Im August 1943 musste ein alliierter Bomber bei Utzenstorf (BE) in einem Kartoffelacker notlanden. Es war eine von vielen Maschinen, die während des Zweiten Weltkriegs auf Schweizer Hoheitsgebiet gerieten.
Im August 1943 musste ein alliierter Bomber bei Utzenstorf (BE) in einem Kartoffelacker notlanden. Es war eine von vielen Maschinen, die während des Zweiten Weltkriegs auf Schweizer Hoheitsgebiet gerieten. Keystone / Photopress-Archiv

«Als die Welt in einem Meer von Hass ersoff», internier­te die Schweiz die Befreier

Während des Zweiten Weltkriegs landeten 166 havarierte amerikanische Bomber auf Schweizer Äckern. Die Geschichte ihrer mehr als 1500 in den Bergen internierten Besatzungsmitglieder ist heute fast vergessen.

Jürg Flückiger

Jürg Flückiger

Jürg Flückiger ist Historiker und Teil des Schweizer Netzwerks Public History.

Es war heiss am 17. August 1943. Werner Steffen sass in einem Kirschbaum im bernischen Koppigen und pflückte die reifen Früchte. Vor ihm lag die weite Ebene zwischen Kirchberg und Utzenstorf. Sie hatte schon lange keinen Regen mehr gesehen. Er sah, wie die Bauern Kartoffeln ernteten, und vernahm ein fernes Brummen. Am anderen Ende der Ebene erntete Frau Imhof ihre Stangenbohnen. Das Brummen wurde lauter und als Frau Imhof aufsah, entdeckte sie über Kirchberg ein riesiges Flugzeug. Es verlor dramatisch an Höhe, als es näher kam, und die Bauern auf dem Kartoffelacker vor ihr warfen sich vor Schreck in die Ackerfurchen. Auch Frau Imhof konnte nicht mehr fliehen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als den Bohnenkorb über den Kopf zu stülpen und sich auf der Stelle zu ducken. Das Flugzeug setzte auf und kam auf dem Bauch in einer Wolke aus Staub und Kartoffeln auf sie zugerast. Mit einem beängstigenden Geräusch kam der graue Riesenvogel genau über ihr in den Bohnenstangen zum Stehen. Werner Steffen, der blitzartig von der Leiter gestiegen und mit dem Velo herbeigeeilt war, besah sich das fremde Flugzeug, das auf der Flanke einen Stern und an der langen Nase die Aufschrift «Battle Queen – Peg Of My Heart» hatte. Zusammen mit den Bauern, die mittlerweile wieder aufgestanden waren, wartete er, was als nächstes passieren würde. Als sich der Staub gelegt hatte, öffnete sich die Flugzeugtür und zehn junge Männer in abenteuerlicher Kluft kamen heraus, einer nach dem anderen. Sie sahen aus wie von einer anderen Welt.
Der US-Bomber «Battle Queen» musste im August 1943 im Bernbiet notlanden.
Der US-Bomber «Battle Queen» musste im August 1943 im Bernbiet notlanden. Walter Studer / Archiv Keystone

