War überzeugter Unterstützer des NS-Regimes: Werkzeugmacher Adolf Walter. Illustration von Marco Heer.
War überzeugter Unterstützer des NS-Regimes: Werkzeugmacher Adolf Walter. Illustration von Marco Heer.

Adolf Walter — Fabrikant und Landesverräter

Adolf Walter floh 1939 vor der Schweizer Justiz ins Deutsche Reich. Zurück in der Schweiz wurde er wegen Landesverrats verurteilt. Nach seiner Haftstrafe gelang ihm als Unternehmer der Schritt in ein bürgerliches Leben.

Rolf Löffler

Rolf Löffler

Rolf Löffler ist Historiker und Sekundarlehrer.

Die Einschätzung der Bundesstrafrichter zu Adolf Walter war deutlich: Seine Behauptungen wären wenig glaubwürdig und er machte nicht den Eindruck, dass er seine Schuld zugäbe und Einsicht oder Reue zeigte. Ausserdem habe er seine Verbrechen aus innerster Überzeugung begangen und sich aus freien Stücken den Verrätern angeschlossen. Das Bundesstrafgericht verurteilte Walter deshalb am 7. Mai 1948 wegen Angriffs auf die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft und weiterer Delikte zu einer Strafe von zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren «Einstellung in der bürgerlichen Ehrfähigkeit». Der Solothurner durfte somit weder wählen noch abstimmen oder ein öffentliches Amt übernehmen.
Der 1914 geborene Walter war einer der 41 Männer, die im April 1948 im grossen Landesverräterprozess gegen Franz Burri und 40 Mitangeklagte in Zürich vor Gericht standen. Der Hauptangeklagte Franz Burri, der sich für einen Anschluss der Schweiz ans Dritte Reich stark machte, erhielt 20 Jahre Zuchthaus, viele andere Beschuldigte wurden ebenfalls zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
Franz Burri (rechts) verlässt nach einer ersten Anhörung am 21. April 1948 den Gerichtssaal in Zürich.
Franz Burri (rechts) verlässt nach einer ersten Anhörung am 21. April 1948 den Gerichtssaal in Zürich. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Die zwei Jahre Zuchthaus waren eine Zusatzstrafe. Schon im Juni 1939 hatte das Amtsgericht Solothurn-Lebern Adolf Walter in Abwesenheit zu drei Monaten Gefängnis wegen Widerhandlungen gegen die Demokratieschutzverordnung verurteilt. Walter, Werkzeugmacher in der Waffenfabrik Solothurn, hatte Versammlungen des «Bundes treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Weltanschauung» (BTE) besucht. Dazu äusserte er sich in Wirtshäusern wiederholt lautstark nazifreundlich – was mehrmals in Handgreiflichkeiten ausartete.
In den 1930er-Jahren arbeitete Adolf Walter in der Waffenfabrik Solothurn, hier auf einer Flugaufnahme von 1930 zu sehen.
In den 1930er-Jahren arbeitete Adolf Walter in der Waffenfabrik Solothurn, hier auf einer Flugaufnahme von 1930 zu sehen. StABS, BALAIR 2502W

Mehrfach straffäl­lig

Der Strafe in Solothurn entzog er sich, indem er ins Deutsche Reich floh, zuerst nach Lörrach, dann nach Stuttgart. In der Schweiz wurde er danach wieder straffällig: In den Jahren 1939/40 versäumte er den Aktivdienst, die Militärjustiz verurteilte ihn deshalb im Juli 1946 zu weiteren acht Monaten Gefängnis.

Bis kurz vor Kriegsende lebte Walter in Stuttgart, er heiratete eine deutsche Frau und hatte mir ihr einen Sohn. Der Schweizer arbeitete in verschiedenen Werkzeugfabriken und gehörte laut eigenen Angaben vor Gericht einem Nachrichtendienst des Deutschen Reiches an, nähere Angaben dazu verweigerte er jedoch. Ein Zeuge schrieb den Schweizer Behörden 1946, dass Adolf Walter die SS finanziell unterstützt hatte. 1940 trat er dem «Bund Schweizer in Grossdeutschland» (BSG) bei und leitete in Stuttgart eine paramilitärische Sportgruppe, eine sogenannte Kampfstaffel. Walter brachte auf diesem Gebiet Erfahrung mit: Schon in Solothurn hatte er als Sportwart die Programme für die Sonntagsausmärsche des dortigen BTE-Ablegers organisiert.

