Eidgenössisches Turnfest in Basel, 1959.
Die weisse Armee turnt. Die kollektiven Freiübungen, hier am Eidgenössisches Turnfest in Basel, 1959, wurden zu einer «weissen Armee» hochstilisiert. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Von staats­tra­gen­den Turnern und Showsportlern

Wenn man verstehen möchte, was das Sporttreiben hierzulande ausmacht, lohnt sich ein Blick auf die historischen Einflüsse des Turnens.

Simon Engel

Simon Engel

Simon Engel ist Historiker und bei Swiss Sports History für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Die älteren Semester unter uns werden sich mit Freude (oder Schrecken?) an den Turnunterricht während der Schulzeit zurückerinnern: Unter der Anleitung eines strengen Turnlehrers wurden militärisch angehauchte Bodenturnübungen durchgeführt oder drillmässig Hochsprung geübt. Mittlerweile heisst das Fach Bewegung und Sport und hat unzählige Innovationen in sein Repertoire aufgenommen; Fitness, Unihockey oder Padel konkurrenzieren die Übungs- und Spielformen des traditionellen Turnunterrichts. Diese Veränderungen haben insbesondere damit zu tun, dass «Sport» heutzutage als Universalbegriff für alle körperlichen Bewegungsformen gilt, also auch für das Turnen. Historisch gesehen kommen Turnen und Sport jedoch aus völlig unterschiedlichen Ecken und meinten ursprünglich zwei verschiedene Konzepte körperlicher Ertüchtigung.
Turnstunde in einem Basler Gymnasium, 1897.
Turnstunde in einem Basler Gymnasium, 1897. Schweizerisches Nationalmuseum

Sport – Britischer Leistungsvergleich

Sport, wie wir ihn heute verstehen, hat seine Ursprünge im Grossbritannien des 19. Jahrhunderts und propagiert den fairen, offenen Leistungsvergleich, das Streben nach Rekorden sowie die Konzentration auf eine Disziplin. Träger dieser Ideale war eine vorwiegend bürgerliche Elite, die nicht zufälligerweise die rationalen Werte der damals prägenden Industrialisierung auf den Sport übertrug. Auch das neue bürgerliche Erziehungsideal funktionierte ähnlich, die Ausbildung und Kräftigung des Körpers im Sinne des fair play war ideal für die Einübung der Regeln, welche die bürgerliche Gesellschaft postulierte.