Zeugen des Kriegs auf Schweizer Äckern

Dieses Ereignis im weiten Emme-Delta zwischen Burgdorf und Solothurn war kein Einzelfall. Mit der Umsetzung der von den Westalliierten am 21. Januar 1943 an der Konferenz von Casablanca beschlossenen Combined Bomber Offensive wechselten sich Britische Lancaster-Bomber, die in der Nacht deutsche Städte mit verheerenden Bombenteppichen überzogen, mit riesigen Verbänden von bis zu 1200 amerikanischen Bombern des Typs B-17 Flying Fortress und B-24 Liberator ab, die tagsüber strategische Ziele wie Flugplätze und Rüstungsbetriebe in Deutschland bombardierten. Wenn sie beschädigt wurden und es nicht mehr zu ihrer Basis zurückschafften, wichen sie oftmals in neutrale Länder aus. Damit begann auch in der Schweiz eine neue Wahrnehmung des Kriegs. Vier Tage vor der «Battle Queen» war am 13. August 1943 die erste B-24 mit dem Übernamen «Death Dealer» in der Nähe von Wil (SG) notgelandet. Sie wurde von ihrer Besatzung, die nicht wusste, was sie in der Schweiz erwartet, umgehend in Brand gesetzt. Ihr folgten 165 weitere, teils schwer havarierte Liberators und Flying Fortresses, die bis zum 20. April 1945 in der Schweiz Zuflucht suchten.
Eine B-24 Liberator im Einsatz. Mit solchen Flugzeugen wurde das «Dritte Reich» während des Zweiten Weltkriegs bombardiert. Einige Maschinen mussten dabei in der Schweiz notlanden.
Eine B-24 Liberator im Einsatz. Mit solchen Flugzeugen wurde das Dritte Reich während des Zweiten Weltkriegs bombardiert. Einige Maschinen mussten dabei in der Schweiz notlanden. Wikimedia / U.S. Air Force photos
An ihren Notlandeplätzen machten die fliegenden Festungen einen gewaltigen Eindruck auf die Bevölkerung. Kurz nachdem in Utzenstorf Frau Imhof direkt unter der Tragfläche unter ihrem Bohnenkorb hervorgekrochen war, wurde das Flugzeug bereits von Neugierigen umringt, die aus den Nachbardörfern herbeigeeilt waren. Jeder wollte der Erste sein. Die Tageszeitung Der Bund titelte: «Fliegende Festungen notgelandet bei Utzenstorf und Dübendorf» und vermutete, «dass sie von Sizilien herkamen». Am 8. Oktober legte die Schweizer Illustrierte Zeitung nach und berichtete über «die Luftkämpfe, die am vergangenen Freitag über unserem eigenen Hoheitsgebiet stattgefunden haben». In deren Verlauf hätten die Amerikaner «einen Apparat infolge eines Volltreffers durch unsere Flab» verloren. Neben Bildern der «Battle Queen» erklärte sie ausführlich, wie diese «fliegenden Ungeheuer», für die sich «jedermann interessiert», aufgebaut, bestückt und bemannt waren. In der Regel waren neun oder zehn junge Amerikaner an Bord, mit bemalten Lederjacken, Kaugummi im Mund und Swing im Kopf. Sie hatten trotz ihres jugendlichen Alters von kaum mehr als 20 Jahren die Hölle eines Luftkrieges erlebt und bisweilen nur eine Chance von eins zu vier gehabt, ihre durchschnittlich 25 Einsätze zu überleben.
Eine normale B-24-Crew bestand aus neun bis zehn Männern. Im Bild die Besatzung der Mary Harriet, welche im Juli 1944 im Appenzellerland abstürzte. Dabei kam einer der Amerikaner ums Leben.
Eine normale B-24-Crew bestand aus neun bis zehn Männern. Im Bild die Besatzung der «Mary Harriet», welche im Juli 1944 im Appenzellerland abstürzte. Dabei kam einer der Amerikaner ums Leben. Jim Hewlett's Wartime Log