Streit mit Waffen-SS-Mann Benno Schäppi

1942 wurde es für Walter jedoch ungemütlich. Er geriet wegen Meinungsverschiedenheiten über die Ausrichtung der Sportgruppe in einen Streit mit dem Schweizer Waffen-SS-Untersturmführer Benno Schäppi und dessen Ehefrau, dabei kam es zu Beleidigungen und Tätlichkeiten. Schäppi drohte in Briefen an die Bundesleitung des BSG, «Walter in der Versenkung verschwinden zu lassen» und ein SS-Gericht einzuschalten. Ein Sühneversuch des BSG scheiterte, weil Walter nicht zur Verhandlung erschien. Adolf Walter wurde im August 1942 aus dem BSG ausgeschlossen.
Mit Benno Schäppi, hier in SS-Uniform, stritt sich Adolf Walter über die Ausrichtung der BSG-Sportgruppe.
Mit Benno Schäppi, hier in SS-Uniform, stritt sich Adolf Walter über die Ausrichtung der BSG-Sportgruppe. Archiv für Zeitgeschichte / NL Werner Rings / 440
Danach hetzte Schäppi die Geheime Staatspolizei (Gestapo) auf Walter, dieser wurde vorgeladen und einvernommen, später durchsuchte die Gestapo seine Wohnung. Gleichzeitig verlor er die Arbeitsbewilligung und seine Frau erkrankte. In die Schweiz zurückkehren konnte er nicht, die deutschen Behörden verweigerten ihm eine Ausreisebewilligung. Im September 1943 regelte das Amtsgericht Stuttgart in einem Friedensspruch die Streitsache mit Schäppi und für Adolf Walter kehrten wieder ruhigere Zeiten ein.
Im Sommer 1943 trat er dem von Franz Burri geführten Nationalsozialistischen Schweizerbund (NSSB) bei. Dort wurde er Leiter der Ortsgemeinschaft Stuttgart. Er ordnete diese neu, warb für den NSSB und organisierte Versammlungen. Das Bundesstrafgericht hielt später in seinem Urteil fest, dass Adolf Walter klar hinter dem Ziel des NSSB stand: den Anschluss der Schweiz an Hitlers Reich.

Die pro-national­so­zia­lis­ti­schen Gebrüder Walter

Kurz vor dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands kehrte er im April 1945 zusammen mit seiner Familie doch in die Schweiz zurück. Adolf Walter, offensichtlich von beherztem Charakter, liess sich durch widrige Umstände und einer drohenden Gefängnisstrafe nicht beirren. Schon am 1. Mai begann er zusammen mit einem jüngeren Bruder Willy in seinem Wohnort Selzach bei Solothurn Präzisionswerkzeuge herzustellen. Die Gründung der Kollektivgesellschaft Walter & Co. wurde am 27. Mai 1946 im Schweizerischen Handelsamtsblatt publiziert.
Die Gründung der Walter & Co. wurde im Mai 1946 im Handelsamtsblatt öffentlich bekanntgegeben.
Die Gründung der Walter & Co. wurde im Mai 1946 im Handelsamtsblatt öffentlich bekanntgegeben. e-periodica
Die Walters hatten ausgeprägte Sympathien für den Nationalsozialismus: Ein älterer Bruder, Martin, wurde 1943 wegen verbotenem Nachrichtendienst zugunsten Deutschlands von der Militärjustiz in Abwesenheit zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und ausgebürgert. Wie Adolf hatte er sich seiner Strafe vorher durch Flucht nach Deutschland entzogen. Im gleichen Fall hatte Willy wegen Verletzung von Meldepflichten vier Monate Gefängnis bedingt erhalten.
Adolf und Willy Walter trieben den Aufbau ihrer Firma jedoch unbeirrt voran, bis Adolf nach dem Urteil des Bundesstrafgerichts im Mai 1948 seine zweijährige Zuchthausstrafe in der Strafanstalt Witzwil (BE) antreten musste. Im August 1949 wurde er durch Beschluss des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD) bedingt entlassen, wegen guter Führung und weil er laut Anstaltsdirektion «seine Einstellung zur Schweiz geändert hat».
In der Strafanstalt Witzwil (BE) sass Adolf Walter seine Strafe ab. Hier ein Luftbild der Gefängnisanlage von 1970.
In der Strafanstalt Witzwil (BE) sass Adolf Walter seine Strafe ab. Hier ein Luftbild der Gefängnisanlage von 1970. e-pics

