Eine niedergeschlagene Person wird von düsteren Geistern gequält. Druck aus dem Jahr 1788.
Eine niedergeschlagene Person wird von düsteren Geistern gequält. Druck aus dem Jahr 1788. Wellcome Collection

«Finstere Schwer­muth bemäch­tig­te sich meiner»

Melancholie war in der Frühen Neuzeit allgegenwärtig: in Briefen, Berichten oder Biografien, aber auch in ärztlichen Traktaten oder theologischen Ausführungen. Eine Diagnose ist Spekulation, aber wir erkennen in manchen Beschreibungen das, was heute als Depression bezeichnet wird.

Nicole Billeter

Nicole Billeter

Nicole Billeter ist freischaffende Historikerin.

Rosina Honnerlag-Zellweger (1746–1828) war mit psychischen Leiden wohlbekannt: Sie lebte in Trogen zusammen mit ihrem Mann, dem Arzt Bartholome, in einem Haus, dem eine Privatklinik für seelisch Kranke angeschlossen war. Aber sie selbst kämpfte selbst immer wieder mit einem «ängstiglichen Leiden» und holte sich deswegen brieflichen Rat bei einem ihr unbekannten Pfarrer, dessen Trostbuch sie stets gestärkt hatte.
Porträt von Rosina Honnerlag-Zellweger, die mit ihrem Mann im Sonnenhof in Trogen wohnte.
Porträt von Rosina Honnerlag-Zellweger, die mit ihrem Mann im Sonnenhof in Trogen wohnte. Wikimedia
In einer klaren Analyse schilderte sie eine depressive Phase: «(…) eine finstere Schwermuth bemächtigte sich meiner so sehr, daß ich beynahe 3 Monath lang keinen freudigen Augenblik mehr hatte! Dieße Schwermuth aber war nicht Zweifel an Gottes Gnade (…) sonder es waren sehr schmerzhafte Gedanken, oder vielmehr Melancholische Einbildung, die mich Tag und Nacht verfolgten und die mir auch während meinem Gebett (…) keine Ruhe ließen.»
 
Rosina Honnerlag-Zellweger bezeichnete ihr Leiden unter anderem als «Melancholie». Dieser Begriff war seit dem 16. Jahrhundert sehr geläufig. Er konnte eine leichte negative Verstimmung bezeichnen, eine Sehnsucht nach früheren Zeiten oder Orten oder aber eine ausgewachsene Erkrankung, die Menschen lähmte und sie gar dazu brachte, ein grosses Tabu zu brechen und den Freitod zu wählen.
«Melencolia I» aus dem Jahre 1514 ist einer der drei Meisterstiche Albrecht Dürers. Die komplexe Symbolik gibt bis heute Rätsel auf.
«Melencolia I» aus dem Jahre 1514 ist einer der drei Meisterstiche Albrecht Dürers. Die komplexe Symbolik gibt bis heute Rätsel auf. Wikimedia
Die Beschreibungen von melancholischen Personen waren in den Jahrhunderten vor der modernen Psychiatrie äusserst vielfältig: Es wurde von Traurigkeit, Düsterheit, Einsamkeit gesprochen, aber auch von Ängstlichkeit und Argwohn. Jene, die an dem Übel litten, zeigten auch eine grüblerische Seite, eine übersteigerte Erregbarkeit, sie galten als unruhig, übersensibel und -empfindlich. Sie konnten eine überschäumende Fantasie zeigen, im schlimmsten Fall aber auch Besessenheit. Eine Diagnose war Melancholie jedoch nicht: Sie galt nicht zwangsläufig als Krankheit oder Wahnsinn.
 
Die Umgebung begegnete jenen, die als schwermütig oder melancholisch galten, mit einer gewissen Hilflosigkeit und mit Unverständnis. Deswegen versuchten die Betroffenen oftmals, ihre Leiden zu verstecken. Dies können wir auch in Briefen von Rosina Honnerlag-Zellweger lesen: «Dießen Zustand [der finsteren Schwermuth] ertrug ich in möglichster Stille (…). Zudeme förchtete mir auch, daß so ich Jemand es Entdeken würde, möchten meine Klagen keinen Glauben finden, weilen ich wohl wußte, daß Leiden solcher Art weniger Mittleiden oder Theilnahme bey denen Menschen, die Niemahls Ähnliche Schiksale erfahren, fanden als aber nur Leibliche oder andere Arten von Leiden (…)!»
 
