Reiterstandbild des Söldnerführers Bartolomeo Colleoni (1400–1475) in Venedig (Ausschnitt).
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Ross und Reiter – im Himmel und auf Erden

Zwei Reiterstatuen, die ihre Zeit geradezu idealtypisch verkörpern. Grundverschieden, doch beides Meisterwerke der Extraklasse. Auf nach Bamberg, zum Domreiter, dann nach Venedig, zu Verrocchio! Vaut le voyage.

Vorstellbar wären sie auch voneinander getrennt: Das Pferd könnte im Stall stehen, der Reiter im Gasthaus sitzen. Doch selbst der Stabreim Ross und Reiter weist darauf hin, wie eng sie zueinander gehören. In der griechischen Mythologie wachsen sie als Kentaur sogar zusammen, verschmelzen zum Mischwesen aus Mensch und Pferd, eine extreme Ausprägung. Zweiheit als Einheit.

Die archetypische Vorstellung Ross und Reiter ruft allerdings ganz unterschiedliche Empfindungen hervor. Das zeigen auch die folgenden zwei Reiterstandbilder. Pferd und Reiter bilden, je für sich, eine vollkommene Einheit, die sich aber von der jeweils andern Version drastisch abhebt. Himmel und Erde. Beginnen wir im Himmel, in Bamberg.

Der romanische Kaiserdom von Bamberg (klicken um zu vergrössern), erstmals geweiht 1012, nach zwei Bränden und Abbruch erneut geweiht 1237, Ansicht von Norden. Der Standort der berühmten Reiterstatue im Kircheninnern weckt die Vorstellung, der Bamberger Reiters sei durch das Fürstenportal geritten, habe kurz darauf stillgehalten und dem Doppelgrab von Kaiser Heinrich II. (973–1024) und seiner Frau Kunigunde (980–1033) seine Reverenz erwiesen. Der Blick des Reiters ist auf den ursprünglichen Standort ihrer Grablege gerichtet. Dank der räumlichen Bezüge ragt diese Deutung aus zahlreichen anderen hervor.
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Deutungen und Instrumentalisierungen ad libitum

Generationen von Fachleuten rätselten über diesen Reiter. Handelt es sich um Stephan I. von Ungarn (969–1038), Konrad III. (1093–1152) oder Philipp von Schwaben (1177–1208)? Verkörpert der Bamberger Reiter einen der Heiligen Drei Könige, gar den Messias am Ende aller Tage? Vorsicht.

Die Nazis machten den Bamberger Reiter 1935 zum «Denkmal des ewigen Deutschen» und spannten ihn mit pathetischen Phrasen als «Signatur arischer Kultur» vor den braunen Propagandakarren. Gleichzeitig erklärten sie den Bamberger Dom zum «wahren Nationalheiligtum der Deutschen».

Wer ist das? – Alternative: Wie ist das?

«Erkenne dich selbst». Ein Leitspruch von universalem Rang. Steht seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. am Apollotempel von Delphi. Zweieinhalb Jahrtausende später beginnt ein berühmter Roman mit dem Satz: «Ich bin nicht Stiller». Die Frage aller Fragen: «Wer bin ich?» Auf Augenhöhe die Zwillingsfrage: «Wer bist du?» Zu wissen, mit wem man es zu tun hat, ist seit Menschengedenken von existenzieller Bedeutung, eine anthropologische Grundkonstante. Beim Bamberger Reiter rückte diese Frage derart ins Zentrum, dass die Skulptur selber fast zur Nebensache verkam.

Reitet also durch das Fürstenportal in den Dom, erblickt das Grab des einzigen Kaisers, der heiliggesprochen wurde – und heisst sein Rösslein stillestehn. Die Zügel sind nicht mehr nötig. Fast demonstrativ hängen sie herab, von bloss einer Hand gehalten. Auf die Ruhestellung weist auch das hintere linke Bein des Pferds, leicht angezogen, eine typische Pose. Die Vorderbeine des Rössleins reichlich steif, Hals und Kopf stilisiert, das Zaumzeug mehr Dekor als Funktion. Wunderbar verhaltener Liebreiz.

Der Bamberger Reiter, geschaffen zwischen 1225 und 1237, ist das erste lebensgrosse Reiterstandbild nördlich der Alpen seit der Antike, im Innenraum einer Kirche singulär. Die Robe des unbewaffneten Reiters kunstvoll, der Faltenwurf betörend, ein mehrstufiger Baldachin wird wie beiläufig zu einer imposanten zweiten Krone. Vom Podest bis zur Krone misst die Skulptur 2,28 Meter. Die Hufe des Pferdes sind mit Eisen beschlagen, ein frühes Zeugnis für diese Schutzvorrichtung.
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Im Himmel – König Zeitlos und Rösslein Hü