Schüsse auf die Befreier

Die offizielle Schweiz hielt sich streng an ihre Maxime der bewaffneten Neutralität und duldete keine Verletzungen ihres Luftraumes. Dies war einerseits dem enormen Druck aus Deutschland geschuldet, der bereits am 7. November 1940 – gegen den Willen von General Henri Guisan – den Bundesrat bewogen hatte, eine Verdunkelung ab 22 Uhr anzuordnen, um den britischen Bombern die Orientierung zu erschweren. Andererseits ergab es sich auch aus einer realen Bedrohung, die von dem immer näher an der Schweizer Grenze stattfindenden Luftkrieg ausging. Am 4. April 1944, drei Tage nach der verheerenden irrtümlichen Bombardierung von Schaffhausen durch die Amerikaner, die 40 Tote und mehr als tausend zerstörte Gebäude zurückliess, erliess Guisan den Befehl, auf alle eindringenden fremden Flugzeuge das Feuer zu eröffnen, es sei denn, sie seien eindeutig in Schwierigkeiten oder zeigten die Absicht, auf Schweizer Boden zu landen. Angesichts solcher Ereignisse hörte auch der Bundesrat auf den General und beschloss am 12. September 1944, die Verdunkelung aufzuheben und «eine deutliche, weit sichtbare Kenntlichmachung der Grenze», sowohl in der Nacht wie am Tag, anzuordnen, worauf überall entlang der Grenze Fahnen gehisst und Schweizerkreuze auf die Dächer gemalt wurden.
TV-Beitrag über die Bombardierung von Schaffhausen im April 1944. SRF
Bereits vor Guisans Schiessbefehl wurden alliierte Flugzeuge durch die Schweizer Armee abgeschossen. Die B-17 mit dem Übernamen «Sugar Foot» war am 1. Oktober 1943 mit anderen Flugzeugen von Tunesien aus gestartet mit dem Ziel, die Messerschmitt-Werke in Augsburg zu bombardieren. 50 Kilometer vor dem Ziel musste die ganze Gruppe wegen schlechter Sichtverhältnisse umkehren und geriet, während sie von deutschen Jagdflugzeugen beschossen wurde, ohne es zu realisieren, über den Bodensee in die Schweiz, wo das Schweizer Flab Detachement 21 in einer gespenstischen Arbeitsteilung zu Ende führte, was die Deutschen allein nicht geschafft hatten. Die «Sugar Foot» und ein zweites baugleiches Flugzeug stürzten ab. 8 der insgesamt 21 Besatzungsmitglieder konnten sich mit dem Fallschirm retten. Die anderen 13 kamen ums Leben. Oberst Oscar Frey von der Armeeorganisation «Heer und Haus» hatte die Soldaten aufgefordert, richtig zu zielen, «damit ihr sie trefft!» Das sei sehr wichtig für die Schweiz, damit sie ihre Neutralität glaubhaft mache.
Die Schweizer Flugabwehr ging nicht zimperlich mit fremden Flugzeugen um. In einigen Fällen schoss sie bereits geschädigte Maschinen ab, welche sich in die Schweiz retten wollten.
Die Schweizer Flugabwehr ging nicht zimperlich mit fremden Flugzeugen um. In einigen Fällen schoss sie bereits geschädigte Maschinen ab, welche sich in die Schweiz retten wollten. Schweizerisches Bundesarchiv

Beherbergt, bewacht und beerdigt in der Schweiz

61 Amerikaner fanden während der Internierung in der Schweiz den Tod. Für sie wurde in Münsingen bei Bern eigens ein amerikanischer Soldatenfriedhof errichtet. Die 1511 Besatzungsmitglieder der amerikanischen Bomber, die lebend in der Schweiz angekommen waren, wurden als «Truppen der kriegführenden Heere» angesehen und gemäss den Haager Konvention von 1907, auf die sich die Schweiz bei ihrer Neutralität ‒ als einziges Land ‒ bis heute bezieht, in abgelegene Bergkurorte interniert. Für 597 Offiziere war das Davos, für die übrigen 914 – meist Unteroffiziere im Rang eines Sergeant – entweder Adelboden oder Wengen.
Verantwortlich für die logistische Mammutaufgabe der Internierung war der Berner Gymnasiallehrer und Oberst René Probst, ein Mensch, der genaue Vorstellungen von Gerechtigkeit hatte und wenn nötig auch mal Gesetze und Paragraphen überging, um das zu tun, was in seinen Augen richtig war. Diese Geradlinigkeit verlieh ihm als Lehrer eine natürliche Autorität und manche seiner Schülerinnen und Schüler blieben ihm auch nach ihrer Schulzeit freundschaftlich verbunden, obschon sie hie und da mit einem durchs Klassenzimmer fliegenden Schwamm rechnen mussten, wenn sie während dieser keine Disziplin zeigten. Von seinen militärischen Vorgesetzten wurde Probst als tüchtig, zuverlässig und ernst beschrieben, ein klar denkender und bescheiden auftretender Mann, der das Gebirge gut kannte, aber auch etwas umständlich sein konnte und nicht immer im Sinne seiner Vorgesetzten handelte.
Oberst René Probst war für die Internierung der über 100'000 Angehörigen von kriegsführenden Armeen verantwortlich.
Oberst René Probst war für die Internierung der über 100'000 Angehörigen von kriegsführenden Armeen verantwortlich. Privatarchiv Familie Probst
Sein «Eidgenössisches Kommissariat für Internierung und Hospitalisierung» sorgte bis zum Kriegsende mit 1141 im Salärverhältnis angestellten Personen und zwischen 1500 und 6800 Bewachungssoldaten für die Unterbringung und Verpflegung von 104'886 Angehörigen kriegführender Armeen aus über 35 Nationen, die Hospitalisierung und medizinische Versorgung der Verletzten und Kranken unter ihnen und, sollten sie in der Schweiz sterben, für ihre Beerdigung. Mit der Feldpostdirektion und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz organisierte das Kommissariat eine Interniertenpost, die bis zum Kriegsende 24,3 Millionen Postsendungen beförderte und eigene Poststempel sowie eine zentrale, direkt dem Bundesrat unterstellten Zensurstelle hatte. Diese hatte nicht nur darauf zu achten, dass die Briefe keine die schweizerische Neutralität verletzenden politischen Meinungsäusserungen enthielten, sondern musste auch Korrespondenzen nachgehen, die eine Anbahnung einer Liebesbeziehung oder Abmachungen zum Rendez-vous vermuten liessen, denn solches war den Internierten strengstens verboten.

