Kurz nach Kriegsbeginn im August 1914 warten Tausende von Italienern im Elsässerbahnhof in Basel auf ihre Heimreise nach Italien.
Schweizerisches Nationalmuseum

Kriegsflüchtlinge: die Italiener im Jahr 1914

Der Ausbruch des 1. Weltkriegs bedeutete für tausende in Frankreich, Deutschland und Österreich lebende Italienerinnen und Italiener die Flucht. Sie wählten den Weg durch die Schweiz.

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1914 erreichten 4000 Personen die Gemeinde Boncourt im Jura an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Diese deutschen, italienischen und österreichischen Flüchtlinge waren aus Frankreich verwiesen und kurzerhand in Richtung Schweizer Grenze getrieben worden. Regierungsstatthalter Choquart und Dunant, der Bundeskommissär für Flüchtlinge, wurden dringend angerufen und reagierten optimal. Sie liessen die Betroffenen nach Basel bringen.

Allerdings kam eine zweite Flüchtlingswelle auf die beiden Schweizer Beamten zu. Rund 6000 Italiener folgten ihren Mitbürgern und versammelten sich an der Schweizer Grenze. Choquart und Dunant wussten: Es waren zu viele, um sie nach Basel zu bringen. Darum beschlossen sie, die Migranten vor Ort warten zu lassen und zogen eine Truppenabteilung des Landsturm-Bataillons 24 hinzu, die für Ordnung und Disziplin sorgen sollte, bis die SBB die Rückführung organisiert hatte. Dies ging nahezu problemlos vonstatten, denn die Flüchtlinge hatten die Möglichkeit gehabt, einige Massnahmen zu ergreifen, und einige besassen sogar Zugbillette.

Die Flüchtlinge warten im Elsässerbahnhof auf Ihre Weiterfahrt nach Italien.
Schweizerisches Nationalmuseum

In Basel angekommen, gingen die ersten 4000 Flüchtlinge aus Frankreich in die provisorischen Lager zu den Italienern, die gerade Deutschland verlassen hatten. Letztere waren nicht vertrieben worden wie ihre Landsleute aus Frankreich, hatten aber wegen des Baustopps im Kaiserreich ihre Lebensgrundlage verloren und waren gezwungen, nach Hause zurückzukehren. Die Lager reichten nicht aus, um fast 40 000 Personen unterzubringen, weshalb man zusätzlich auf Schulen, Kasernen und Lazarette zurückgriff.

40 000 Personen! Die aus Frankreich nach Genf oder ins Wallis vertriebenen Italiener oder die Flüchtlinge aus Österreich nicht mitgezählt. Bis zum 10. August erfasste das Tessin knapp 188 000 Flüchtlinge, die in Richtung Halbinsel zurückgewiesen worden waren. Die Tessiner Bevölkerung konnte es kaum glauben, als rund zwei Drittel dieser Flüchtlinge den Gotthard und ein Drittel den Simplon durchschritten, und spendete jeden Trost, den sie konnte.

Vertreter des Roten Kreuzes betreuen Flüchtlinge in Basel im August 1914. Der Mann links liest die Zeitung «Il Secolo».
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Am 4. September 1914 bedankte sich der italienische Konsul in Lugano, Graf Maraggi, öffentlich in der Presse bei den Schweizer Behörden, der Armee, der SBB, beim Roten Kreuz und dem Tessin für deren Hilfe zugunsten der Migranten. Auch das Zentralkomitee der Colonie Italienne de Lausanne bedankte sich am 28. Oktober bei den Behörden der Waadtländer Hauptstadt für ihre Unterstützung bei der Rückführung italienischer Flüchtlinge.

Nach dem Kriegseintritt Italiens auf der Seite Frankreichs und Englands im Mai 1915 waren die in Italien ansässigen Deutschen und Österreicher an der Reihe, die Koffer zu packen. Mehrere Tausende von ihnen suchten Zuflucht im Tessin. Auch der Abtprimas des Benediktinerordens, Msgr. Stotzinger, floh ins Kloster Einsiedeln. Aufgrund seiner persönlichen Freundschaft und regelmässiger Treffen mit Wilhelm II. musste er Rom verlassen – ebenso der Generalobere der Gesellschaft Jesu, P. Lédochowski aus dem polnischen Posen. Gemeinsam gingen sie in die Schweiz. Da Papst Benedikt XV. fürchtete, die italienischen Behörden zu kränken, hatte er beide ungeachtet der Exterritorialität des Papstsitzes aus dem Vatikan fortgeschickt.

Italiener aus Deutschland, Frankreich und Belgien warten auf dem Fussballplatz an der Margaretenstrasse in Basel auf die Rückfahrt in ihre Heimat.
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Christophe Vuilleumier
Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Er hat verschiedene Beiträge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.

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