Blick in die Ausstellung «Broken Nature»
© La Triennale di Milano. Foto: Gianluca Di Ioia

Design als Wundpflaster für die Natur

Die 22. Design-Triennale von Mailand wartet unter dem Titel «Broken Nature» mit originellen Beiträgen zur Klimadiskussion aus der Perspektive von Design, Kunst und angewandter Wissenschaft auf.

«Broken Nature», kaputte Natur - er klingt dramatisch, der Titel der diesjährigen 22. Design-Triennale von Mailand. Das Katalogcover zeigt das Foto eines gräulichen Gletschers, der von Tüchern bedeckt wurde, um das Abschmelzen zu verlangsamen. Die Tücher hängen zerfetzt herum, Zeugen des vergeblichen und etwas verspäteten menschlichen Bemühens, weiterer Müll, Leichentücher des Anthropozän.

Anthropozän, so heisst im Fachjargon das Erdzeitalter seit der industriellen Revolution, das wie keine anderes je zuvor von menschlichen Eingriffen in die Natur geprägt ist.

Auch das Design ist dadurch vor gänzlich neue Aufgaben gestellt. Das jedenfalls meinen die Triennale-Verantwortlichen, allen voran ihr Direktor, der Architekt und Stadtplaner Stefano Boeri, der mit seinen begrünten Hochhäusern «Bosco verticale» bekannt wurde, und die diesjährige Kuratorin Paola Antonelli vom Museum for Modern Art New York.

Eingang zur Ausstellung «Broken Nature». Installationen: Totems, Neri Oxman and the Mediated Matter Group at Massachusetts Institute of Technology, 2019.
© Triennale Milano. Foto: Gianluca Di Ioia

Damit schliesst die Triennale an ihren früheren Anspruch an, im Designdiskurs tonangebend zu sein. Als sie 1933 erstmals in Mailand als Design-Leistungsschau stattfand, stand sie ganz im Zeichen des Aufbruchs der Moderne. Nichts erinnert daran besser als ihr Austragungsort, der von einem Textilindustriellen finanzierte Palazzo dell‘Arte mit seiner monumentalen faschistischen Architektur. Propagiert wurde damals funktionalistisches Design für ein besseres Leben, wenn auch als Element einer diktatorischen Politik, die die Ästhetik für ihre Zwecke einspannte.

In der Wirtschaftswunderzeit nach dem zweiten Weltkrieg war die Triennale dann ein wichtiges Schaufenster für das führende italienische wie auch internationale Design, bis 1996 eine längere Pause folgte.

Erst 2007 wurde im Palazzo d‘Arte ein Designmuseum eröffnet, 2016 dann die Triennale aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Dabei wurde die Abkehr von einem immer fragwürdiger gewordenen modernen Designverständnis vollzogen. Denn dieses hatte sich zusehends in Richtung eines Produkt- und Industriedesign entwickelt, das vor allem den Konsum anheizen sollte. In einer Welt, in der die negativen Folgen dieses Konsums immer sichtbarer werden, musste die moderne Idee des «guten Lebens» radikal anders interpretiert werden. «Design after Design», war daher 2016 das Motto.

Im 3D-Verfahren gedruckte Korallenstrukturen aus Porzellan als Wuchsgrundlage für Riffs.
© Triennale Milano. Foto: Gianluca Di Ioia

«Broken nature» legt noch einen Zacken zu. Schaurig-schön das Präludium: Auf zwei gegenüberliegenden Riesenscreens zeigen Vorher- Nachher-Aufnahmen der letzten Jahrzehnte gigantische, vom Menschen verursachte Eingriffe in die Natur. So sieht man das irrwitzige Wachstum asiatischer Mega-Städte wie Shanghai in den letzten zwei, drei Dekaden, aber auch das Wuchern wenig ökologischer Wüstenorte wie Las Vegas oder Dubai. Daneben den Rückzug grosser Gletscher und Seen oder die Wunden, die der Bergbau hinterlässt.

Danach geht es erst richtig los. In den fünf Kapiteln der Schau werden zunächst mehr oder weniger pointierte Bestandsaufnahmen vom planetaren Debakel präsentiert. Parallel dazu werfen Grundlagenrecherchen Schlaglichter auf einzelne Themen, etwa die fürs Klima wichtige Entwicklung von Windströmungen. Zentralen Raum nehmen bereits umgesetzte Lösungen oder Prototypen aller Art ein, ebenso wie die zu ihrer Kommunikation und Umsetzung nötigen Strategien. Die Triennale will nicht weniger als ein Umschlagplatz für Zukunftsideen an der Schnittstelle von Design, Urbanismus, Architektur, Kunst, Wissenschaft sein.

