In den 1980er-Jahren versank die Schweiz in einem Drogensumpf.
Schweizerisches Nationalmuseum / Michael von Graffenried

Drogen fürs Volk

In den 1980er-Jahren hatte die Schweiz ein Heroinproblem. Der Schritt zu einer liberaleren Drogenpolitik bescherte dem Land weltweite Beachtung.

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

Einige Klopfer auf die Vene, dann drang die Nadel ein. Rings um die Süchtigen Abfall, Dreck, Kälte, und Schutzlosigkeit. Ratten, Krankheiten und Erbrochenes: Das war die Realität auf der Berner Bundesterrasse, am Zürcher Platzspitz und später am Bahnhof Letten. Die Bilder der Heroinkrise gingen um die Welt. Dann unternahm die Schweiz endlich einen mutigen Schritt.

Eine, welche die kontrollierte Heroinabgabe vorantrieb, hiess Emilie Lieberherr. Eine ausgesprochen unbequeme Person. Lieberherr war die erste Urnerin mit einer Matur, Doktorin der Ökonomie, Kindermädchen bei Jane und Peter Fonda, erste Konsumentenschützerin der Schweiz und offen homosexuell. 1969 organisierte sie eine unbewilligte Frauendemo auf dem Bundesplatz, ein Jahr später wurde sie zur Zürcher Sozialvorsteherin gewählt – nur Monate, nachdem das juristisch möglich geworden war.

Emilie Lieberherr an einer Frauendemonstration in Bern, 1969.
Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Emilie Lieberherr war zunächst gegen die Drogenabgabe gewesen. Doch weil sie mit sich selbst genauso unbequem war, wie mit anderen, liess sie sich von den Tatsachen umstimmen. Und die Tatsachen waren simpel: So konnte es einfach nicht weitergehen. Stimmbürgerinnen, Ärzte, Polizisten, eine immer breitere Koalition erklärte die bisherige Drogenpolitik für gescheitert. Hunderte Drogentote, Beschaffungskriminalität, rivalisierende Dealer sowie AIDS und andere grassierende Krankheiten.

Katz und Maus, vor und zurück: Die Krise wurde nicht auf einen Schlag gelöst. Private verteilten saubere Spritzen, Ärzte agierten am Rand des Legalen und in Bern wurde 1986 das erste «Fixerstübli» eröffnet. Zugleich setzte die Politik weiterhin auch auf Repression. Gegen Dealer, aber auch gegen Süchtige. 1992 wurde der «Needle Park» geräumt. Ein Schlag ins Wasser: Die Szene verschob sich vom Platzspitz an den Bahnhof Letten.

1990 votierte das Zürcher Stimmvolk für Versuche mit einer liberaleren Drogenpolitik. Zwei Jahre später gab auch der Bundesrat grünes Licht für die staatlich kontrollierte Heroinabgabe. 1994 eröffnete die Stadt Zürich zwei Drogenabgabestellen. Im selben Jahr wurden alleine in Zürich 4,1 Millionen saubere Spritzen abgegeben. Es waren Meilensteinchen: Süchtige konsumierten staatlich geprüftes Methadon in einem sicheren Umfeld. Nicht wie Kriminelle, sondern wie Kranke. 1995 wurde der Letten geschlossen und die Zahl der Drogentoten ging langsam zurück.

Prävention, Therapie, Schadensverminderung und Repression: das vier-Säulen-Prinzip machte die Schweiz zu einem der drogenpolitisch fortschrittlichsten Länder – und ein bisschen menschlicher.

Offene Drogenszene am Zürcher Letten, 1994.
Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

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