Das Brugger Streikkomitee von 1918. Ihnen stand eine Bürgerwehr gegenüber. Letztlich blieb es in Brugg aber friedlich.
Sozialarchiv Zürich

Die Deutung des Landesstreiks

Nach dem Ende des Landesstreiks begann das zähe Ringen um die Deutung dieses Ereignisses. Trotz grossen Differenzen blieb die Stimmung aber insgesamt versöhnlich.

Kaum war der Landesstreik beendet, setzte ein zähes Ringen darum ein, wie die vier Streiktage von Mitte November 1918 zu deuten seien. Hatte man eben einen bolschewistischen Umsturz abgewehrt? Oder vielmehr die Muskeln machtvoll gegenüber dem entfesselten Kapitalismus spielen lassen? Sollte nach bestandener Prüfung nicht besser vorwärts geschaut werden, in dem man sich die Hände freundeidgenössisch zur Versöhnung reicht?

Ganz offenbar bestand nach der turbulenten Novemberwoche ein grosses Bedürfnis nach einer einheitlichen Deutung der Vorkommnisse. Nicht nur auf eidgenössischer Ebene. So ist auffällig, wie zahlreich die Berichte und Denkschriften zu den Streiktagen beispielsweise im aargauischen Baden sind. Eine einheitliche Einschätzung zu finden ist schwierig, denn die örtlichen Zeitungen – das liberale Badener Tagblatt, die Schweizer Freie Presse und das katholisch-konservative Aargauer Volksblatt – eignen sich nur bedingt für die Rekonstruktion der lokalen Vorgänge. Zum einen verhinderte der Landesstreik ein regelmässiges Erscheinen. Zum zweiten handelte es sich um Presseorgane, die parteipolitisch verankert waren und die Ereignisse dem jeweiligen Weltbild entsprechend interpretierten. Zum dritten fehlten Lokalmeldungen fast vollständig, auch wegen der kriegsbedingten Pressezensur.

Versöhnung zur Lösung der sozialen Probleme

Vielleicht bewogen gerade diese Einschränkungen die katholisch-konservativen und die liberalen Sieger des Landesstreiks auf dem Platz Baden zu abschliessenden Stellungnahmen. «Die Putschtage in Baden» heisst eine eine knapp 100-seitige Broschüre im Klein-Oktav-Format, datiert vom 20. November 1918. Sie stammt vom langjährigen Chefredaktor des Aargauer Volksblatts, August Bärlocher (1887-1968), und von Hans Hilfiker (1892-1967), von 1918 bis 1920 christlich-sozialer Arbeitersekretär in Baden. Die Schilderung besteht aus einer eigentümlichen Mischung von Seitenhieben gegen den Liberalismus, totaler Ablehnung gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer Standpunkte, Werbung für das Aargauer Volksblatt, patriotischer Hochstimmung und Verbreitung des christlich-sozialen Programms. Es enthält auch Abschriften von Aufrufen, Flugblättern und amtlichen Dokumenten. Trotz allem enden die «Putschtage in Baden» versöhnlich. Im Geiste des Evangeliums, welches die Grundlage einer wahren christlichen Demokratie sein müsse, solle man allen die Bruderhand reichen, welche gewillt sind, am politischen und sozialen Neubau unserer Republik mitzuarbeiten. Mit dem alten System des Klassenkampfes von oben und unten treibe die Schweiz nur dem Abgrund entgegen. Das hätten die Tage des revolutionären Landesstreiks mit erschreckender Deutlichkeit offenbart. Aus allen den Wirrnissen unserer Zeit ringe sich mit Urgewalt hervor, dass nur der feste Zusammenschluss aller Schweizer im Zeichen der Klassenversöhnung die grossen sozialen Probleme unseres Vaterlandes zu lösen vermöge.

