
«Finstere Schwermuth bemächtigte sich meiner»
Melancholie war in der Frühen Neuzeit allgegenwärtig: in Briefen, Berichten oder Biografien, aber auch in ärztlichen Traktaten oder theologischen Ausführungen. Eine Diagnose ist Spekulation, aber wir erkennen in manchen Beschreibungen das, was heute als Depression bezeichnet wird.
Rosina Honnerlag-Zellweger bezeichnete ihr Leiden unter anderem als «Melancholie». Dieser Begriff war seit dem 16. Jahrhundert sehr geläufig. Er konnte eine leichte negative Verstimmung bezeichnen, eine Sehnsucht nach früheren Zeiten oder Orten oder aber eine ausgewachsene Erkrankung, die Menschen lähmte und sie gar dazu brachte, ein grosses Tabu zu brechen und den Freitod zu wählen.
Die Umgebung begegnete jenen, die als schwermütig oder melancholisch galten, mit einer gewissen Hilflosigkeit und mit Unverständnis. Deswegen versuchten die Betroffenen oftmals, ihre Leiden zu verstecken. Dies können wir auch in Briefen von Rosina Honnerlag-Zellweger lesen: «Dießen Zustand [der finsteren Schwermuth] ertrug ich in möglichster Stille (…). Zudeme förchtete mir auch, daß so ich Jemand es Entdeken würde, möchten meine Klagen keinen Glauben finden, weilen ich wohl wußte, daß Leiden solcher Art weniger Mittleiden oder Theilnahme bey denen Menschen, die Niemahls Ähnliche Schiksale erfahren, fanden als aber nur Leibliche oder andere Arten von Leiden (…)!»
Lange wurde eine ärztliche Behandlung der Schwermut nicht in Betracht gezogen, es war vielmehr eine theologische oder seelsorgerische Frage. So waren im 16. Jahrhundert Begriffe dafür noch recht schwammig, oft wurde dann «unsinnigkeit» als Ursache etwa für einen Freitod angeführt, dass jemand nicht «by guoter vernunft» gewesen sei – bis hin zur Erklärung, dass der Teufel jemanden so angefochten habe, dass dieser sein Leben hingab.
Die richtige Behandlung war deswegen offensichtlich: fleissiges Beten, im Wort Gottes Trost suchen und geistlichen Beistand holen. Diese Angriffe des Teufels wurden als heimliche Schmerzen der Seele beschrieben, heftiger als Leibesschmerzen; als göttliche Prüfung konnten diese Angriffe allerdings auch begrüsst werden. Zur Unterstützung in diesem Kampf kamen damals zahlreiche Trostbücher auf den Markt, die die Zweifelnden aufmuntern und in ihrem Glauben stärken sollten. Sie waren im Wesentlichen Predigten in Buchform.
Ein besonders verbreitetes Buch war jenes von Otto Casmann von 1612, das bereits im Titel alle Versprechungen des Inhalts in sich trug: «Schwermütiges Gewissens Trost/ Fried unnd Frewde/ Oder Innerliche unnd sehr Trostreiche Ansprache/ unnd Ermahnung inn der Person Jesu Christi/ An alle Schwermütige/ Trawrige/ Bußfertige Christen-Hertzen».
Die Medizin der Zeit war im wahrsten Sinn des Wortes ganzheitlich: Geist, Seele und Körper wurden als untrennbare Ganzheit wahrgenommen und allfällige Krankheiten dementsprechend behandelt. Im Kapitel «Von Krankheiten die den Kopf angreifen: Melancholie» beschrieb der Berner Arzt Johann Friedrich von Herrenschwand 1788, wie sich Melancholie darstellte. Sie äussere sich dadurch, dass jemand von einer fixen Idee ganz eingenommen sei. Dann müsse als erstes zur Ader gelassen werden, die leidende Person müsse Abführmittel einnehmen, baden und einer leichten Diät folgen.
Diese Anwendungen halfen, weil sie «Öffnung verschaffen». Nach der antiken Vier-Säfte-Lehre war Melancholie mit der schwarzen Galle verbunden. Sie galt als einer von vier Grundcharakteren und wurde unter anderem mit verdicktem Blut oder Verstopfung erklärt. Die Herkunft des Begriffes ist dabei von grundsätzlicher Bedeutung: Das griechische Wort für schwarz ist melas, jenes für Galle ist cholé.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich die medizinische Deutung dieses Leidens durch, doch ärztliche Behandlungen blieben weiterhin unüblich. Schwer psychisch Kranke wurden in der Regel sich selbst und ihrer Familie überlassen. Wurde eine Person ins Kloster, Spital oder gar ins Gefängnis eingewiesen, fanden dort keine eigentlichen Heilungsversuche statt. Die Erkrankten wurden von der Gemeinschaft weggesperrt, meist durch die Behörden. Angehörige versuchten deshalb, ein solches Leiden zu verstecken, denn die Bedingungen in den Spitälern waren stets prekär und unerfreulich.
Auch diese inneren Kämpfe sind in den Briefen von Rosina Honnerlag-Zellweger zurückzufinden: «Der Haupt-Gedanke, der mich bey dießer Krankheit so heftig quälet, besteht darinnen, daß die Einbildung mir einflößt, ich selbst werde Hand an mich legen! (…) Kurz, ist dann der Affect da, so hilft dann gar kein Mittel dafür, im Gegentheil, ich habe oft wahr genommen, daß yemehr ich dießem Gedanken entgegen arbeite, desto mehr verfolgt er mich!»
Zunehmend aber wurden auch Ausnahmen gemacht, etwa wenn jemand bis anhin besonders gottesfürchtig gelebt oder in der Stunde des Todes noch Reue gezeigt hatte. Doch die Weisungen der Obrigkeiten waren klar: Selbst wenn jemand, der sich das Leben genommen hatte, eine Erdbestattung bekam, dann wurde das Begräbnis nicht öffentlich angekündigt, es fand zu einer ungewöhnlichen Zeit – etwa am Sonntag oder im Dunkeln statt –, ohne Singen oder Glockengeläut, ohne Predigt.
Es wurde nicht mehr die Tat an sich bestraft, sondern der Wille dazu – und die Obrigkeiten entschieden, ob dieser frevlerisch oder in geistiger Verwirrung geschehen sei. So erstaunt es nicht, dass Familienangehörige oftmals alles taten, um die toten Angehörigen vor der Schande des Suizids zu schützen, indem sie offensichtliche Zeichen der Tat beseitigten oder den Behörden eindringlich berichteten, wie fromm die Person immer gewesen war und wie ungewöhnlich die tödliche Handlung. Die Behörden liessen sich oft erweichen; ein mitfühlendes Verständnis setzte sich immer mehr durch.
Rosina Honnerlag-Zellwegers Briefe zeigen, wie tief Melancholie Menschen erschüttern konnte – und wie dieses Leiden in der Frühen Neuzeit zwischen religiöser Deutung, medizinischer Erklärung und gesellschaftlichem Tabu stand.