Internier­te als «Kurgäste»

Die gut 1500 Amerikaner machten nur einen kleinen Anteil aller Internierten aus. René Probst war der Meinung, sie könnten an ihren Unterbringungsorten «das Leben des Kurgastes» führen. Als Offiziere und Unteroffiziere konnten sie nicht zur Arbeit gezwungen werden und man quartierte sie in Hotels ein. Das Haager Abkommen besagte, dass «die neutrale Macht, auf deren Gebiet Truppen der kriegführenden Heere übertreten», diese «möglichst weit vom Kriegsschauplatz unterbringen» muss. Das traf sich ausgesprochen gut, denn in den Schweizer Bergkurorten standen gerade alle Hotels kriegshalber leer und die Hoteliers waren gerne bereit, ihre Häuser in Internierungslager umzuwandeln, zumal die Kosten nach Kriegsende von Herkunftsland der Internierten berappt werden mussten. Da hinter den Amerikanern ein funktionierender Staat stand, dem man Rechnung stellen konnte, ergriff man diese günstige Gelegenheit. Win-Win, wie man heute sagen würde. Oder fast. Die Amerikaner wollten zurück in den Krieg und verstanden nicht, warum man sie nicht einfach ziehen liess.
Internierte Amerikaner vor dem Hotel Regina in Wengen (BE).
Internierte Amerikaner vor dem Hotel Regina in Wengen (BE). George Michel's Wartime Log
Dieser Ansicht war auch ihre Gesandtschaft. Der amerikanische Militärattaché Barnwell Rhett Legge unterhielt deshalb von Bern aus gemeinsam mit Allen Dulles, dem Gesandten des US-Auslandsgeheimdienstes OSS (Office of Strategic Services), ein verdecktes Fluchtnetz für seine Landsleute. Es setzte sich aus US-Agenten und Angehörigen der französischen Résistance zusammen, aber auch aus Offizieren der Schweizer Armee und Rechtsanwälten, Taxifahrern, Hausfrauen, Mechanikern und Kellnerinnen aus Zürich, Genf, dem Aargau und den Internierungsorten.