100-seitige Broschüre zum Landesstreik von 1918.
Stadtarchiv Baden

Eine zweite Denkschrift entstand im Dezember 1918. Als Urheber der 60 maschinengeschriebene Seiten gilt der freisinnige Badener Stadtschreiber Hans Raschle (1888-1938). Er bilanziert, dass nur jene zu den Siegern des politischen Reinigungsprozesses gehören, die den Mut zu jenem neuen Denken für die Gesamtheit des Volkes haben.

Lokale Stimmen der unterlegenen Arbeiterbewegung fehlen. Die sozialdemokratische Zeitung «Neuer Freier Aargauer» aus der Kantonshauptstadt Aarau hielt fest, man gehe als moralischer Sieger aus der Auseinandersetzung hervor. Bei der Schilderung der Vorfälle in Baden und Umgebung weicht der Bericht hinsichtlich der Vorkommnisse nur geringfügig von der bürgerlichen Presse ab, dafür umso stärker in der Deutung: Die Genossen seien in die Betriebe zurückgekehrt, besiegt von der kapitalistischen Übermacht. Aber es gelte, den Kopf hochzuhalten und mit ungebeugtem Nacken eines schönen Tages den Kampf wieder aufzunehmen. Nur im Kampf bleibe die Arbeiterschaft stark.

Offenbar bewegte der Landesstreik noch 40 Jahre später die Gemüter. Im November 1958 erschienen in fünf Ausgaben des Badener Tagblatts «Badener Reminiszenzen vom Landes-Generalstreik 1918». Und heute, 100 Jahre danach, ist an dieser Stelle immer noch die Rede davon.

Landesstreik 1918

Landesmuseum Zürich

03.11.18 - 20.01.19

Am 12. November 1918, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, streiken landesweit über 250‘000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Nach drei Tagen wird der Streik abgebrochen - unter Druck eines starken Militäraufgebots, das in den grossen Städten der Schweiz präsent ist. Anlässlich des 100. Jahrestags des Landesstreiks zeigt das Landesmuseum in Zürich eine Ausstellung, welche Ursachen, Verlauf und Folgen dieser schwerwiegenden Krise des noch jungen Bundesstaats beleuchtet. Die Schau ist in Kooperation mit dem Schweizerischen Sozialarchiv entstanden.

Patrick Zehnder
Patrick Zehnder ist Historiker und Co-Projektleiter der zeitgenössischen «Kantonsgeschichte Aargau».

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Ein Kommentar

Andri Florin sagt:

In der Zürcher Aussersihl-Tradition meiner Frau finden sich immer noch Reste der Empörung und Verbitterung auf jene Zeiten bezogen. Dies ungeachtet dessen, dass man in ihrer Familie den Aufstieg zu Vermögen und geschäftlichem Erfolg spielend geschafft hat, wer dies auch nur gewollt hat. Eine antiklerikale Haltung ist geblieben, trotz reformiertem Hintergrund. Dann auch perseveriert eine Feindlichkeit gegen alles Militärische oder traditionelle Rechtsvorstellungen. Sentimentale Erinnerung und hohe Erwartungen an soziale Gesetzgebung gehen vor, man will das Progressive und einzig Richtige für sich beanspruchen, erblickt darin den einzigen Heilsweg, daran geht kein Weg vorbei. Ganz natürlich ist alles politisch besetzt, Kultur und Geschichte werden nach dem simplen Raster re/li manichäisch aufgetrennt, andere Aufschlüsse gibt es nicht. So wie die Eltern kategorisch urteilten, diese Ansichten verbleiben unverändert kämpferisch. So gibt man sich unberührt, was auch daherkommen mag, ist schon entschieden. Das hat etwas morbides und hoffnungsloses, von Exit ist die Rede, früher Abtreibung und dass von den Menschen nur noch Defizite erwartet werden, die jeden Fortschritt auf ewig verhindern. Das Ganze ohne Ideale. Wie die fehlende Emanzipation „als Frau“ doch kontrastiert mit der Vorstellung einer „befreiten“ Jugend bei den roten Falken, diesem mühsamen „Rite de passage“, wo nicht früh genug indoktriniert wurde, dass alle Fesseln abzustreifen seien, da ist ein altes Elend.