1540 litt ganz Europa unter der Hitze. Der Rhein führte beispielsweise noch 10 bis 15 Prozent seiner normalen Wassermenge.
Wikimedia

Die Hitze

1540 litt Europa unter einer extremen Hitze. Wälder brannten, Flüsse trockneten aus und die Menschen litten unter Hunger und Durst. Es war ein Jahr zum Vergessen.

Die Leute schwitzten. Irgendwo im Kanton Luzern standen einige Männer mit Schaufeln in einem Bachbett. Trocken. Sie traten, sie hackten, sie schaufelten und wenn sie aufschauten, um sich den Schweiss abzuwischen, flimmerte vor ihren Augen die Luft. Anderthalb Meter gruben sie hinunter, dann gaben sie auf. Kein Tropfen Wasser. Nichts.

Der Winter 1540 hatte sich nördlich der Alpen noch ziemlich normal angefühlt. In Italien hingegen war es bereits ungewöhnlich trocken und warm und in Spanien wurden Bittprozessionen für Regen abgehalten. Die Schweiz blieb verschont – bis der Frühling kam. Der März war trocken, bloss an drei Tagen schneite es. Und dann fiel bis im Dezember kaum mehr Niederschlag.

Das Jahr war ein meteorologischer Extremfall: Die Hitze staute sich über Mitteleuropa und das Hoch stabilisierte sich über Monate hinweg. Die Flüsse trockneten aus. Im Jahrhundertsommer 2003 führte der Rhein noch etwa die Hälfte der normalen Wassermenge. 1540 waren es 10 bis 15 Prozent. Sogar in Basel gelangte man zu Fuss ans andere Ufer. Am Rheinfall war es gespenstisch ruhig. Und am dramatisch verkleinerten Bodensee suchten die Leute auf dem trockenen Seegrund nach römischen Münzen.

Die Hitze verstärkte sich selbst. Der Boden riss auf, mancherorts konnten die Leute in den Spalten die Füsse baumeln lassen. Und weil aus dem trockenen Boden kaum Feuchtigkeit verdunstete, stiegen die Temperaturen höher und höher. Wenigstens stellenweise kletterten sie wohl über 40 Grad. Und auch die Nächte brachten nicht die erwünschte Kühlung.

Der Juli sei «glühend und schrecklich» gewesen, notierte ein Elsässer Chronist. Rauch vernebelte die Sonne, der Geruch von Feuer lag in der Luft. Immer wieder brachen Brände aus und die Bäume, die nicht verbrannten, verloren ihre Blätter schon im August. Die Ernte blieb mager. Hunger und Durst brachten die Leute um den Verstand. Es kam zu Hetzjagden und Gewalt. Besonnene zogen sich an den Schatten zurück und tranken, was sie fanden. Doch das Wasser war oft schlecht, die Ruhr breitete sich aus. Ihre Symptome: Durchfall, Magenkrämpfe und – auch das noch – Dehydrierung. Niemand weiss, wie viele Leben der Sommer 1540 gekostet hat. Als die Temperaturen im Herbst langsam zurückgingen, lasen die Winzer verschrumpelte Trauben von ihren Reben. Der Wein, den sie daraus kelterten, war so hoch konzentriert, dass er noch 400 Jahre später getrunken werden konnte. Prost!

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar