Walter Lehmann malte 1959 die Abreise von Auswanderer beim Restaurant Rössli in Rothrist.
Foto: Daniel Lehmann

Sparmo­dell Auswanderung

Im 19. Jahrhundert förderten Schweizer Gemeinden die Auswanderung von Armen, um einen finanziellen Ruin abzuwenden. Dass die Emigration nicht immer ganz freiwillig geschah, zeigt ein Beispiel aus dem Kanton Aargau.

Andrej Abplanalp

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

1855 bezahlte Niederwil, heute Rothrist, 305 Personen die Auswanderung nach Amerika. Das waren über 12 Prozent der Bevölkerung. Die Aargauer Gemeinde finanzierte sämtliche Reisekosten. Damit sparte sie langfristig Geld, denn die Bezahlung von Bahn- und Schiffbilletts war günstiger als die jahrelange Unterstützung von Armen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in der Eidgenossenschaft viele Menschen, die kaum mehr genug zu essen hatten. Die Bevölkerung wuchs schnell und die Landwirtschaft veränderte sich. Die Agrar-Modernisierung betraf vor allem die Kleinbauern. Das Land wurde immer intensiver bewirtschaftet und die Allmenden, das für alle Gemeindemitglieder kostenlos verfügbare Weideland, verschwanden. Zwar hatten die Kleinbauern durch die Industrialisierung die Möglichkeit, mit Heimarbeit Geld zu verdienen. Doch das Einkommen reichte meist nicht, da nun teures Futter für die eigenen Tiere dazugekauft werden musste. Die Lage war prekär, auch in Niederwil.

Nicht immer freiwillig

Nach einigen Missernten und einer darauffolgenden happigen Teuerung geriet die Textilindustrie in eine Krise. Die Gemeinde stand deshalb 1855 vor dem Entscheid, einen Teil der Dorfbevölkerung zur Auswanderung zu bewegen, oder die Steuern erneut zu erhöhen, um die Armenunterstützung weiter finanzieren zu können. Allerdings war Letzteres fast aussichtslos, denn mittlerweile kämpfte auch der Mittelstand um seine Existenz. So entschied sich die Gemeinde für die Massenemigration. Einerseits wurden Freiwillige gesucht, andererseits drängten die Behörden zahlreiche Dorfbewohner zu einem Wegzug. Teilweise wurden die Leute überredet oder mit der Aussicht auf ein besseres Leben geködert. Wo dies nicht reichte, drohte die Gemeinde mit der Polizei. Die Auswanderer bezogen zum grössten Teil Armenunterstützung oder standen kurz davor.

Durch diesen Vertrag von 1855 übernahm Niederwil die Reisekosten für die Auswanderer.
Heimatmuseum Rothrist

Über Basel nach New Orleans

Am 27. Februar 1855 brachen die 305 Auswanderer in ihre neue Heimat auf. Die Reise dauerte sieben Wochen und führte über Basel, Paris und Le Havre nach New Orleans. Von dort aus sollten die Niederwilerinnen und Niederwiler weiter nach St. Louis reisen, wo bereits einige Schweizer Siedlungen existierten. Dort kamen sie im Mai 1855 an. Einige reisten weiter, beispielsweise nach New York, die meisten aber blieben in dieser Gegend.

Die Gesamtkosten dieser Massenauswanderung beliefen sich auf rund 50'000 Franken. Dafür musste die Gemeinde Kredite bei Banken und vermögenden Gemeindemitglieder aufnehmen. Die Aktion hatte sich für Niederwil finanziell gelohnt. Bereits ein Jahr später konnte die Gemeinde das Armenhaus schliessen. Dass viele Auswanderer zu «ihrem Glück» gedrängt wurden, hat man lange verdrängt.

Heute erinnert ein Brunnen in Rothrist an die Auswanderer von 1855.
Susanne Mangold

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