Turnen – Deutscher Zusammenhalt

Das Turnen entstand zwar auch im 19. Jahrhundert in Deutschland, individuelle Leistung und sportliche Vergleiche waren zunächst aber sekundär. Viel wichtiger war das Mitmachen und Zusammenwirken in einem Kollektiv, wobei möglichst vielfältige Übungen ausgeführt wurden, die den Körper ganzheitlich trainieren sollten. Dies war vor allem darauf zurückzuführen, dass der massgebliche Erfinder des Turnens, Friedrich Ludwig Jahn, sein Konzept im Kontext der Deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon entwickelte. Turnen war demnach eine patriotisch und militärisch konnotierte Ertüchtigung des Körpers, das kollektive Turnen symbolisierte gewissermassen den Zusammenhalt und die Einheit einer nationalen Gemeinschaft.
Der Vater des Turnens: Friedrich Ludwig Jahn.
Der Vater des Turnens: Friedrich Ludwig Jahn. Wikimedia
Turnen und Sport fanden schon im 19. Jahrhundert ihre Wege über die Landesgrenzen, so auch in die Schweiz. International vernetzte Kaufleute und Naturwissenschaftler spielten fortan Fussball; während Lehrer, Juristen und Geisteswissenschaftler eher turnten. Es gab aber auch viele Menschen, die auf beiden Hochzeiten tanzten; die oben präsentierten Idealtypen wurden vorwiegend durch die jeweiligen Verbandsfunktionäre geprägt und regelmässig als Kampfmittel eingesetzt: Publikationen aus der Jahrhundertwende sind reich gefüllt mit Streitschriften, was denn nun das «richtige» Konzept der körperlichen Ertüchtigung sei.
In der Schweiz dominierte lange Zeit nicht nur zahlenmässig, sondern auch ideell die Turnbewegung, weil sie sich früher als der Sport etablierte und auch relativ schnell die Unterstützung der politischen und staatlichen Eliten gewinnen konnte: Die frühe Schweizer Turnbewegung war eng mit der Entstehung des Bundesstaates von 1848 verbunden, die Turner standen öffentlich für die Einheit der Schweiz in einem demokratisch-liberalen Sinne ein.
Eine Festhalle gehört bis heute zu jedem Turnfest, hier die Festhütte am Eidgenössischen Turnfest 1906 in Bern.
Eidgenössisches Turnfest 1906 in Bern: Eine Festhalle gehört bis heute zu jedem Turnfest. Steht heutzutage das Partymachen im Vordergrund, war die Festhalle bis etwa in die Zwischenkriegszeit ein vorwiegend politischer Ort, an dem sich symbolisch alle Landesteile und Konfessionen trafen: Die Teilnahme an einem Eidgenössichen Turnfest war früher also nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein politischer Akt! ETH Bibliothek Zürich
1874 wurde im Zuge einer Armeereform der Turnunterricht für Knaben in der Schule obligatorisch erklärt und der militärische Vorunterricht eingeführt, damit die jungen Burschen später möglichst fit in den Militärdienst einrückten. Gleichzeitig wurde die Eidgenössische Turnkommission (ETK) gebildet, welche die Einhaltung des Turnobligatoriums in den Kantonen überwachen sollte und entsprechende Übungsformen definierte. Die ETK bestand bis etwa in die 1920er-Jahre vollständig aus Persönlichkeiten der Turnbewegung, erst danach öffnete sie sich allmählich gegenüber der Sportbewegung und nannte sich fortan Eidgenössische Turn- und Sportkommission. Auch bezüglich der Übungsformen musste sich das Turnen weiterentwickeln, die starren Geräte- und Marschübungen wurden im Vergleich zu den «freien» Spielen aus dem Sport immer unbeliebter. In der Folge integrierten viele Turnvereine die Leichtathletik oder Spiele wie Handball in ihr Programm, manche Turnlehrer liessen ihre Schüler sogar Fussball spielen. Durch die zunehmende Versportlichung wurde auch das Wettbewerbsprinzip im Turnen stärker betont.
Militärischer Vorunterricht in Berneck (SG), 1947. Youtube
Trotz aller Anpassungen und Annäherung an sportliche Ideale im Turnen dominierte im Schweizer Sport bis etwa in die 1970er-Jahre ideell das turnerische Prinzip des kollektiven Mitmachens, welches das unbedingte Streben nach dem Sieg als sekundär befand.  Funktionäre und Journalisten prangerten regelmässig die «Vermaterialisierung des Sports», die «übermässige Rekordik» oder den «Showsport» an. Nebst wirtschaftlichen Aspekten war dies ein wichtiger Grund, dass sich in der Schweiz der Sport-Professionalismus nur vergleichsweise langsam etablieren konnte. Die Dominanz des turnerischen Diskurses rührte wohl unter anderem daher, dass viele Sportverbände früher stärker von staatlichen Subventionen abhängig waren als heute. Der Verzahnung von Patriotismus, staatlicher Protektion und körperlicher Ertüchtigung, wie sie die Turner spätestens seit 1874 vorgemacht hatten, mussten sich auch die Sportverbände zu einem gewissen Grade beugen. Das sportliche Erziehungsideal der Ausbildung durch regulierten Leistungsvergleich musste patriotischer und staatstragender präsentiert werden.
Umzug beim Eidgenössischen Turnfest 1955 in Zürich.
Umzug beim Eidgenössischen Turnfest 1955 in Zürich. Beim Turnfest sollte eine nationale (Männer-)Gemeinschaft präsentiert werden, bei der alle gleichberechtigt dabei sind. Deshalb war bis 1972 ein einheitliches weisses Tenue Pflicht. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Die allmähliche Kommerzialisierung und der gleichzeitig propagierte Individualismus in den westlichen Gesellschaften ab den 1970er-Jahren färbte schliesslich auch auf die Turn- und Sportbewegung in der Schweiz ab. Die gegenseitige Beeinflussung der beiden Konzepte verschwamm endgültig zugunsten des individualistischeren Sports: In der Schule gab es immer weniger Turnlehrer alter Schule, dafür immer mehr Sportlehrer. 1972 wurde der Vorunterricht in Jugend+Sport unbenannt und endlich für Mädchen geöffnet. Ein letztes Überbleibsel der Rivalität zwischen Turner und Sportler ist aber geblieben, meist zelebriert in ländlichen Gebieten: Die Frage, ob das Dorf eine neue Turnhalle oder doch lieber einen Kunstrasen neuester Generation finanzieren soll, kann zu heftig inszenierten Diskussionen zwischen Exponenten des lokalen Turn- beziehungsweise Fussballvereins führen.

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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