Die Hinrichtung von Nicholas Ridley und Hugh Latimer in Oxford, 1555.
Die Hinrichtung von Nicholas Ridley und Hugh Latimer in Oxford, 1555. Nach der Thronbesteigung von Queen Mary I wurden hunderte Protestanten, die sich nicht ins Exil retteten oder ihren Glauben ablehnten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von ihren Gegnern wurde die Königin darum «Bloody Mary» genannt. Wikimedia

Die Mariani­schen Exilanten in der Schweiz

Nach der Thronbesteigung von Queen Mary 1553 gingen zahlreiche protestantische Reformatoren in die Schweiz ins Exil. Diese sogenannten «Marianischen Exilanten» übten später einen grossen Einfluss auf die englische Politik und Kultur aus.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Autor, PR-Spezialist auf dem Gebiet des kulturellen Erbes, und Mitbegründer der «Ancient History Encyclopedia».

Im 16. und 17. Jahrhundert bot die alte Eidgenossenschaft protestantischen Flüchtlingen aus ganz Europa Unterschlupf. Besonders die sogenannten «Marianischen Exilanten» aus England zeichnen durch den grossen Einfluss aus, den sie – trotz ihrer geringen Anzahl – später auf die Englische Politik haben sollten. Die Erfahrungen, die diese englischen Exilanten in den 1550er-Jahren in der Schweiz machten, stärkte und festigte den Protestantismus in England während der Regierungszeit von Elizabeth I. (reg. 1558-1603). Die Eidgenossenschaft erwies sich nicht nur als sicherer Hafen für die Engländer, sondern auch als Leuchtfeuer reformierter Rechtschaffenheit mit einer vorbildlichen protestantischen Kirche und Gemeinde.

Verbin­dun­gen zwischen England und der alten Eidgenossenschaft

Die frühen Beziehungen zwischen Protestanten in England und der Schweiz waren von gegenseitigem Respekt geprägt. Im Gegensatz zu ihren lutherischen Rivalen in Deutschland unterstützten die Schweizer Reformatoren König Heinrich VIII. (Reg. 1509-1547) bei seinen Bemühungen, sich in den 1520er-Jahren von Katharina von Aragon scheiden zu lassen. Zudem erschienen die von Ulrich Zwingli (1484-1531) verfassten Texte bereits 1530 in englischer Sprache. Heinrich Bullinger (1504-1575) pflegte gezielt enge Beziehungen zu den englischen Reformatoren Thomas Cranmer (1489-1556) und John Hooper (ca. 1495-1555), um dem lutherischen Einfluss in anderen Teilen Europas entgegenzuwirken. Während der Regierungszeit des protestantischen Edward VI. (Reg. 1547-1553) verwendete Cranmer Zwinglis liturgische Werke bei der Verfassung seines Book of Common Prayer, während protestantische Eliten wie Lady Jane Gray (ca. 1537-1554) mit Bullinger und Rudolf Gwalther (1519-1586) im Briefwechsel standen.
Portrait von Heinrich Bullinger, geschaffen von Hans Asper, 1559.
Portrait von Heinrich Bullinger, geschaffen von Hans Asper, 1559. Zentralbibliothek Zürich
Bild 01 von 03
Thomas Cranmer, geschaffen von Gerlach Flicke, 1545-1546.
Thomas Cranmer, geschaffen von Gerlach Flicke, 1545-1546. © National Portrait Gallery, London
Bild 01 von 03
Lady Jane Grey, unbekannter Künstler, um 1590-1600.
Lady Jane Grey, unbekannter Künstler, um 1590-1600. © National Portrait Gallery, London
Bild 01 von 03
Das Verhältnis zwischen Protestanten in England und der Schweiz änderte sich im Sommer 1553 grundlegend, als die katholische Mary I. (reg. 1553-1558) ihrem Halbbruder König Edward auf den englischen Thron folgte. Queen Marys tiefe Hingabe zum Katholizismus war kein Geheimnis. Sie beabsichtigte mit Nachdruck, den Katholizismus in England wieder einzuführen. Aus Angst, Queen Mary würde die Heilige Inquisition nach England bringen, flohen rund 800 Protestanten aus England in die relative Sicherheit von Städten und Handelszentren in den Niederlanden, Skandinavien, Polen-Litauen, Deutschland und der Schweiz. In England lebende ausländische Protestanten wie der Schotte John Knox (ca. 1514-1572) und der Italiener Peter Martyr Vermigli (1499-1562) entschieden sich ebenfalls für ein freiwilliges Exil.
Queen Mary I, geschaffen von Hans Eworth, 1554.
Queen Mary I, geschaffen von Hans Eworth, 1554. © National Portrait Gallery, London
Das internationale Reformationsdenkmal in Genf. Zu sehen sind William Farel, John Calvin, Theodore Beza und John Knox (v.l.n.r).
Das internationale Reformationsdenkmal in Genf. Zu sehen sind William Farel, John Calvin, Theodore Beza und John Knox (v.l.n.r). Wikimedia/Ruth Nguyen

