Porträt von Huldrych Zwingli. Gemalt hat es Ludwig Georg Vogel im 19. Jahrhundert. Dabei hat sich Vogel an einem Bild von Hans Asper aus dem 16. Jahrhundert orientiert.
Schweizerisches Nationalmuseum

Des Pfarrers Hochzeit

Der Bräutigam war Pfarrer und die Braut sichtbar schwanger. Die Hochzeit von Huldrych Zwingli und Anna Reinhart war skandalös – für jeden, der die Ereignisse der letzten Jahre komplett verschlafen hatte.

Zwinglis Biografie beginnt recht gewöhnlich: Aufgewachsen im Toggenburg, Lateinschulen und Studium in Bern, Basel und Wien. Ab 1506 war er Pfarrer in Glarus. Er schloss Ehen, taufte, predigte, bestattete und nahm Beichten ab. Er setzte sich für eine neue Schule ein, er trieb einen Holzsplitter auf, der aus dem Kreuz Jesu stammen soll, und er riet kriegslustigen jungen Glarnern, sich besser vom Papst anwerben zu lassen, als von den Franzosen. Schliesslich machte sich Zwingli sein eigenes Bild: 1515 stand er ernüchtert auf dem Schlachtfeld von Marignano  – und predigte von da an gegen das Söldnerwesen.

1516 erschien Erasmus’ neue Übersetzung der Bibel. Erasmus vertrat, was Zwingli selbst an der Kirche störte. Zwingli begann, gegen Wallfahrten zu predigen, gegen den Ablass, gegen katholische Grundsätze. 1519 wurde er Priester am Zürcher Grossmünster. Die Zürcher Obrigkeit stützte seine Positionen und in der Bevölkerung kamen seine verständlichen und engagierten Predigten gut an. 1522 wurden aus Worten Taten: Zwingli war anwesend, als im Haus seines Druckers das Fastengebot demonstrativ gebrochen und Fleisch gegessen wurde. Ein Jahr danach wurde Zwingli der Ketzerei bezichtigt, woraufhin die Regierung ihn und seine Widersacher zur «Disputation» vorlud. Zwingli gewann und predigte als Nächstes gegen die Bilderverehrung. Es folgte 1523 eine zweite Disputation, die Zwingli erneut gewann. Daraufhin verschwanden die Bilder aus den Zürcher Kirchen und die Messe wurde abgeschafft. Wenige Montag später heiratete Zwingli Anna Reinhart, mit der er seit Jahren in wilder Ehe gelebt hatte.

De vera et falsa religione von Huldrych Zwingli, gedruckt von Christoffel Froschauer, veröffentlicht 1525.
Schweizerisches Nationalmuseum

Zwinglis Tod bei Kappel 1531, dargestellt auf einer Druckgrafik aus dem 19. Jahrhundert.
Schweizerisches Nationalmuseum

Im selben Jahr begann er gemeinsam mit einer Gruppe sprachgewandter Zeitgenossen die Übersetzung der Erasmus-Bibel ins Deutsche – lange vor Martin Luther. Und im Gegensatz zum Holländer wurde die ganze Bibel und nicht nur das Neue Testament übersetzt. Daneben vernetzte sich Zwingli mit Gleichgesinnten, gewann auch die Berner für die Reformation, biss aber bei den Innerschweizern auf Granit. Es kam zum Konflikt. Der «Erste Kappeler Krieg» endete mit der vorläufigen Versöhnung bei der «Kappeler Milchsuppe». Den zweiten überlebte Zwingli nicht. Die Schweiz war von nun an konfessionell gespalten. Einige Kantone blieben katholisch, andere wandten sich der neuen, reformierten Kirche zu. Im Innern führte das zu ständigen Spannungen und Streitigkeiten. Aussenpolitisch bedeutete es, dass sich die Schweiz in konfessionellen Konflikten neutral verhalten musste, weil eine Parteinahme den eidgenössischen Bund zerrissen hätte.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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