Mit Turnschuhen, moderner Musik und einem lockeren Umgang zwischen den Geschlechtern gegen die traditionellen bürgerlichen Werte. Die Jugend der 1950er-Jahre war von der amerikanischen Lebensart beeinflusst.
Schweizerisches Nationalmuseum /ASL

Mit Rock 'n' Roll gegen die Tradition

In den 1950er-Jahren begannen sich viele Jugendliche gegen die traditionell bürgerlichen Werte ihrer Eltern aufzulehnen. Sie waren vom amerikanischen Lebensgefühl beseelt und wollten vor allem eins: mehr Freiheit. In Zürich traf man sich in einem Café, in Lausanne fanden die Feste in einem Hotelkeller statt.

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Schweiz einen wirtschaftlichen Aufschwung. Man lebte immer besser und nutzte die Annehmlichkeiten der sich rasant entwickelnden Technik. In der Stube sorgte der Fernseher für weitreichendere Information und neue Unterhaltung, im Keller die Waschmaschine für Entlastung. Bürgerliche Werte prägten die Gesellschaft. Gegen diese begann die Jugend zu rebellieren. Beeinflusst von den USA träumten sie von Rock 'n' Roll, wilden Partys und von einem Dasein ohne Zwänge. Die konservative Haltung vieler Eltern prallte auf den Freiheitsdrang ihrer Kinder. Die gesellschaftlichen Strukturen wurden langsam aber stetig aufgebrochen.

Besonders in den Städten verbreitete die Jugend in den 1950er-Jahren Aufbruchsstimmung. Noch war die grosse Rebellion, die 1968 ausbrechen sollte, weit weg. Doch der Wille der Jugend, mit den bisher geltenden Konventionen zu brechen, verstärkte sich. Langsam und vielleicht noch ein wenig zögerlich wurden erste Schritte Richtung «Freiheit» gemacht. In Zürich trafen sich die «Halbstarken» im Café Ring im Niederdorf und hörten sich in der eben angekommenen Jukebox die neusten Rock 'n' Roll-Songs aus Amerika an. Dazu diskutierten sie über ihre Vorbilder James Dean oder Marilyn Monroe.

Eine Jukebox Rock-Ola tempo 120 aus den USA. Sie stammt aus dem Jahr 1959.
Schweizerisches Nationalmuseum

Lausanne war seiner Zeit voraus

In Lausanne trafen sich die jungen Wilden jeweils am Sonntagabend im Klub «Saint-François-des-Prés», der in einem Hotelkeller eingerichtet worden war. Dort wurden Gedichte rezitiert, Jazz gespielt und getanzt. Es waren aber nicht die klassischen Paartänze, welche zelebriert wurden, sondern Swing und Jitterbug zu wilden Rhythmen aus Übersee. Dabei kamen sich Frauen und Männer ungezwungener nahe. Sie lösten sich quasi tänzelnd von den geltenden Moralvorstellungen. Ein Reporter der Pressefotoagentur Presse Diffusion Lausanne besuchte 1950 den Keller und liess sich nach anfänglicher Skepsis in den Bann dieses Mikrokosmos‘ ziehen. «Da geht ein sehr ernster Herr hin, bereit, alles zu kritisieren, und amüsiert sich wie noch selten in seinem Leben», schrieb er zu Beginn seines Textes, um danach von der Stimmung im Raum zu schwärmen. Nicht einmal der Auftritt einer bekannten Dragqueen konnte ihn schockieren.

Die Lausanner Jugend eroberte sich mit dem Saint-François-des-Prés eine Vorreiterrolle in der Schweiz und läutete im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund eine kulturelle Revolution ein, die Ende der 1960er-Jahre die Gesellschaft erschüttern sollte und das Leben bis heute nachhaltig verändert hat.

Der Swing hielt auch in der Schweiz Einzug. Ein tanzendes Paar in einem Kellerklub in Lausanne, 1950.
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Geschich­te Schweiz

LANDES­MU­SE­UM ZÜRICH

ab 12.04.19

Die neue Daueraus­stel­lung «Geschich­te Schweiz» führt vom 15. ins 21. Jahrhun­dert und vermit­telt anhand einschlä­gi­ger materi­el­ler Kultur einen Einblick in rund 550 Jahre Landes­ge­schich­te. Sie inszeniert den Weg vom Staaten­bund zum Bundes­staat als ein Ringen um Zugehö­rig­kei­ten und die Ausbil­dung der direkten Demokra­tie als langwie­ri­gen Prozess der Integra­ti­on. Mit Themen wie Robotik, Klimawan­del oder Migration wird ausserdem der histori­sche Bogen bis in die Gegenwart gespannt.

Dragqueen Carmen war in Lausanne bekannt und trat oft im Keller auf.
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