Krieg

17.04.2026 17.01.2027 / Landesmuseum Zürich
Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis heute politische Strukturen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ordnungen in der Schweiz beeinflusst haben und lädt dazu ein, verbreitete Vorstellungen vom Verhältnis der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen – einem Krieg, der oft als fern gilt, aber tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

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