Der Traum von einem besseren Leben lockte viele Schweizer Auswanderer in die USA. Wie dieser Bauer in New Glarus, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Schweizerisches Nationalmuseum

Amerika

Im 19. Jahrhundert verliessen immer mehr Menschen die Schweiz. Hunger und Armut trieben sie über den Ozean in ein Land voller neuer Hoffnungen: Amerika.

Zehn Wochen lang waren die Abbühls auf dem Meer. Vater, Mutter, vier Kinder – und hunderte weitere Passagiere. Zehn Wochen, geplagt von Kälte, Krankheiten und Ungewissheit. Dann endlich erreichten die Auswanderer die Neue Welt.

Die Abbühls verliessen Guttannen 1851. Sie waren arm und erhofften sich ein besseres Leben; also gingen sie. Zu Zehntausenden zogen Schweizerinnen und Schweizer in den 1850er-Jahren nach Amerika. Ins sagenhafte Land, wo 1848 in «Neu Helvetien» auf dem Terrain des Auswanderers Johann August Sutter der kalifornische Goldrausch ausgebrochen war.

Dass Schweizerinnen und Schweizer ihre Heimat verliessen, war nicht neu. Neu waren die Zahl der Auswanderer und das Ziel. Denn traditionell wanderten Schweizer eher in die Nachbarländer aus. Ab dem 18. Jahrhundert wurde Russland populär, ab Anfang des 19. Jahrhunderts Südamerika. Ebenfalls Anfang des 19. Jahrhunderts verliessen erstmals mehr Menschen die Schweiz um zu siedeln, als um zu kämpfen. Die USA wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Auswanderungsziel.

Johann August Sutter gründete die Privatkolonie «Neu-Helvetien» in Kalifornien.
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Was sich nicht veränderte, waren die Gründe: der Geburtenüberschuss, die Armut, die Arbeitslosigkeit sowie wechselnde Krisen: Missernten, Wirtschaftskrisen, die Verfolgung der Täufer, die Hungerjahre von 1816/1817 oder die Kartoffelfäulnis der 1830er. Während der Kartoffelkrise war auch Kaspar Köpfli aus Sursee in die USA gezogen. 1831 hatte er in Illinois die Kolonie «Helvetia» gegründet. Dort kamen die Abbühls aus Guttannen 20 Jahre später an, begannen zu siedeln und erweiterten ihre Kinderschar auf zehn. Später folgten ihnen Nichten, Neffen und weitere Verwandte aus Guttannen und dem ganzen Haslital.

Manche Kantone verboten die Auswanderung, andere förderten sie nach Kräften. Und mancherorts gingen die Behörden sogar so weit, arme Leute regelrecht zur Auswanderung zu zwingen. Die Abbühls waren freiwillig weggezogen – und sie hielten den Kontakt zur alten Heimat mit zahlreichen Briefen aufrecht. So erfuhren sie, dass 1891 ein Brand grosse Teile von Meiringen zerstörte. Oder dass 1894 die Grimselpassstrasse eröffnet wurde. Gebaut hatten sie allerdings nicht die Haslitaler, sondern Hunderte von Italienern.

Reiseverträge wie jener der Familie Zogg von 1874 waren im 19. Jahrhundert in der Schweiz an der Tagesordnung.
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Dass Italiener 1894 eine Schweizer Strasse bauten, war nicht ungewöhnlich. Denn seit 1888 wandern mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus. Und schon 1910 verfügten Orte wie Genf, Arbon oder Lugano über Ausländeranteile von 40, 46 oder 50 Prozent. Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überstieg die Zuwanderung die Abwanderung deutlich. Was wiederum für ganz eigene Diskussionen sorgte …

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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