Firmen­chef unter Vormundschaft

Adolf Walter blieb aber unter Vormundschaft und Schutzaufsicht. Er war deshalb rechtlich nicht handlungsfähig und wurde von der Aufsichtsbehörde betreut und kontrolliert. Zudem war er nach wie vor von der bürgerlichen Ehrenfähigkeit ausgeschlossen – für den Mitinhaber einer Firma eine ungewöhnliche und hinderliche Situation. Die Werkzeugschleiferei Walter & Co. florierte dennoch, 1951 beschäftigte sie bereits 15 Mitarbeiter.
Auf Gesuch hin wurde Adolf Walter im gleichen Jahr aus der Vormundschaft entlassen, später auch aus der Schutzaufsicht. Das für die Entscheide verantwortliche Solothurner Polizeidepartement bezeichnete ihn als einen «ruhigen und zurückgezogen lebenden Bürger, der in seiner Gemeinde und bei den Behörden wohlgelitten ist».
Bild von Adolf Walter aus dem Jahr 1972.
Bild von Adolf Walter aus dem Jahr 1972. Verein für Ortsgeschichte Selzach/Altreu

Vom National­so­zia­lis­mus zum Freisinn

Neben seiner Tätigkeit als erfolgreicher Firmenchef wagte sich Adolf Walter auch wieder auf das politische Parkett, diesmal auf das der Demokratie. Dies machte ein Brief des freisinnig-demokratischen Ortsparteipräsidenten von Selzach deutlich, als es darum ging, Walter die bürgerlichen Ehren und Rechte wieder zu gewähren. Er schrieb ans EJPD, «dass uns Adolf Walter als Leiter und Gründer eines Industrie-Etablissements auf die kommenden Nationalratswahlen wertvolle Dienste leisten kann». Sein gutes Benehmen und Aufführen in der Gemeinde würden dies voll und ganz rechtfertigen. Mit dem Engagement für die FDP kehrte Adolf Walter zu seinen politischen Wurzeln zurück: 1933/34 hatte er ein Jahr lang bei der Jungliberalen Partei mitgemacht, bevor er sich dem BTE zuwandte.
Im Februar 1953 fiel die letzte Hürde auf Adolf Walters Weg zurück in ein bürgerliches Leben: Das Bundestrafgericht setzte ihn wieder in die bürgerliche Ehrenfähigkeit ein, er konnte nun ungehindert am politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leben teilnehmen.
1953 setzte das Bundesstrafgericht die bürgerliche Ehrfähigkeit von Adolf Walter wieder ein.
1953 setzte das Bundesstrafgericht die bürgerliche Ehrfähigkeit von Adolf Walter wieder ein. Schweizerisches Bundesarchiv
BTE-Sportwart und Justizflüchtling, Kampfstaffelführer, im Verdacht der Gestapo und Landesverräter, Firmenpatron und FDP-Mitglied – die Stationen in Walters Biografie zwischen 1939 und 1953 zeigen ein bewegtes Leben. Vor allem sein Erfolg als Unternehmer dürfte Adolf Walter nach seiner Rückkehr den Weg geebnet und mitgeholfen haben, Gesellschaft und Staat mit ihm zu versöhnen – trotz seiner Nazi-Vergangenheit und der schweren Delikte, die er begangen hatte.
Eng verflochten mit seinem Unternehmergeist war offenbar auch eine ziemliche Anpassungsfähigkeit an die liberal-demokratischen Verhältnisse in der Schweiz, denen er zuvor viele Jahre ablehnend und feindlich gegenübergestanden hatte. Die Firma der Brüder Walter entwickelte sich weiter, Adolf Walter starb 1984.

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