Mit dem Einmarsch der Deutschen in Italien 1943 verschäfte sich die Situation an der Südgrenze der Schweiz.
Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Geburt und Tod der Partisanenrepublik Ossola

Im Herbst 1944 befreiten Partisanen das Ossolatal und gründeten eine eigene Republik. Starke Unterstützung erhielten sie aus dem Tessin. Nach der Rückeroberung durch die Deutschen flohen Tausende in die Schweiz.

Spätestens ab dem 8. September 1943, mit der Proklamation des italienischen Waffenstillstands, prägte der Zweite Weltkrieg auch das tägliche Leben im Tessin. Trotz Neutralität! Der Waffenstillstand führte zur sofortigen deutschen Besetzung Italiens und zum allgemeinen institutionellen Zusammenbruch der Halbinsel. Der Kanton Tessin, verkeilt zwischen italienischen Regionen, wurde sofort zu einer wichtigen Basis für die Organisation und Durchführung von Kriegsaktivitäten der Alliierten und insbesondere ein naher und sicherer Rückzugsort für die Ossolaner Partisanen.

Herbst 1943 bis Sommer 1944

Die obere Verbano-Region wurde ab dem 13. September 1943  bis zur Tessiner Grenze vom ersten Bataillon des zweiten Regiments der Waffen-SS Panzerdivision Leibstandarte Adolf Hitler besetzt. Die Einheit, zuvor an der Ostfront aktiv, erreichte die Ufer des Lago Maggiores zügig. Der Kommandant des Bataillons war angewiesen worden, «... den Raum zwischen Lago Maggiore und Schweizer Grenze zu säubern». Die verschiedenen Kasernen, Krankenhäuser und auch die improvisierten Zentren für Rekonvaleszente wurden besetzt und durchsucht. Dort aufgegriffene Offiziere und Soldaten wurden ins Dritte Reich deportiert.

Die deutsche Präsenz in Norditalien verursachte einen massiven Zustrom von aufgelösten italienischen Soldatenverbänden und ehemaligen alliierten Gefangenen ins Locarnese. Aber sie waren nicht allein, zahlreiche Zivilisten und mindestens 30 jüdische Familien – insgesamt etwa 150 Personen – schafften im Herbst 1943 die Flucht in die Region Locarno. Dieser Andrang brachte die Region schnell in eine humanitäre Notlage. Um den Zustrom zu bewältigen, hatte die Schweizer Armee zwei Sammellager am Rande von Locarno eingerichtet: das erste in Quartino und das zweite in Cugnasco. Mitte Oktober 1943 wurden fast alle Flüchtlinge mit Nachtzügen durch den Gotthard Richtung Norden weitergeleitet. Insgesamt verliessen fast 20'000 Soldaten und Zivilisten das Tessin, um später in der Deutschschweiz und der Romandie interniert zu werden.

Im gleichen Zeitraum tötete die Leibstandarte Adolf Hitler mindestens 50 Juden in der Region Intra-Meina-Lago d'Orta. Die Beteiligung des Bataillons an den Massakern führte, im Gegensatz zu anderen deutschen Kriegsverbrechen in dieser Gegend, immerhin zu einige Urteilen. Zwei Offiziere wurden 1968 in Osnabrück zu lebenslanger Haft verurteilt, drei andere zu längeren Haftzeiten. Allerdings waren die Verurteilten bereits 1970 wieder auf freiem Fuss. Wegen eines Formfehlers beim Prozess!

Partisanenführer Armando Calzavara (ganz links) im 1945 in Mailand. Während des Kriegs kommandierte er in der Region um Cannobio eine Gruppe von Widerstandskämpfer. Nach dem Krieg arbeitete Calzavara mehrere Jahre in Zürich als Manager für Olivetti.
Casa della Resistenza Fondotoce / Ester Bucchi

Auszug aus der «Deutschen Wochenschau» von September 1943. Beim Offizier mit der weissen Uniform handelt es sich um Hans Krüger, Obersturmführer der SS. Er wurde wegen der Verbrechen am Ufer des Lago Maggiore in Osnabrück vor Gericht gestellt. Er blieb bis 1970 in Haft, bevor er von einem Berliner Gericht wegen eines Formfehlers freigesprochen wurde. Ab 1970 kehrte er nach Hamburg zurück und setzte seine Tätigkeit als Maler fort.
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Tessin wird Informationsdrehscheibe

Ende Januar 1944 nahmen die Reaktionen auf die deutsche Besetzung zu. Zu diesem Zeitpunkt fanden die ersten deutschen Aktionen der SS-Polizei und der Gendarmerie im Val d'Ossola statt. Blutiger Höhepunkt war die Auseinandersetzung von Megolo: Am 13. Februar 1944 starben dort 12 Partisanen, darunter Capitano Filippo Maria Beltrami und sein Stellvertreter Leutnant Antonio Di Dio. Im Frühling 1944 wuchs der Widerstand weiter. Am 25. Mai 1944 endete das Ultimatum des Aufrufs zum Waffendienst in der neo-faschistischen Armee von Benito Mussolini. Trotz Androhung der Todesstrafe für Dienstverweigerer wuchsen die Kräfte der Partisanen weiter.

Diese Situation veranlasste die Deutschen, ihre Tätigkeit in der Region zu verstärken. Die Aktionen gipfelte in der Ermordung von rund 200 Partisanen im Juni 1944. Unter der Führung von Oberstleutnant Ernst Weis «säuberten» 4200 Soldaten die Region des Val Grande, nördlich von Intra. Trotz einer Dezimierung der Partisanenverbände verbesserte sich die Lage der Deutschen nicht. Im Gegenteil. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde die Region von Locarno ein Faktor der Partisanenbewegung. Nicht nur konnten die ossolanischen Partisanen die Grenze leicht überqueren, auch wurde das Tessin zur wichtigen Drehscheibe des Widerstands gegen Deutsche und Faschisten. Hier wurde informiert und koordiniert und es wurde immer wieder unbürokratisch geholfen.

