Mit «Frauen im Laufgitter» forderte Iris Roten die damalige Gesellschaft heraus.
Schweizerisches Nationalmuseum

Eine Frau geht ihren Weg

Mit ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» kämpfte Iris von Roten 1958 für die Rechte der Frauen und legte sich fast mit der ganzen Schweiz an. Die Geschichte einer Unbeugsamen.

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

Einmal, da wurde sie verhaftet, in Zürich spätnachts. Sie war elegant gekleidet und allein unterwegs gewesen. Eine junge Dame, attraktiv, allein, um diese Uhrzeit? Der Polizei war das suspekt. So ging das nicht.

So ging das nun wirklich nicht: Im Herbst 1958 publizierte Iris von Roten ein Buch, mit dem sie es schaffte, fast die gesamte Schweiz gegen sich aufzubringen. Die Männer sowieso – und die Frauen auch. «Frauen im Laufgitter» war eine dreiste, schonungslose und krachend brutale Analyse der Geschlechterverhältnisse in einer Zeit, in der ein nächtlicher Spaziergang in Polizeigewahrsam enden konnte, in der die Rollenbilder versteift und Horizonte für Frauen eng waren. Rechtlich, wirtschaftlich, gesellschaftlich oder sexuell: ein Frauenleben in der Schweiz war nicht zwingend schlecht – aber es war abhängig vom Goodwill der Männer. Und Iris benannte das. Sie verlangte gleiche Chancen, gleiche Rechte, gleiche Löhne – und die freie Liebe.

Iris’ Buch wurde zerrissen. Die Kritiker zielten am Text vorbei auf die Autorin. Die «Nationalzeitung» zeigte sie als männerpeitschende Domina. Jemand schrieb «Hure» an ihr Haus. Sogar Frauenrechtlerinnen distanzierten sich. Ein halbes Jahr vor der ersten Volksabstimmung übers Frauenstimmrecht waren die Damen um sanfte Töne bemüht – und schoben das krachende Nein vom Frühling 1959 bequemerweise Iris in die Schuhe. Zu unrecht.

Juristin, Journalistin und Frauenrechtlerin Iris von Roten in einem Porträt von 1959.
Keystone / STR

Dass die Schweiz überhaupt über das Frauenstimmrecht abstimmte, lag auch an Iris’ Mann, Peter von Roten: Walliser Adelsfamilie, katholisch-konservative Partei und katholisch-konservative Prägung. Peter hatte den Vorstoss fürs Frauenstimmrecht im Parlament eingebracht und war dafür (und für sein Engagement zur Abschaffung der Armee) schon 1951 abgewählt worden. Iris und Peter lebten eine Amour fou zwischen Basel, Raron und zeitweise New York. Beide begehrten sich mit heisser Intensität – und hatten (mit Kenntnis des anderen) auch aussereheliche Affären. Von der Hausarbeit liess sich Iris per Ehevertrag entbinden.

Dass «Frauen im Laufgitter» nicht zum internationalen Klassiker der feministischen Literatur wurde, lag nicht am Text. Der war sogar schärfer und spitzer, als Beauvoirs «Le deuxième sexe». Aber eine geborene Meyer war eben keine de Beauvoir, die Schweiz nicht Paris und Peter nicht Sartre. Ausserdem war der Verlag mutlos: In nur elf Wochen war die erste Auflage ausverkauft, eine zweite gab es nicht.

Die Zeit war überreif für Iris’ Text. Bloss die Schweiz war es nicht. Nach dem Skandal zog sich Iris aus der öffentlichen Debatte zurück, verlegte sich auf Reisereportagen und die Malerei. Radikal blieb sie dennoch. Von Alter, Krankheit und Schmerzen gezeichnet, stieg sie eines Morgens im Jahr 1990 in den Dachstock ihres Hauses. Peter schrieb später, als er sie gefunden habe, habe sie ausgesehen, «wie ein Ausrufezeichen nach einem besonders tapferen Satz».

Das Leben der Iris Roten.
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