Englische Protes­tan­ten im Schweizer Exil

Englische Protestanten liessen sich hauptsächlich in Zürich, Basel, Bern, Lausanne und Genf nieder. Als es im deutschen Wesel zu doktrinellen und politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen englischen Protestanten und lutherischen Offiziellen kam, siedelten zudem rund 25 Familien nach Aarau um. Englische Studenten zogen Zürich und Basel als Bastionen des Humanismus und der religiösen Scholastik vor. Es war üblich, dass englische Exilanten bestehenden reformierten Kirchen beitraten oder mit Erlaubnis der lokalen Behörden eigene Gemeinden gründeten. Die Schweizer verstanden sich gut mit den englischen Flüchtlingen und viele marianische Exilanten lobten in ihren Briefen die Schweizer später für ihre Gastfreundschaft, ihre Lehren und ihren protestantischen Eifer.
Allegorie auf den rechten Glauben, unbekannter Maler, 1685–1700.
Johannes Calvin links und Martin Luther rechts im Bild versuchen den Papst vom reformierten Glauben zu überzeugen. Für sie als Reformatoren steht die Bibel als Gottes Wort für die Erleuchtung. Ihre Kritik an der Kirche nimmt Papst Leo X. nicht ernst. Allegorie auf den rechten Glauben, unbekannter Maler, 1685–1700. Schweizerisches Nationalmuseum
Von den Emigrantengemeinschaften hatte Genf mit 233 Personen oder rund 140 Haushalten die höchste Zahl marianischer Exilanten. Dies machte aber nur zwei Prozent der Genfer Bevölkerung aus. Mit Unterstützung von Johannes Calvin (1509-1564) gründeten die zwei Exilanten Anthony Gilby (ca. 1510–1585) und Christopher Goodman (1520–1603) die Anglikanische Dreifaltigkeitskirche in Genf, die bis heute anglikanische Gottesdienste auf Englisch anbietet. Gilby und Goodman halfen ausserdem bei der Zusammenstellung und Übersetzung der Genfer Bibel, die vor der weit verbreiteten King-James-Bibel erschien, und von englischsprachigen Politikern und Schriftstellern, darunter William Shakespeare (1564-1616), die Pilgerväter auf der Mayflower (1620) und Oliver Cromwell (1599-1658), bis weit in das folgende Jahrhundert hinein bevorzugt wurde. Sogar Nicholas Hilliard (1547-1619), Englands begabtester Renaissance-Maler, verbrachte seine Kindheit in Genf. Der junge Hilliard lebte mit John Bodley (ca. 1518-1591) zusammen, ein weiterer Sponsor der Genfer Bibel. In Genf begegnete Hilliard erstmals der französischen Sprache, der französischen Kunst und genoss eine humanistischen Ausbildung. Hilliards ständiger Begleiter war damals Johns Sohn Thomas Brodley (1545-1613), der nach England zurückkehren würde, um eine der grössten Bibliotheken der Welt wieder aufzubauen: die Bodleian Library der Universität Oxford.
Queen Elizabeth I, geschaffen von Nicholas Hilliard, um 1573-1575.
Queen Elizabeth I, geschaffen von Nicholas Hilliard, um 1573-1575. Walker Art Gallery