Plastiglomerate sind Mineralformationen aus geschmolzenem Plastikteilen, Sand, Holz und Stein. Gesammelt von Kelly Jazvak in Zusammenarbeit mit der Geologin Patricia Corcoran und dem Ozeanographen Charles Moore in Kamilo Beach (Hawaii), 2013.
Photo: Jeff Elstone. Courtesy the artist and FIERMAN gallery.

Entlang des Parcours mit mehr als hundert Projekten begegnet man zunächst etwa dem massenhaften Artensterben, das Gegenmassnahmen, wie den norwegischen «Global Seed Vault» in der Arktis auf den Plan rief. Doch zugleich erfährt man, dass dieser «Tiefkühl-Samentresor» für gefährdete Pflanzen durch den Klimawandel und das damit verbundene Auftauen des Permafrostbodens inzwischen selber gefährdet ist. Wir sehen «Plastiglomerate», Versteinerungen von Plastik, wie sie massenweise etwa auf Hawaii landen, oder die fatalen Folgen invasiver Pflanzen. Einige Beispiele weisen schon in Richtung möglicher Lösungen, etwa aus Porzellan im 3D-Verfahren gedruckte Korallenstrukturen als Wuchsgrundlage für Riffs. Andere, wie das Archiv von heute banalen, künftig aber möglicherweise raren Gegenständen: Baumrinde, sauberes Wasser, eine Handvoll fruchtbare Erde, stellen die existierende Idee des Museums in Frage. Konservieren wir vielleicht das Falsche und übersehen, was wirklich wichtig ist?

Der Hauptteil der Schau lässt dieses eher beklemmende Kapitel hinter sich und konzentriert sich auf einen breiten Reigen aktueller Lösungsvorschläge. Da finden sich Beispiele aus dem Bereich des Re- und Upcycling, die sich vor allem dem Bekleidungs- und Möbelsektor sowie Alltagsgegenständen zuwenden. Aktuell sind auch die Experimente mit neuen Biomaterialien. Spezielle Gewebe aus Seide oder auch Ziegel aus Biomasse, die mit Hilfe von Pilzen generiert wird, führen zu ganz neuen Architekturfantasien. Vielleicht sind aber scheinbar «minimale», im Massenmarkt umsetzbare Vorschläge für neue Ernährungstrends realistischer und damit ökologisch wirkungsvoller. Ein Beispiel ist die rein pflanzliche «Wurst der Zukunft», die mit Tofu-Tristesse aufräumt und an der ECAL Lausanne entworfen wurde. Unmittelbar nützlich erscheinen auch die vorgestellten Modelle rund um die Distribution und Reinigung von Wasser. Vielversprechend daneben auch diverse Einblicke in ebenfalls eher lokale Projekte weltweit, bei denen es um die Schonung von Ressourcen und zugleich die Bewahrung, Vermittlung und Aufwertung bedrohten handwerklichen Wissens und Könnens geht. Diese Mikro-Ansätze «von unten» haben etwas Ermutigendes, weil sie für einen globalen Bewusstseinswandel stehen.

Blick in die Ausstellung «The Great Animal Orchestra», Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris, 2016.
© Luc Boegly

Ohnehin sind Kommunikation und Didaktik oberstes Gebot, damit die Dringlichkeit des Wandels in den Köpfen ankommt. Ob detaillierte Recherche zum Smartphone-Recycling oder edukative Games, das Angebot dieser Triennale ist reichlich und wird noch ergänzt von der etwas überinszenierten Ausstellung «The Nation of Plants», der eindrücklichen Filminstallation «The Great Animal Orchestra» des Bioakustikers Bernie Krause sowie den 62 Länderbeiträgen zum Hauptthema. Die Schweiz ist zwar nicht mit einem eigenen Beitrag vertreten. Doch das Wiener Designstudio EOOS hat zusammen mit der EAWAG und Keramik Laufen die Recycling-Toilette «Circular Flows» entwickelt, die von der Jury ausgezeichnet wurde.

Natürlich überzeugt nicht alles, was vorgestellt wird; manches ersetzt, grob gesagt, altes Plastik mit neuem. Auch die zentrale Frage, jene nach dem Transfer all der Analysen und Design-Ideen in die Praxis, kann so eine Veranstaltung kaum beantworten. Zu befürchten ist, dass auch vorerst einmal die bekannten ökonomischen und politischen Kräfte dominieren. Doch diese können beeinflusst werden. Die Triennale Mailand 2019 jedenfalls liefert zahlreiche Anregungen und Ideen für die notwendige Umkehr.

Broken Nature

Triennale Mailand

bis 1. September 2019

Infos/Tickets: www.triennale.org

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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