Steinplättchen mit Tiergravierungen, gefunden in Schweizersbild, Kanton Schaffhausen. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Wollnas­horn und Riesenhirsch

Vor 14'000 Jahren lag die ganze Schweiz unter einer dicken Eisschicht. Die ganze? Fast. In einigen Höhlen trotzten tapfere Männer und Frauen der eisigen Kälte und legten damit den Grundstein für spätere Entwicklungen.

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Er schreibt u.a. für "Transhelvetica".

Es war kalt in der letzten Eiszeit, vor 115’000 bis 10’000 Jahren. Durchschnittlich etwa 12°C kälter als heute. Die Schweiz lag unter einer dicken Schicht aus Eis – mit Ausnahme des Emmentals, des Juras und einiger weiterer Erhebungen. Die Dinosaurier waren seit 65 Millionen Jahren ausgestorben und die Menschenartigen, deren Entwicklung vor etwa 20 Millionen Jahren begonnen hatte, lebten noch weitgehend in Afrika. Mit einer Ausnahme: dem Homo erectus. Dieser benutzte einfache Werkzeuge und war als erster «Homo» nach Europa und Asien aufgebrochen. Erectus war aber kaum in der Schweiz anzutreffen. Was hätte er in dem ganzen Eis hier auch tun sollen?

Parallel dazu und von Erectus unabhängig emanzipierte sich derweil in Afrika der moderne Mensch von seinen Mitaffen: der Homo sapiens. Um 150’000 v. Chr. begann er seinen Siegeszug um die Welt. Einige Zeit lebten Sapiens, Erectus und sein Nachkomme, der Neandertaler, gemeinsam in Europa; sie hatten sogar gemeinsame Kinder. Vor allem aber hatten sie in der weiten Tundra Mitteleuropas gemeinsame Jagdgebiete und damit Konflikte. Schliesslich verschwand Erectus von der Bildfläche, seine Spuren verloren sich im Schnee.apiens hingegen sammelte munter weiter und machte Jagd auf alles, was ihm und ihr vor die Speerspitze kam: Mammut, Wildpferd, Wollnashorn oder Riesenhirsch. Nach dem Essen hüllten sie sich in dicke Felle und schliefen in Höhlen oder an geschützten Stellen – vor 24’000 Jahren erstmals erwiesenermassen auch in der Schweiz, nämlich auf der Kastelhöhe im Solothurner Kaltbrunnental. Dort liess es sich bereits gut aushalten, während etwa Luzern noch unter 300 Metern Eis begraben lag.

Das Tier auf dem Lochstab aus Rentiergeweih ist eine der ältesten figürlichen Darstellungen in der Schweiz. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Offenbar war Homo sapiens’ erste Reise in die Schweiz trotzdem kein Erfolg, denn die nächsten Funde sind bereits 10’000 Jahre weniger alt und stammen vom Ende der Eiszeit, als Gruppen aus dem Norden in den Voralpenraum drängten. 12’000 v. Chr. trafen sich einige dieser modernen Menschen eines Sommers in der Kesslerhöhle bei Thayngen, wo sie nach ihrem Abzug mehrere tausend Gesteins-, Geweih- und Knochenartefakte zurückliessen. Dazu Werkzeuge aus Stein, Nadeln, Harpunen und natürlich Speerspitzen. Daneben vergassen sie aber auch Schmuck sowie steinzeitliche Kleinkunst. Manche Stücke gehören zu den Prunkstücken der damaligen Zeit, so etwa die geritzte Darstellung eines Rentiers oder ein hübscher Wildpferdekopf. Kunst, die aufzeigt, dass die motorischen Fähigkeiten des Homo sapiens bereits deutlich über das blosse Keulenschwingen hinausgingen.

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