Ein bestän­di­ges Erbe

Im Gegensatz zu den protestantischen Flüchtlingen, die aus Frankreich, Spanien oder Italien in die Schweiz kamen, hatten diejenigen aus England nicht die Absicht, dauerhaft in der Schweiz zu bleiben. Sie warteten auf die Nachfolge von Queen Marys Halbschwester, der protestantischen Prinzessin Elizabeth. Im Jahr 1558 starb Mary und Elizabeth wurde Königin. Elizabeths Thronbesteigung erregte grosse Aufregung und grosses Interesse in den protestantischen Kantonen der Schweiz, während die englischen Exilanten massenhaft nach Hause zurückkehrten, um an der Krönung teilzunehmen und persönliche Gefälligkeiten zu erreichen. Die Rückkehr der marianischen Exilanten markiert somit den Beginn des Puritanismus und Presbyterianismus auf den britischen Inseln. Die Exilanten brachten nicht nur die Werke von Zwingli, Bullinger und Calvin nach England, sondern auch eidgenössische Vorstellungen von der Rolle der Eucharistie und kirchlichen Gewändern sowie die festen Haltungen gegenüber Lutheranern, Täufern und Antitrinitariern.
Persönlichkeiten der Reformation, unbekannter Künstler, um 1683.
Persönlichkeiten der Reformation, unbekannter Künstler, um 1683. © National Portrait Gallery, London
Titelblatt einer Genfer Bibel, Ausgabe gedruckt in Genf 1557.
Titelblatt einer Genfer Bibel, Ausgabe gedruckt in Genf 1557. Musée historique de la Réformation, Genève
Königin Elizabeth gewährte ehemaligen marianischen Exilanten immense Befugnisse und Einfluss innerhalb der wiederhergestellten anglikanischen Kirche. Unter den bemerkenswerteren waren Edwin Sandys (1519-1588), Erzbischof von York, Robert Horne (ca. 1510–1579), Bischof von Winchester, John Parkhurst (ca. 1512–1575), Bischof von Norwich, Thomas Bentham (ca. 1514–1579), Bischof von Coventry, und John Jewel (1522-1571), Bischof von Salisbury. Als die religiösen Texte aus der Schweiz in den 1560er-Jahren immer zugänglicher wurden, blieben das Interesse an der Schweiz und der Kontakt zu Schweizer Kirchen stark. Bullingers Dekaden, ein Predigtbuch, wurde in den 1570er- und 1580er-Jahren nach der Übersetzung ins Englische sogar zum Bestseller. Die persönlichen Kontakte zwischen den Engländern und den Schweizern hielten an und ermöglichten eine Blüte des kulturellen und akademischen Austauschs zwischen den beiden Ländern. Königin Elizabeth selbst schrieb häufig an Bullinger. Dieser gab der jungen Königin Ratschläge in Fragen der religiösen Mässigung und der guten Staatsführung.
Edwin Sandys, unbekannter Maler, spätes 17. Jahrhundert, basierend auf einem Gemälde von 1571.
Edwin Sandys, unbekannter Maler, spätes 17. Jahrhundert, 1571. © National Portrait Gallery, London
Bild 01 von 02
John Jewel, unbekannter Maler, 1560er-Jahre.
John Jewel, unbekannter Maler, 1560er-Jahre. © National Portrait Gallery, London
Bild 01 von 02

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.