Ross und Reiter könnten «stoppen», «anhalten», «warten», was noch? Alles untauglich. Es gibt hier nur einen zutreffenden Ausdruck: «innehalten», weil sich dabei eine äussere mit einer inneren Zuschreibung verbindet. Der Blick des Königs ist zugleich nach aussen und innen gekehrt. Innehaltend, in ruhiger Würde, sinniert er über das verstorbene Kaiserpaar, über sich selbst, über die Conditio humana. Vielleicht stellt sich König Zeitlos vor, was Kaiser Heinrich II. zu ihm sagen würde, stiege er aus seinem Grabe. Wären es die Worte aus jener archaischen Legende von den drei Lebenden und den drei Toten, die seit dem 11. Jahrhundert in mehreren europäischen Ländern erzählt wird? Drei verstorbene alte Könige treffen nachts auf dem Friedhof auf drei junge Edelleute und mahnen sie, an den eigenen Tod zu denken: «Was ihr seid, das waren wir. Was wir sind, das werdet ihr.» Als Grundgedanke ist dieses Memento mori im arabischen Raum bereits im 6. Jahrhundert angelegt.

Und wie König Zeitlos innehält! Kann ein Mensch vornehmer und souveräner zurücklehnen? Weit über das Körperliche hinaus hat dieses Abstandnehmen eine geistige Dimension und ist vollendet austariert. Der König geht leicht auf Distanz, doch hat das mit stolzer Unnahbarkeit nichts zu tun, erscheint viel mehr als wesenhafter Grundzug von Zurückhaltung und Bedacht. Dazu passt, wie er mit der rechten Hand den Umhang an einem Bändel fester um die Schulter zieht. Alles wird zu einer Haltung, die zu Haltung führt.

Hat der Bamberger Reiter einmal so ausgesehen? Farbspuren dokumentieren diese Annahme. Allerdings mag niemand vorschlagen, das Reiterstandbild sei erneut in so kräftigen Farben zu fassen. Die Skulptur ist aus acht Sandsteinblöcken zusammengesetzt. Diese Technik wird in der französischen Gotik wiederentdeckt und lässt zusätzlich vermuten, ein Bautrupp aus Frankreich, womöglich aus Reims, habe das Werk am Beginn des 13. Jahrhunderts geschaffen.
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Auf Erden – das beschenkte Venedig weiss sich zu helfen

Bartolomeo Colleoni (1400–1475) ist ein Söldnerführer im unruhigen Italien des 15. Jahrhunderts. Aus altem Adel in Bergamo, verdingt er sich seit seiner Jugend überall dort, wo Pech und Schwefel brennen. Eine Biografie preist ihn als «unbesiegbarsten» Anführer. Venedig ernennt ihn schliesslich zum Generalleutnant. Seine letzte Ruhe findet er in einer eigens für ihn erbauten Kapelle in Bergamo, zusammen mit seiner Tochter Medea.

Vor seinem Ableben sorgt der Condottiere dafür, dass man auch nach seinem Tod an ihn denkt. Zu diesem Zweck vermacht er sein Vermögen der Republik Venedig, knüpft daran aber die Bedingung, die Stadt müsse ein Reiterstandbild von ihm aufstellen. Wo? Colleoni ist nicht bescheiden: vor der Basilika San Marco natürlich. Das ist der Stadt nun doch zu viel. Den überall erbeuteten Besitz Colleonis will Venedig zwar nicht fahren lassen, als Republik aber auch nicht Hand bieten zu einem verordneten Personenkult. Die Stunde der Advokaten schlägt. Sie drehen und wenden das Testament so lange, bis sich ergibt, Colleoni könne unmöglich die Basilika San Marco gemeint haben, sondern nur die Scuola di San Marco – neben der Kirche San Zanipolo.

Reiterstandbild des Söldnerführers Bartolomeo Colleoni (1400–1475), aufgestellt nicht vor dem Markus-Dom, wie vom Condottiere gefordert, aber ebenfalls an vorzüglicher Lage, beim San Zanipolo, der grössten und bedeutendsten Kirche der Gotik in Venedig. Zusammen mit der Reiterstatue Marc Aurels gehört das Werk zu den weltweit berühmtesten Reiterstandbildern. Passend zu diesem Rang werden Pferd und Reiter von einem kolossalen Sockel auf eine Höhe entrückt, die für gewöhnlich Sterbliche unerreichbar ist. Ehrerbietung, die zur Distanzierung wird?
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Im Unterschied zu den unbekannten Schöpfern des Bamberger Reiters sind Leben und Werk von Andrea del Verrocchio (1435–1488) recht gut bekannt. In Florenz geboren und tätig, wird er gefördert von den Medici. Als Kurator und Restaurator ihrer Antikensammlung setzt er sich intensiv mit antiken Statuen auseinander. Das wird zu einer Grundlage seiner Meisterschaft als Bildhauer. Auch als Maler wird Verrocchio in Florenz zum Massstab. Lange Jahre ist er Leiter einer vielseitigen Werkstatt für Kunst und Kunsthandwerk, die von Kollegen besucht wird, die bald zu den grössten Meistern der Renaissance zählen: Sandro Botticelli (1445–1510), Lorenzo di Credi (1459–1537), Leonardo da Vinci (1452–1519), Perugino (1445–1523).