Lange wurde eine ärztliche Behandlung der Schwermut nicht in Betracht gezogen, es war vielmehr eine theologische oder seelsorgerische Frage. So waren im 16. Jahrhundert Begriffe dafür noch recht schwammig, oft wurde dann «unsinnigkeit» als Ursache etwa für einen Freitod angeführt, dass jemand nicht «by guoter vernunft» gewesen sei – bis hin zur Erklärung, dass der Teufel jemanden so angefochten habe, dass dieser sein Leben hingab.
Eine Darstellung aus dem Jahr 1731 zeigt die Melancholie und weitere Krankheiten, welche die Teufel zu den Menschen brachten.
Eine Darstellung aus dem Jahr 1731 zeigt die Melancholie und weitere Krankheiten, welche die Teufel zu den Menschen brachten. Wellcome Collection
Im 17. Jahrhundert nahmen zahlreichere Autoren das Thema Schwermut auf; noch immer wurde diese Niedergeschlagenheit nicht als Krankheit gedeutet, sondern als theologische Herausforderung. Der Teufel versuchte diese Personen, er prüfte damit die Herzen der Gläubigen.
 
Die richtige Behandlung war deswegen offensichtlich: fleissiges Beten, im Wort Gottes Trost suchen und geistlichen Beistand holen. Diese Angriffe des Teufels wurden als heimliche Schmerzen der Seele beschrieben, heftiger als Leibesschmerzen; als göttliche Prüfung konnten diese Angriffe allerdings auch begrüsst werden. Zur Unterstützung in diesem Kampf kamen damals zahlreiche Trostbücher auf den Markt, die die Zweifelnden aufmuntern und in ihrem Glauben stärken sollten. Sie waren im Wesentlichen Predigten in Buchform.
 
Ein besonders verbreitetes Buch war jenes von Otto Casmann von 1612, das bereits im Titel alle Versprechungen des Inhalts in sich trug: «Schwermütiges Gewissens Trost/ Fried unnd Frewde/ Oder Innerliche unnd sehr Trostreiche Ansprache/ unnd Ermahnung inn der Person Jesu Christi/ An alle Schwermütige/ Trawrige/ Bußfertige Christen-Hertzen».
Auch Rosina Honnerlag-Zellweger suchte Unterstützung in Buchform, die sie in der «Handbibel für Leidende» des Pfarrers Lavater fand.
Auch Rosina Honnerlag-Zellweger suchte Unterstützung in Buchform, die sie in der «Handbibel für Leidende» des Pfarrers Lavater fand. e-rara
Es zeigte sich aber auch schon im 17. Jahrhundert vereinzelt, dass nicht alle Gelehrten eine Schwermut als Werk des Teufels sahen. Zunehmend veröffentlichten Ärzte ihre Diagnosen dieses Zustandes. So stellte der Basler Stadtarzt Felix Platter 1614 in seiner Sammlung von Krankheitsgeschichten erstmals eine klare Einordnung von Gemütskrankheiten auf. Er betrachtete darin Geisteskrankheiten nicht als dämonisch, sondern als natürliche Gegebenheiten. Bei Melancholie müsse nach einer wissenschaftlich-medizinischen Erklärung gesucht werden. Auch die in Basel veröffentlichte Dissertation von Baptist Pestalozzi vertrat 1615 die Meinung: Melancholie ginge auf die Störung der Säfte zurück und könne deswegen auch medizinisch behandelt werden.
 
Die Medizin der Zeit war im wahrsten Sinn des Wortes ganzheitlich: Geist, Seele und Körper wurden als untrennbare Ganzheit wahrgenommen und allfällige Krankheiten dementsprechend behandelt. Im Kapitel «Von Krankheiten die den Kopf angreifen: Melancholie» beschrieb der Berner Arzt Johann Friedrich von Herrenschwand 1788, wie sich Melancholie darstellte. Sie äussere sich dadurch, dass jemand von einer fixen Idee ganz eingenommen sei. Dann müsse als erstes zur Ader gelassen werden, die leidende Person müsse Abführmittel einnehmen, baden und einer leichten Diät folgen.
 
Diese Anwendungen halfen, weil sie «Öffnung verschaffen». Nach der antiken Vier-Säfte-Lehre war Melancholie mit der schwarzen Galle verbunden. Sie galt als einer von vier Grundcharakteren und wurde unter anderem mit verdicktem Blut oder Verstopfung erklärt. Die Herkunft des Begriffes ist dabei von grundsätzlicher Bedeutung: Das griechische Wort für schwarz ist melas, jenes für Galle ist cholé.
Die Vier-Säfte-Lehre führte die Gesundheit und den Charakter einer Person auf das Gleichgewicht von vier Körpersäften zurückführt. Ein Ungleichgewicht galt als Ursache für Krankheiten und psychische Wesenszüge.
Die Vier-Säfte-Lehre führte die Gesundheit und den Charakter einer Person auf das Gleichgewicht von vier Körpersäften zurückführt. Ein Ungleichgewicht galt als Ursache für Krankheiten und psychische Wesenszüge. Wikimedia
Die empfohlene medizinische Behandlung kann somit als eine Art Reinigungsritual gesehen werden – zwar wurde nicht mehr der Teufel beseitigt, dafür aber verdorbene Säfte aus den Adern und Därmen gezogen. Nichts sei heilsamer, als die Melancholie zu verwässern. Gleichzeitig blieb die Unterstützung der Seele wichtig: Der Arzt von Herrenschwand empfahl mässige Bewegung, zudem solle man versuchen, die Betroffenen «auf verschiedene Weise zu ergözen und zu zerstreuen, ohne dass er die Absicht merket und trachte ihn entweder durch Vernunft, oder durch eine schickliche List von der Idee abzubringen, davon er ganz eingenommen ist».
 
Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich die medizinische Deutung dieses Leidens durch, doch ärztliche Behandlungen blieben weiterhin unüblich. Schwer psychisch Kranke wurden in der Regel sich selbst und ihrer Familie überlassen. Wurde eine Person ins Kloster, Spital oder gar ins Gefängnis eingewiesen, fanden dort keine eigentlichen Heilungsversuche statt. Die Erkrankten wurden von der Gemeinschaft weggesperrt, meist durch die Behörden. Angehörige versuchten deshalb, ein solches Leiden zu verstecken, denn die Bedingungen in den Spitälern waren stets prekär und unerfreulich.
«Melancholie», gemalt von Domenico Fetti, um 1615.
«Melancholie», gemalt von Domenico Fetti, um 1615. Art Institute of Chicago
Leider gab es auch immer Personen, die an ihrem Seelenleiden zerbrachen und freiwillig aus dem Leben schieden. Noch im 16. Jahrhundert wurden Gründe für Suizide in den Akten nur in seltenen Ausnahmen vermerkt. Erst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts tauchten dann in den Berichten Vermutungen zu Freitodgründen auf. Meistens wurde auf Geistesverwirrung, wirtschaftliche Schwierigkeiten, religiöse Verzweiflung oder Familienzwiste verwiesen. Das zeitgenössische Wort «Selbst-Mord» zeigt, was man von Personen hielt, die sich das Leben nahmen: In der christlichen Lehre ist diese Handlung ein schweres Vergehen, weil der Mensch in den Plan Gottes eingreift und in sündiger Weise selbst über die Dauer der eigenen Lebenszeit entscheidet.
 
Auch diese inneren Kämpfe sind in den Briefen von Rosina Honnerlag-Zellweger zurückzufinden: «Der Haupt-Gedanke, der mich bey dießer Krankheit so heftig quälet, besteht darinnen, daß die Einbildung mir einflößt, ich selbst werde Hand an mich legen! (…) Kurz, ist dann der Affect da, so hilft dann gar kein Mittel dafür, im Gegentheil, ich habe oft wahr genommen, daß yemehr ich dießem Gedanken entgegen arbeite, desto mehr verfolgt er mich!»
Das melancholische Temperament, Gravur aus dem Jahr 1566.
Das melancholische Temperament, Gravur aus dem Jahr 1566. Wikimedia / Rijksmuseum
Die Strafe für die Sünde des Suizids war die Verstärkung des Tabus, indem die verstorbene Person nicht in der heiligen Erde des Friedhofs begraben wurde und damit im christlichen Glaubenssystem am Ende der Zeit nicht wiederauferstehen konnte. Eine ordentliche Bestattung wurde den Verstorbenen verweigert. Stattdessen wurden ihre Leichen verbrannt, in Fässer gepackt und in Flüsse geworfen oder in der Wildnis oder auf dem Land von Verwandten begraben.
 
Zunehmend aber wurden auch Ausnahmen gemacht, etwa wenn jemand bis anhin besonders gottesfürchtig gelebt oder in der Stunde des Todes noch Reue gezeigt hatte. Doch die Weisungen der Obrigkeiten waren klar: Selbst wenn jemand, der sich das Leben genommen hatte, eine Erdbestattung bekam, dann wurde das Begräbnis nicht öffentlich angekündigt, es fand zu einer ungewöhnlichen Zeit – etwa am Sonntag oder im Dunkeln statt –, ohne Singen oder Glockengeläut, ohne Predigt.
 
Es wurde nicht mehr die Tat an sich bestraft, sondern der Wille dazu – und die Obrigkeiten entschieden, ob dieser frevlerisch oder in geistiger Verwirrung geschehen sei. So erstaunt es nicht, dass Familienangehörige oftmals alles taten, um die toten Angehörigen vor der Schande des Suizids zu schützen, indem sie offensichtliche Zeichen der Tat beseitigten oder den Behörden eindringlich berichteten, wie fromm die Person immer gewesen war und wie ungewöhnlich die tödliche Handlung. Die Behörden liessen sich oft erweichen; ein mitfühlendes Verständnis setzte sich immer mehr durch.
 
Rosina Honnerlag-Zellwegers Briefe zeigen, wie tief Melancholie Menschen erschüttern konnte – und wie dieses Leiden in der Frühen Neuzeit zwischen religiöser Deutung, medizinischer Erklärung und gesellschaftlichem Tabu stand.

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