SS-Polizei-Soldaten vor dem Grand Hotel des Iles Borromées in Stresa. Das Bild wurde im Herbst 1944 nach einer Operation in Ossola aufgenommen.
Susanne Pauli, NS-Familien Geschichte Göttingen

Antonio Di Dio auf einem Bild von 1944.
Wikimedia

Die Partisanenrepublik Ossola und Locarno

Der Vormarsch der Alliierten in Mittelitalien und die Befreiung Roms beflügelte die Partisanen. Versprechen der alliierten Luftwaffe und entsprechende Meldungen durch Radio London steigerten diesen neu gefassten Mut noch und die Widerstandskämpfer rechneten fest mit alliierter Unterstützung aus der Luft.

Im Sommer 1944 begannen die Partisanen deshalb mit zahlreichen Vorstössen und vertrieben mindestens 300 Soldaten der Wehrmacht Richtung Schweiz. Bis Ende August konnte ein grosser Teil des Ossolatals befreit werden und die Hauptstadt Domodossola wurde am 10. September 1944 von den Deutschen und Faschisten vorübergehend verlassen. Diese Befreiungsaktion, die nicht zwischen den verschiedenen Partisanengruppierungen koordiniert war, ermöglichte die Gründung der «Partisanenrepublik Ossola».

Diese «Freie Republik» überlebte weniger als 40 Tage, vom 10. September bis zum 17. Oktober 1944. Die Führung bestand aus ehemaligen politischen Flüchtlingen, welche wenige Tage zuvor, meistens aus den Tessin, ins Ossolagebiet zurückkehrten. Die Tessiner Unterstützung wuchs schlagartig an. Lebensmittel, Geld und sogar Waffen und Munition wurden geliefert. Gleichzeitig bauten Tessiner und Ossolaner rasend schnell Wirtschaftsverbindungen auf, um Produkte in die Schweiz exportieren zu können, denn dies war der einzige Weg für die von Faschisten umschlossene Region.

Mehrere Tessiner Politiker, darunter die Sozialdemokraten Guglielmo Canevascini und Francesco Borella sowie der Gemeindepräsident von Locarno, Giovan-Battista Rusca, besuchten die Partisanenrepublik und sorgen dafür, dass die Unterstützung aus der Schweiz weiter intensiviert wurde. Diese politischen Kontakte bedeuteten auch eine zwar inoffizielle, aber wichtige Anerkennung des jungen Staats auf politischem Parkett.

Dienstag, 20. Juni 1944, zwei deutsche Offiziere vor einer Gruppe Partisanen in Fondotoce, Provinz Verbania. Die insgesamt 45 Personen wurden in den folgenden Stunden erschossen.
Casa della Resistenza Fondotoce / Ester Bucchi

Rückeroberung und Flüchtlingswelle

Die Situation änderte sich rasch, als die Deutschen Anfang Oktober 1944 beschlossen, das Gebiet zurückzuerobern. Mit rund 3200 Soldaten, vorwiegend SS-Polizisten, rückten sie über Gravellona und Cannobio vor. Wegen den schwierigen Wetterbedingungen und dem harten Widerstand der Partisanen verzögerte sich der Vormarsch um einige Tage. Trotzdem nahte das Ende der Republik Ossola und das Tessin stürzte in eine humanitäre Krise. Die zweite nach 1943. Tausende, vor allem Frauen und Kinder, flüchteten aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen. Auch Partisanen zogen sich in die Schweiz zurück und mit der Besetzung von Domodossola am 17. Oktober 1944 floh auch ein Grossteil der Regierung, denn sowohl Partisanen wie auch Zivilisten wurden aktiv verfolgt. Es kam zu mehreren Zwischenfällen an der Grenze. Die versprochene Luftunterstützung der Alliierten war ausgeblieben.

Im Spital La Carità in Locarno herrschte Hochbetrieb.  Am 13. Oktober wurden 50 verletzte Partisanen eingeliefert. Der Flüchtlingsstrom Richtung Tessin nahm von Tag zu Tag zu. Ein Offizier des Nachrichtendienstes der Schweizer Armee schätzte, dass im Herbst 1944 mindestens 1780 Partisanen und 18'000 Zivilisten in die Schweiz geflüchtet waren. Wer es nicht über die Grenze schaffte, wurde hingerichtet oder deportiert. Die faschistischen Truppen töteten nach dem Zusammenbruch der Partisanenrepublik 525 Partisanen und deportierten 625 Personen ins Dritte Reich. Ohne die Hilfe aus dem Tessin und dem Wallis wäre das Blutbad in der Ossolaregion noch viel grösser geworden.

Raphael Rues
Raphael Rues ist Historiker. Zurzeit arbeitet er an seiner Dissertation über die deutsch-faschistische Präsenz in den Regionen Ossola und Lago Maggiore.

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Ihr Kommentar





4 Kommentare

Matt sagt:

Sehr interessant und gut geschrieben. Ein Teil der Geschichte der Schweiz, der heute viel zu wenigen – zumindest nördlich des Gotthards – bekannt ist.
Herzlichen Dank für Ihre bemerkenswerte Arbeit, Herr Rues!

Carlotta Rebecca Golder sagt:

very intetesting ❤️

Carlotta Rebecca Golder sagt:

errata corrige
very interesting ❤️

[…] pubblicherà una serie di interventi sul Blog del Museo Nazionale Svizzero. Dopo aver pubblicato un primo articolo a riguardo della Repubblica Partigiana dell’Ossola, nelle settimane scorse è apparso un nuovo […]