Plastik oder Skulptur?

Im Mittelalter wird in Stein gemeisselt, in der Renaissance in Bronze gegossen, im Barock mit Gips geformt. Eine «Plastik» wird geschaffen durch Auftragen, von innen nach aussen also; eine «Skulptur» entsteht in der Gegenbewegung, von aussen nach innen, durch Wegschneiden oder Abschlagen. Und ein Bronze-Guss wie die Reiterstatue Verrocchios? Vorerst wird aus Ton eine positive Form gefertigt, als Vorlage für eine Negativform, die ausgegossen und zum Endprodukt zusammengefügt wird. Erst acht Jahre nach Colleonis Tod erhält Verrocchio 1483 den Auftrag für das Modell des Standbilds. Weitere dreizehn Jahre vergehen, bis Verrocchios Werk 1496 gegossen wird, ein Jahrzehnt nach seinem Tod. Allzu eilig hat es Venedig nicht mit dem Denkmal für Colleoni.

Kampfpanzer und Falke

Hat man je ein Pferd gesehen, das derart vor Kraft strotzt? Der Vorwärtsdrang eine einzige Manifestation, dass nichts und niemand diesen Reiter und sein Pferd aufhalten kann, zugleich ein wortloser Befehl an eine nachfolgende Streitmacht, dem Kommandanten zu folgen. Die Muskelpakete des Pferdes sind beim Ellbogen und beim Kniegelenk noch besonders ausgebildet. Die Ohren werden zu Hörnern, die Augen zum Kampfplan, die Adern im Gesicht und am Hals zur furchteinflössenden Warnung. Selbst der Schönheit der Mähne und des Schweifs ist nicht zu trauen. Und erst noch der Reiter! Sitzt oder steht er eigentlich auf dem Pferd? Seine muskulösen Beine bieten denen des Pferds Paroli. Den linken Arm angewinkelt, die Schulter leicht nach vorn gedreht: mit dieser Geste allein scheint Colleoni einen ganzen Trupp Gegner wegzudrängen. Das Gesicht finster, unheimlich, der Blick stechend, arrogant, betäubend, Helm und Kopf eine unteilbare Einheit. Alles wird zu Härte, Kraft, Unnachgiebigkeit, zur Geste der Eroberung und Herrschsucht. Italien im 15. Jahrhundert, die Zeit der Condottieri.

Verrocchio ist der Erste, der seine Figuren davon befreit, dass sie nur von einem bestimmten Standort des Betrachters aus voll zur Geltung kommen. Sein kleiner Engel mit Delfin in Spiral-Pose ist das erste Kunstwerk, das eine allseitige Position des Betrachters ermöglicht. Damit wird Verrocchio zu einem wichtigen Wegbereiter für Manierismus und Barock.

Reiterstandbild des Söldnerführers Bartolomeo Colleoni (1400–1475) in Venedig, geschaffen von Andrea del Verrocchio (1435–1488). An die Stelle von Schmelz, Milde, Lieblichkeit des Bamberger Reiters treten Herrscherwille, Entschlossenheit, Kampfkraft.
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Musée imaginaire

Neil Mac Gregor erzählt «Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten», die alle in einem realen Museum versammelt sind, dem Britischen Museum in London, dessen Direktor er bis 2015 war. Die bescheidenere Variante: ein Museum selber einrichten, bloss imaginär. Braucht nicht universalhistorisch zu sein. Begrenzt und lückenhaft genügt. Hier einige Empfehlungen vorweg: Hildegard von Egisheim, Metz Unmusz, Bamberger Reiter, Verrocchios Söldnerführer. Weiter nach dem Motto «Wie es euch gefällt». Mit den Worten von Jean Paul «ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann».

Kurt Messmer
Kurt Messmer von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





5 Kommentare

Walter Steffen sagt:

Hier sind Geschichte und Kunstgeschichte ideal miteinander verknüpft – ein grossartiges Lesevergnügen.

monika jauch sagt:

Ross und Reiter
Wieder einmal eine Freude zu lesen…..

Soeben Ross und Reiter in Bamberg besichtigt und Dank Kurt Messmer entsprechend studiert und genossen. Herzlichen Dank, denn das Bestaunen beglückt mit diesem Hintergrund doppelt. Danke Toni Schwingruber

Markus Ineichen sagt:

Das Dialogisieren gefällt: Der Autor lässt die Lesenden in eine Richtung galoppieren – stellt, kaum ist man auf dem geraden Weg, eine gezügelte Frage, die das Pferd bocken lässt; nach eleganter Pirouette fällt es in leichten Trab, um bald darauf erneut zu schrecken ob dem Unverhofften am bildhaften Weg. Es ist allgemein richtig, nicht zu fest im Sattel zu sitzen.

Peter Mital sagt:

Bravo! und merci.