Friedhof­gärt­ner und Fluchthelfer

Eine besondere Funktion hatte dabei der amerikanische Soldatenfriedhof in Münsingen. Floyd E. MacSpadden, der als Pilot mit seiner angeschossenen B-17 «Madame Betterfly» am 6. September 1943 in Dübendorf notgelandet war, arbeitete dort im Auftrag der Amerikaner als Friedhofsgärtner – und daneben verdeckt als Fluchthelfer. Die US-Gesandtschaft ernannte ihn zum Sonderbeauftragten für den Vertrieb von Filmen für die Internierten, wofür er nach Basel, Genf und Zürich fahren musste. Dies ermöglichte ihm, durch die Schweiz zu reisen und die flüchtenden Internierten mithilfe von Rationierungsmarken, die er von der Gesandtschaft erhalten hatte, mit Essen und Zivilkleidern zu versorgen. Ausserdem brachte er sie zu sogenannten «pick-up points», geheimen Treffpunkten, wo sie von Angehörigen der französischen Résistance übernommen und über die Grenze geführt wurden. Insgesamt unternahmen 947 der 1511 in der Schweiz internierten Amerikaner einen Fluchtversuch. 763 von ihnen gelang er.
Floyd MacSpadden (zweiter von rechts) und seine Mitstreiter während des Baus des amerikanischen Soldatenfriedhofs in Münsingen (BE). Das Bild wurde 1944 im Hotel Löwen aufgenommen.
Floyd E. MacSpadden (zweiter von rechts) und seine Mitstreiter während des Baus des amerikanischen Soldatenfriedhofs in Münsingen (BE). Das Bild wurde 1944 im Hotel Löwen aufgenommen. Swiss Internees Association Archives

«Schlimmer als die Gestapo»

Mit den 184 anderen, die auf der Flucht erwischt wurden, kannten die Schweizer Behörden kein Pardon. Statt den nach dem Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 zulässigen Arreststrafen von maximal 30 Tagen wurden sie zu fünf bis sieben Monaten Haft im berüchtigten Straflager Wauwilermoos, nordwestlich von Luzern zwischen Nebikon und Sursee, verurteilt. Geleitet wurde das stacheldrahtumzäunte Barackenlager ab Juli 1941 von Hauptmann André Béguin, der bereits in den 1930er-Jahren als Hochstapler und Betrüger aufgefallen war, sich in der rechtsextremen Nationalen Front engagierte und offen mit dem Naziregime sympathisierte. Er führte das Lager mit unmenschlicher Härte. Die Ernährung war mangelhaft, die hygienischen Bedingungen katastrophal, Schlafgelegenheiten und sanitäre Einrichtungen praktisch inexistent. Die Insassen litten fast alle an Infektionskrankheiten. Einzelhaft für geringfügige Verstösse gegen die Anordnungen des Lagerkommandanten war an der Tagesordnung. Es kam zu sexualisierter Gewalt, die offensichtlich vom Lagerleiter gezielt eingesetzt wurde, um die Insassen gefügig zu machen. Versuchten diese zu fliehen, liess Béguin die Wachmannschaft auf sie schiessen.
André Béguin kommandierte das Lager Wauwilermoos mit unmenschlicher Härte. Das Foto wurde wahrscheinlich 1944 aufgenommen.
André Béguin kommandierte das Lager Wauwilermoos mit unmenschlicher Härte. Das Foto wurde wahrscheinlich 1944 aufgenommen. Wikimedia
Die völkerrechtswidrige Bestrafung der flüchtigen Amerikaner eskalierte schliesslich zu einer politischen Krise, als verschiedene Generalstabs-Offiziere der Schweizer Armee amerikanische Klagen meldeten, das Wauwilermoos sei ein «Konzentrationslager», in dem die Schweizer Polizei «schlimmer als die Gestapo» sei, und Befürchtungen äusserten, «dass die USA die Affäre an die Öffentlichkeit bringen, bevor die Schweiz den Mut dazu gefunden hat». Auch verschiedene Nationalräte machten Eingaben an den Bundesrat «zur Frage der Behandlung der amerikanischen Internierten im Straflager Wauwil». Dies führte schliesslich am 29. Dezember 1944 zu einem runden Tisch mit Bundesrat Karl Kobelt, dem amerikanischen Militärattaché Legge und hochrangigen Armeevertretern beider Staaten.

