Die Schweizer Nationalmannschaft mit Protesttransparent beim Spiel gegen Schweden im Herbst 1995.
Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Fussball, Politik und Werbung

Fussball ist mehr als nur ein Sport. Fussball ist Kultur und Unterhaltung, Stammtisch und VIP-Lounge, Politik und Wirtschaft.

Hat der Fussball eine politische Kraft? Kann er gar Kriege oder einen Missstand beenden? Zumindest darauf aufmerksam machen kann er. Als Alain Sutter im Herbst 1995 mit der Schweizer Nationalmannschaft gegen Schweden spielte, ereignete sich Sonderbares. Während der Nationalhymne entrollten Sutter und seine Mitspieler ein Stück Stoff. «Stop it Chirac» war darauf gesprayt. Dieser Protest gegen die französischen Atombomben-Tests auf dem Mururoa-Atoll war ein politischer Akt, der noch lange zu reden gab. Auf jeden Fall mehr als das torlose Unentschieden, das die Schweizer danach gegen Schweden holten.

Der ehemalige Chelsea-Stürmer Didier Drogba rief 2006 die verfeindeten Parteien in seinem Heimatland Côte d’Ivoire zu einem Waffenstillstand auf, was die Grundlage für das Ende eines mehrjährigen Bürgerkriegs bedeutete. Gleich seine Karriere opferte einer der talentiertesten Fussballer Afrikas in den 1950er-Jahren für seine Landsleute: Rachid Mekhloufi. Geboren im französisch besetzten Algerien, erlebte er als kleiner Junge das Massaker von Sétif mit, das Zehntausende von Opfern forderte. Dennoch wechselte er später ins Land der Kolonialherren zur AS Saint-Etienne, wo er mit anderen Nordafrikanern zu den aufregendsten Spielern der Liga gehörte.

1954 brach der Algerienkrieg aus, doch die Weltöffentlichkeit nahm kaum Notiz davon. Also setzte die Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) auf die Macht des Sports. 1958 setzte sich ein Dutzend algerischer Fussballer aus Europa ab, darunter auch Rachid Mekhloufi sowie andere französische Nationalspieler, und schloss sich zur inoffiziellen algerischen Nationalmannschaft zusammen. Die Propaganda-Elf soll auf internationalen Tourneen auf das Leid in der Heimat aufmerksam machen, ein Leben voller Entbehrungen statt einem als gefeierter und fürstlich entlöhnter Fussballprofi. Das Team setzt aber auch fussballerisch Massstäbe: Europameister Jugoslawien etwa wird vor 80'000 Zuschauern gleich mit 6:1 überrollt.

Vier Jahre ist das FLN unterwegs, dann endlich entlässt die Kolonialmacht Algerien in die Unabhängigkeit. Viele Spieler bleiben gleich in Nordafrika, Mekhloufi will es hingegen nochmals wissen. In Genf bei Servette macht er sich wieder fit, schiesst 10 Tore in 11 Spielen, bevor er sich wieder der AS Saint-Étienne anschliesst. 1968 wird der Klub französischer Meister, der Cupfinal im gleichen Jahr wird gar zu Mekhloufis persönlichen Triumphzug. Zwei Tore erzielt er, beim späteren Empfang hört er von Präsident Charles de Gaulle Worte, die er sich bei seiner Abreise zehn Jahre zuvor nie hätte träumen lassen: «La France, c’est vous!».

Didier Drogba im Championsleague-Final von 2012.
Wikimedia

Das FLN Team bei einem Jubiläumsspiel 1974.
Wikimedia

Der FC Zürich war 1976 der erste Schweizer Verein, der Werbung auf seine Trikots platzierte. Der erste Sponsor prangte auch bei Köbi Kuhns letztem Meisterschaftsspiel 1977 auf der Brust der Zürcher.
FCZ Museum

Heisse Diskussion um Trikotwerbung

Werbung ist aus dem Fussball nicht mehr wegzudenken. Jedes erdenkliche Fleckchen in den Stadien ist mit einem Sponsorenlogo gepflastert, der begehrteste Ort ist natürlich auf der Brust des Trikots. Dagegen gab es allerdings auch Widerstand. In den 1950er-Jahren weigerte sich Superstar Obdulio Varela, Captain von Uruguays Nationalelf, für seinen Klub Peñarol Montevideo in einem Trikot mit Werbeaufdruck aufzulaufen: «Früher hat man uns Schwarze an einem Ring durch die Nase herumgeführt. Diese Zeiten sind vorbei.»

In der Schweiz dauerte es viel länger, bis die Klubs diese Einnahmequelle entdeckten. Den Anfang machte der FC Zürich 1976, der auf seinen Shirts für einen Fotofilm-Hersteller warb. Kurz darauf folgten auch der FC Basel, die Young Boys und Lausanne. Für das Schweizer Fernsehen war das nicht tolerierbar. Es sprach sich gegen die neue Werbeform aus, weil dadurch Firmen eine Plattform erhalten würden, ohne dafür zu bezahlen. Prompt verzichtete die SRG auf die Berichterstattung sämtlicher Partien mit Beteiligung der kritisierten Klubs. Dies wiederum sorgte für Empörung bei den Fans, zumal die Übertragung von Ski oder Formel 1 noch mehr «unbezahlte» Werbefläche in Kauf nahm. Der Boykott hielt denn auch nicht lange – und die vom Fussballverband einberufene zweijährige Testphase mit Trikotsponsoren ging nahtlos in einen Dauerzustand über.

Ähnlich umstritten war die Trikotwerbung auch in Deutschland. Das geltende Verbot umging Eintracht Braunschweig, indem es das Wahrzeichen des Alkohol-Herstellers Jägermeister kurzerhand zum Vereinslogo machte. Selbst nach der Zulassung schwärzten einige Zeitungen noch wacker Fotos von Spielern mit Werbung auf dem Leibchen.

Tempi passati: Manchester United erhält heute von einem Autohersteller die Rekordsumme von jährlich 80 Millionen Franken für den Platz auf dem Trikot, das zudem auch noch weltweit von Millionen von Fans getragen wird, die damit auch zu Werbeträgern werden.

Die kleine Fussballrevolution in Braunschweig.
YouTube

Mämä Sykora
Mämä Sykora ist Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf».

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