Illustration: Alltag an der Grenze.
Der Alltag an der Grenze war anstrengend und gefährlich, aber manchmal auch humorvoll. Illustration: Marco Heer

Alltag an der Grenze

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sicherte die Schweiz sofort ihre Grenzen. So auch die Linie entlang des Rheins. Tagebücher geben einen Einblick in den Alltag der Grenzwächter.

Katrin Brunner

Katrin Brunner

Historikerin Katrin Brunner ist Chronistin von Niederweningen und freischaffende Journalistin.

Zwischen September 1939 und Juni 1941 rechnete die Schweiz mit einem Angriff der Wehrmacht. Es gab mehrere Pläne. Der bekannteste wurde «Operation Tannenbaum» genannt und sah ein Vorrücken aus Frankreich, Deutschland und Italien vor. In diesen beiden Jahren sicherte die Schweiz ihre Grenzen besonders stark ab. Im Zentrum der Bemühungen stand auch die Rheinlinie, welche seit Urzeiten eine natürliche Grenze zum nördlichen Nachbarn bildete. Bereits im 3. Jahrhundert nach Christus bauten die Römer in regelmässiger Linie und Abständen Wachtürme, um sich den expandierungswilligen Germanen entgegen zu stellen. 1794 besetzten französische Truppen das linke Rheinufer. 1914 überrannte Deutschland den Rhein und Frankreich. Nach dem Ersten Weltkrieg fing Frankreich daher mit dem Bau der Maginotlinie an. Deutschland schaufelte parallel dazu den Westwall – die Sigfriedlinie. Die einzige Lücke in den beiden Bauwerken war die Schweizer Grenze. Beim Beginn des Zweiten Weltkriegs begann daher auf Schweizer Seite ein hektisches Treiben. Rund 450'000 Soldaten waren aufgefordert in einen möglichen Krieg zu ziehen. 80'000 Männer wurden zum Grenzschutz aufgeboten.
Generalmobilmachung 1939 in Lausanne.
Generalmobilmachung 1939 in Lausanne. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Blick ins Tagebuch

Wie das Leben an der Grenze in diesen Jahren ablief, zeigt ein Blick in das Tagebuch des Grenzfüsilierbataillons 269, welches den Abschnitt bei Weiach (ZH) sicherte. Die Armeeführung verlangte von jedem Einheitskommandanten ein offizielles Tagebuch zu führen. Darin musste mindestens das Arbeitsprogramm des Tages festgehalten werden. Das sah dann etwa so aus: 08.00 Beginn der Mobilmachungs-Arbeiten 09.00 Verlesen 09.30 – 10.30 Ausrüstungs Insp. durch die HH. Zugführer 10.30 – 11.45 Fassen des Korps-Materials + Munition (Pro Mann 60 Patr.) 11.45 – 13.30 Mittagsverpflegung 13.30 – 14.30 Fassen und Anpassen der Gasmasken 15.15 – 15.30 Verlesen der Kriegsartikel und Vereidigung der Truppe durch den Rgt. Kdt. 1600 Abmarsch nach Weiach 19.00 Abendverpflegung 20.30 – 24.00 Abmarsch der Züge in den, der Kp. I/269 zugewiesenen Grenzabschnitt im Raume Eglisau excl. (Östl. Rand Hardwald inkl. Haus Wäckerling) bis Kaiserstuhl östl. Post. Grabarbeiten bis 04.30 Manche Kommandanten schrieben aber auch mehr und zwischen den Zeilen kann man erahnen, was die Männer damals an der Grenze erlebt haben.
Kaiserstuhl am Rhein.
Seit Jahrhunderten bildet der Rhein eine natürliche Grenze. ETH Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Widerspens­ti­ge Nahrungs­mit­tel und bissige Gäste

Zur Verwertung von Rüstabfällen und Essensresten kaufte sich die erste Kompanie des Battaillon 269 im September 1939 ein Schwein für 107 Franken und 20 Rappen. Bereits am Abend machte «Jda» aber ihren Stall zur Sau und büxte aus in Richtung Wald, wo sie nur mit grösster Mühe wieder eingefangen werden konnte. Ansonsten stellten sich beim Bau der Befestigungsanlagen keine grösseren Probleme, obwohl es oft an Material fehlte und das Vorhandene ab und an Mängel aufwies. Die Tagesabläufe waren in den ersten Wochen des Aktivdienstes fest vorgeschrieben. So meldet das Kompanietagebuch Arbeiten an der Verteidigungslinie zwischen Mitternacht und 4 Uhr 30. Danach ging es zurück ins Quartier, wo es um 6 Uhr Frühstück gab. Anschliessend konnten sich die Soldaten ausruhen und ihre Waffen pflegen. Der Nachmittag verging wieder mit ausruhen und diversen Arbeiten rund ums Quartier. Um 20 Uhr machten sich die Männer wieder ans «Erstellen von Drahthindernissen». Vermehrt wurde nun aber auch bei Tag an den Stellungen gearbeitet. Bei Wind und ewigem Regen wird bei Weiach im Oktober 1939 eine Baracke erstellt. Dabei fangen die Männer einen Siebenschläfer und quartieren das vermeintlich putzige Tierchen im Büro des Kommandanten ein. Etwas später bricht auch dieses Tier aus und es braucht Zeit, bis das bissige Pelzknäuel wieder im Käfig ist.
Ausschnitt aus dem Tagebuch des Grenzfüsilierbataillons 269.
Auch eine Aufgabe an der Grenze: Einfangen von Schwein Jda. Schweizerisches Bundesarchiv

Gefähr­li­che Zugfahrten

Obwohl die Gefahr eines deutschen Angriffs ab 1941 abnahm, blieben die Truppen an der Grenze. Und dort wurde es vor allem wegen der alliierten Luftwaffe gefährlich, die ab 1944 den Luftraum über Deutschland kontrollierte. Die Kampfflugzeuge der Alliierten schossen auf alles, was sich auf der Schiene bewegte. Im September 1944 auch im Rafzerfeld auf einen Güterzug. Sie liessen diesen mit einer komplett zertrümmerten Dampflokomotive und zwei Schwerverletzten zurück. Etwas später wurde ein Personenzug zwischen Zurzach und Bülach angegriffen. Zwei weitere Schwerverletzte waren die Folge. Ein Bombenangriff 1945 auf Rafz war jedoch die schlimmste Attacke. Dabei starben acht Menschen.
Rafz nach einem versehentlichen Bombenangriff der Alliierten im Februar 1945.
Zerstörte Häuser in Rafz im Februar 1945. KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV/ Eugen Suter
Die Grenzwächter blieben glücklicherweise von grösseren Kampfhandlungen verschont. Als am 2. September 1945 der Zweite Weltkrieg vorbei war, kehrten die Männer erleichtert in ihren Alltag zurück. Geblieben sind jedoch Bunker, Panzersperren und Erdwalle, die noch heute an die Kriegsjahre erinnern. Schwein Jda übrigens erlebte die Zeit an der Grenze nur einige Wochen. Anfang November 1939 wurde das Tier zu Wurst und Voressen verarbeitet und landete in den Bäuchen der Grenzwächter.

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