© KHM-Museumsverband

Den Herzschlag des Museums spüren

Seine eigenwillige Ästhetik hat den Filmregisseur Wes Anderson bekannt gemacht. Jetzt hat er zusammen mit Juma Malouf im Kunsthistorischen Museum Wien eine Ausstellung eingerichtet. Das Ergebnis: Eine zeitgenössische Wunderkammer.

Ein Behälter für einhundert Straussenfedern, zugehörig zu den Ornaten des österreichischen Ordens der Eisernen Krone. Zwei mit Miniaturszenen beschnitzte Kirschkerne. Ein bizarres Gefäss aus dem weltweit grössten Smaragd. Pläne für Schlittenfahrten im Innern der Wiener Burg. Sowie der Spitzmaus-Mumiensarg, der der Ausstellung den Titel gab: «Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures». Damit sind nur gerade fünf der mehr als vierhundert Exponate erwähnt, die der Filmproduzent und –regisseur Wes Anderson (zuletzt «Isle of Dogs») und seine Partnerin, die Autorin und Illustratorin Juma Malouf, aus den sage und schreibe rund vier Millionen Objekte umfassenden Beständen des Kunsthistorischen Museums sowie zugehörigen Sammlungen ausgewählt, ja ausgegraben haben.

Der charmante Mix ist aber weniger verwirrend, als es zunächst klingen mag. Denn die Ausstellung gliedert sich in acht Kabinette, deren Thema man rasch erfasst. So versammelt eines lauter Miniaturen, zu denen neben den erwähnten Kirschkernen auch Modelle japanischer Musikinstrumente oder javanischer Körbe gehören. Die Faszination durchs Kleine ist ein Standard früher Wunderkammern. Ein Raum zeigt Gemälde von Kindern, die gemäss dem Ideal früherer Jahrhunderte als kleine Erwachsene dargestellt werden. Dem Genre des Kuriosen wird mit einem Sortiment von Futteralen und Behältnissen entsprochen, darunter jenem für die Straussenfedern sowie solchen für Kronen und Monstranzen. Als verschmitzte Pointe findet sich hier auch eine leere Museumsvitrine. Weitere Ordnungsprinzipien sind die Farbe Grün, Holz als Material oder Themen wie Tiere und Porträts.

Wes Anderson & Juman Malouf in der Ausstellung.
© KHM-Museumsverband. Foto: Rafaela Proell

Die raffiniert komponierte Inszenierung macht jede einzelne Vitrine, jede Wand immer auch zu einem prallen Gesamt-Tableau, in dem jedes Objekt, jedes Bild mit allen anderen in ein Gespräch zu treten scheint. Mit diesen bedeutungsvollen Nachbarschaften zitieren Anderson/Malouf ein weiteres Grundprinzip der Wunderkammer: Die Faszination und Inspiration durch den besonderen Gegenstand, sei er von der Natur oder von einem Künstler hervorgebracht. Anderson/Malouf wissen, dass man die Geschichte des modernen Museums nicht schreiben kann, ohne auf die Gelehrten-Studiolos der Renaissance und die Wunder- und Schatzkammern absolutistischer Fürsten einzugehen. Hier wurden materiell wie ideell wichtige Grundlagen für die seit der Aufklärung zunehmend öffentlichen, zunehmend wissenschaftlichen Museen gelegt.

An kaum einem anderen Ort wird diese Geschichte, die zugleich ein Teil der Kulturgeschichte Europas seit der Renaissance ist, so plastisch wie in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien. Heute ist sie eine Fusion verschiedener legendärer Sammlungen, die im Besitz der Habsburgerdynastie waren. Die Bestände sind nach heutigem Standard perfekt präsentiert.

Gemälde von Kindern, die gemäss dem Ideal früherer Jahrhunderte als kleine Erwachsene dargestellt werden. Im Vordergrund links: Teile eines Knabenharnisches, um 1568/70.
© KHM-Museumsverband.

Vielleicht zu perfekt. Denn man spürt in der eleganten Präsentation in den Saalfluchten der Kunstkammer kaum noch jene Leidenschaft, die die einstigen Sammler mit jedem einzelnen ihrer Gegenstände verband, den Herzschlag des Museums gewissermassen.

Um diesen wieder besser wahrzunehmen, lädt man am KHM seit einigen Jahren Gastkuratoren mit dem besonderem Blick ein; vor Anderson/Malouf waren dies der Künstler Ed Ruscha und der Schriftsteller Edmund de Waal.