Von der Neutra­li­täts­wah­rung zum bitteren Stigma

Der dort geschlossene Kompromiss, dass «die erstmalige Flucht unter nicht erschwerenden Umständen» fortan disziplinarisch mit 20 Tagen Arrest bestraft werden und die amerikanischen Ausreisser vom Wauwilermoos in das neu erstellte Lager Hünenberg (ZG) und nach Les Diablerets (VD) disloziert werden sollten, führte nur zu einer kurzfristigen Entspannung.
Der 2015 veröffentlichte Dokumentarfilm «Notlandung» von Daniel Wyss zeigt, wie amerikanische Fliegersoldaten im Straflager Wauwilermoos interniert wurden und dabei viel erdulden mussten. Vimeo / Daniel Wyss
Die Missstände in der Internierung beschäftigten die Öffentlichkeit und Politik in der Schweiz auch nach dem Krieg weiter, denn die Verfehlungen des Lagerleiters von Wauwilermoos, Hauptmann André Béguin, gegen den das Divisionsgericht 8 am 11. Juli 1945 ein Strafverfahren eröffnete, sickerten an die Presse durch. Am 3. September berichteten die Luzerner Neueste Nachrichten unter dem Titel «Wir dürfen nicht mehr länger schweigen» ausführlich darüber, am 6. September fragten die Neuen Zürcher Nachrichten «Wann greifen die vorgesetzten Stellen endlich ein?» und am 7. September rätselte der Berner Bund in der Abendausgabe: «Was ging im Wauwilermoos vor?». Die sozial-liberale Zeitung Die Tat ging noch einen Schritt weiter und stellte am Samstag, dem 13. Oktober 1945, das Internierungswesen grundsätzlich infrage: «Zehnmal stärker als Plakate mit Berglandschaften würde das Bekenntnis eines einzigen Menschen draussen für uns werben, könnte er sagen: ‹Hier habe ich, als die Welt in einem Meer von Hass ersoff, gute Menschen und warme Herzen gefunden›». Auch im Parlament waren mittlerweile zwei Interpellationen zu den Korruptionsvorwürfen im Internierungswesen eingereicht worden und Bundesrat Kobelt, Vorsteher des Militärdepartements, musste in der Herbstsession Auskunft geben.
Der Angeklagte André Béguin verlässt im Februar 1946 das Gerichtsgebäude in Zürich.
Der Angeklagte André Béguin verlässt im Februar 1946 das Gerichtsgebäude in Zürich. RDB by Dukas
René Probst, der stets korrekte Gymnasiallehrer mit seinen ausgeprägten Vorstellungen von Recht und Unrecht, wurde dadurch von einer tiefen Bitterkeit befallen. Daran änderte sich auch nichts, als das Divisionsgericht 8 den «lügenhaften Blender und Bluffer, Verschwender, Schuldenmacher und Schürzenjäger» Béguin zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte, degradierte und aus der Armee ausschloss, wie die Neue Zürcher Zeitung in der Mittagsausgabe des 21. Februar 1946 berichtete.
Die Internierung war für René Probst von der soldatischen Pflicht zur Wahrung der schweizerischen Neutralität zu einem bitteren Stigma geworden, das ihn zeitlebens nicht mehr losliess. Genauso wie für viele seiner amerikanischen Internierten, die ein Leben lang lieber schwiegen, als zuzugeben, dass sie, während ihre Kameraden im Kampf gegen den Faschismus starben, ihre Zeit in Ferienhotels in den Schweizer Bergen verbringen mussten, weil die Schweizer der Auffassung waren, das sei notwendig für die Neutralität.

Gefangene Befreier

Sommer 1944. Seit vier Jahren ist die Schweiz von den faschistischen Achsenmächten eingeschlossen. Im Westen, Süden, Osten und in der Luft sind die alliierten Befreier auf dem Vormarsch. Nicht alle kommen durch: 166 havarierte amerikanische Bomber suchen Zuflucht in der neutralen Schweiz. Diese lässt jedoch die Besatzungen nicht mehr gehen: Die Flieger werden in den Bergen interniert, wo sie hin- und hergerissen sind zwischen Fluchtgedanken, Freundschaften und romantischen Beziehungen. Entlang von persönlichen Aufzeichnungen erzählt Jürg Flückiger in seinem Buch «Gefangene Befreier» diese fast vergessene Geschichte aus der Mikroperspektive von betroffenen Menschen auf beiden Seiten. Das Sachbuch liest sich wie ein Roman und ist im Herbst 2025 im Verlag NZZ Libro erschienen.

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