Diese Idee, für die es mit Andy Warhols «Raid the Icebox» von 1969 ein berühmtes Vorbild gibt, funktioniert immer dann am besten, wenn die Gäste originell und frech genug sind, um die Museumsroutinen sowohl der Konservatoren wie auch des Publikums zu durchbrechen. Das ist Anderson/Malouf glänzend gelungen; sie haben offenbar etliche Konservatoren als Gralshüter der ihnen anvertrauten Kostbarkeiten an ihre Grenzen gebracht. Indirekt werfen sie damit sogar die Frage nach den Gründen des Sammelns wie den Standards heutiger Museen auf: Warum gilt etwas in unserer Kultur als so bewahrenswert und kostbar, dass man keine Mühe scheut, es zu schützen? Und was macht manch unscheinbares Objekt so wertvoll?

Sarg einer Spitzmaus. Ägypten, um 4. Jh. v. Chr.
© KHM-Museumsverband.

Aber auch das Publikum ist herausgefordert. Denn sobald man die Grobstruktur der Auswahl erfasst hat, wird es detektivisch. So sind die Legenden zu den Exponaten konsequent in ein Beiheft ausgelagert. Etwas mehr Orientierung bietet nur der Audioguide.

Der Informationsentzug hat System. Das aufklärerische Museum mit seinem wissenschaftlichen und pädagogischen Anspruch und Apparat, mit den geläufigen Geländern und Stützen von Chronologie, Herkunft, Autorschaft, historischem Kontext wird abgelöst von einem verflüssigten, letztlich der unendlichen Bildmaschine des Internet sehr ähnlichen Universum der Oberflächenreize, der Augenlust, der Anspielungen und Assoziationen mit der Gefahr der Beliebigkeit. Jeder Besucher wird gewissermassen auf die Probe gestellt: Was erzeugt bei mir Resonanz, und warum? Bin ich bereit dazu, mich auf eine so radikal persönliche Präsentation einzulassen? Welche Zusammenhänge sehe ich? Wo will ich mehr wissen?

Diese Provokation funktioniert auch, wenn man Anderson/Malouf und ihre Werke nicht kennt. Ihren eigentlichen Reiz entfaltet die Ausstellung aber vor allem, wenn einem die Ästhetik vor allem Andersons vertraut ist. Kinder als eigentliche Erwachsene, als Helden der Geschichte? Eine Obsession des Regisseurs. Die Liebe zum Detail, ob in der Ausstattung oder im manierierten Design einer Typeface? Andersons Markenzeichen. Der Tick für eine bestimmte Farbe? Ebenso offensichtlich – auch wenn es in den Filmen eher Gelb ist. Andere Themen, etwa ein Faible für Bücher, Musik, Tiere, Guckkästen, Symmetrien und Muster werden Fans mühelos ausmachen.

Proportionsfiguren: Nackter Mann, Nackter Knabe und Nackte Frau. Deutschland, um 1550.
© KHM-Museumsverband.

Und somit wiederholt sich in diesem zeitgenössischen Revival die Ur-Geste der Wunderkammer, wie sie zu Beginn der Ausstellung in einem Tableau von Frans II. Francken um 1620 dargestellt wird: Der Fürst ist von Kuriositäten bezaubert, der Fürst wählt aus, der Fürst präsentiert und stellt sich damit selber dar. Nur dass der Fürst inzwischen das besondere kreative Individuum mit Glamourappeal ist.

Man mag, wie bei einem Film, für kurze Zeit eintauchen in ein von anderen gestaltetes Universum. Man kann darin schwelgen und es dabei bewenden lassen. Man kann aber auch wieder auftauchen und darüber nachdenken, welch entscheidender Schritt die Entwicklung des Museums von der subjektiv-willkürlichen Geschmacksprobe hin zu einer aufklärerischen Bildungsinstitution einst war. Die Verallgemeinerung des Prinzips Wunderkammer jedenfalls wäre heute für das Museum wie die Gesellschaft als Ganzes eher ein Rückschritt. Auch darauf scheinen Anderson/Malouf mit feiner Geste hinzuweisen: gegen Ende der Schau zeigen sie ein Bildnis des toten Kaisers Ferdinand I von 1564, der im 16. Jahrhundert in der Wiener Hofburg die erste Wunderkammer eingerichtet hatte.

Kurator Jasper Sharp über die Ausstellung.
Video: KHM Wien/YouTube

Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures

Wes Anderson and Juman Malouf

Kunsthistorisches Museum Wien bis 28. April 2019, danach in der Fondazione Prada in Milano

khm.at

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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