Der Tuileriensturm am 10. August 1792. Im Vordergrund tote Schweizergardisten. Gemalt von Jean Duplessis-Bertaux.
Der Tuileriensturm am 10. August 1792. Im Vordergrund tote Schweizergardisten. Gemalt von Jean Duplessis-Bertaux. Wikimedia

Ein wilder Freiburger

Wie François Nicolas Constantin Blanc (1754–1818) im Streben um gesellschaftliche Anerkennung und politischen Einfluss in den Wirren der Revolutionen in Frankreich und der Schweiz gerne mal die Seiten wechselte.

Pierre Rime

Pierre Rime

Jurist, ehemaliger Notar

Louis d’Affry nennt ihn einen Mann von «wildem Charakter, der sich kaum beherrschen kann». François Nicolas Constantin Blanc selbst beschreibt sich in einem seiner Manuskripte als «unruhiger Geist mit dem Verlangen danach, sein Herz zu erleichtern». Die Wurzeln dieser Unbeständigkeit liegen in Blancs bewegter Jugend. François Nicolas Constantin ist 13 Jahre alt, als sein Vater nach kurzer Krankheit stirbt. Daraufhin verlässt die Mutter das Haus der Familie in Charmey – die Kinder bleiben alleine zurück. Sie stehen völlig mittellos da. Trotz allem stellt Nicolas (im Patois-Dialekt «Colin») seine gesellschaftlichen Ambitionen unter Beweis und erlangt 1773 am Collège Saint-Michel in Freiburg das Anwalts- und Notardiplom. Verbittert ob der Niedertracht seiner Familie emigriert er 1775 nach Paris. Ein Beistand liquidiert seine Wertsachen und sein Konkurs wird verkündet.
Blancs Heimatort Charmey auf einer Ansichtskarte um 1900.
Blancs Heimatort Charmey auf einer Ansichtskarte um 1900. Collection P.A. Chappuis
Ab diesem Zeitpunkt nimmt Colins Leben immer wieder überraschende Wendungen. Er beteiligt sich an Machenschaften, vielleicht, um seinen Konkurs zu kaschieren. Sein Name zeugt davon, denn er variiert je nach Zeitabschnitt und Situation: Blanc, Leblanc, Weiss oder auch Veis. Seine Manuskripte signiert er, vielleicht aus Snobismus, mit all seinen Vornamen, «François Nicolas Constantin», denn das macht sich besser in den Kreisen, in denen er verkehrt. Seine Ambitionen erfüllt er 1789 durch die Heirat einer acht Jahre jüngeren, adeligen Französin, Élise de l’Espine. Sie wird von ihm allerdings nie Kinder bekommen und zeitlebens im Schatten seiner Tätigkeiten stehen. Bei seiner Ankunft in Paris wird Blanc als Wachsoldat im Regiment der Schweizer und Graubündner Garden engagiert und erlangt bald den Dienstgrad eines Korporals. Bei einem Besuch in Charmey beginnt er eine Freundschaft mit dem späteren Senator in der helvetischen Republik Pierre Léon Pettolaz, mit dem er über lange Zeit einen Briefwechsel pflegt. Der Korporal verlässt die Garde und wird Sekretär des Herzogs von Luynes. Diese Funktion passt besser zu seinen Talenten und seiner Ausbildung. Während seiner Militärzeit und danach als Haushofmeister verfasst er mehrere umfangreiche Manuskripte über die Geschichte Freiburgs, die Fremdenlegionen und – anonym – über das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Zwei Mal, 1783 und 1787, bemüht sich Blanc erfolglos um die Aufnahme in die bürgerlichen Kreise der Stadt Freiburg.
Portrait von Nicolas Blanc, gemalt von einem unbekannten Künstler.
Portrait von Nicolas Blanc, gemalt von einem unbekannten Künstler. Sammlung Museum Charmey
Politik ist seine Leidenschaft – für seinen Kanton wünscht er sich eine «Regeneration». Selbstverständlich bringt er sich deshalb auch in die «Geschehnisse Frankreichs» ein. Seine beissende Feder steht im Dienste verschiedener Interessen. Er spioniert den revolutionsfreundlichen Club hélvetique aus. Als Informant lässt er der Regierung von Freiburg ausführliche Berichte zukommen, in denen er aber auch die Notwendigkeit einer Erneuerung betont. Bald findet sich der Anwalt im Rechtsstreit mit zwei Clubmitgliedern wieder: François Rouiller und Jean Joseph Niquille. Dann hat er eine persönliche Fehde mit dem Revolutionär Jean-Paul Marat, der ihn in seiner Zeitung L’Ami du peuple als «Spitzel» denunziert. Blanc widerspricht ihm heftig und setzt sein Wirken als Informant fort. Er schreibt einen mutigen Bericht über den Tuileriensturm vom 10. August 1792 und das zaghafte Verhalten mehrerer Schweizer Offiziere. Er schreibt: «Ich weiss, dass mich ein solcher Bericht in Paris das Leben kosten könnte.» Während der Schreckensherrschaft wird er festgenommen, schafft es aber, entlastet zu werden.
Der ermordete Marat im bekannten Gemälde von Jacques-Louis David (1748-1825).
Der ermordete Marat im bekannten Gemälde von Jacques-Louis David (1748-1825). Google Arts & Culture
Seine letzten Jahre in Frankreich verbringt er als Mitglied der aufständischen «Section de la Fontaine-de-Grenelle».
Schlacht bei der Sensebrücke, 1798.
Schlacht bei der Sensebrücke, 1798. Schweizerisches Nationalmuseum
Anfang Dezember 1797 kehrt Nicolas Blanc in die Schweiz zurück. Vielleicht weiss er über die geplante Invasion Bescheid. Vom Geheimen Rat wird er bedroht und von Frédéric-César de La Harpe, der dem Club helvétique nahesteht, bei den neuen Schweizer «Patrioten» denunziert. Trotz diesem Widerstand wird Blanc in der neuen Helvetischen Republik zum 4. Mitglied der Verwaltungskammer des Kantons Freiburg gewählt. Seine Feinde in Frankreich aber haben ihn nicht vergessen. Sie verschwören sich so geschickt, dass Blanc am 2. März 1799 festgenommen wird mit der Begründung, er sei ein Agent im Dienste der Engländer. Drei Monate später wird er entlastet und kann seine Verwaltungsaktivitäten wieder aufnehmen. Allerdings nicht lange, denn im Januar 1801 wird er von der Helvetischen Regierung abgesetzt. La Harpe hat einmal mehr die Fäden gezogen.
Herrenporträt von Frédéric César La Harpe, um 1870.
Herrenporträt von Frédéric César La Harpe, um 1870. Schweizerisches Nationalmuseum
Blanc nimmt an der von Bonaparte im September 1802 einberufenen Consulta teil und kämpft als führender Kopf der Unitarier erbittert um die Aufrechterhaltung einer geeinten Republik. Doch die Würfel sind gezinkt. Bonaparte hat schnell verstanden, dass der Föderalismus besser zur Schweiz passt. Blanc wird als Mitglied auf Lebenszeit des Grossen Rats gewählt, eines der Organe, die aus der Mediationsakte hervorgingen. In diesem geschlossenen Kreis kämpfen die Ex-Patrioten für ihre politischen Prinzipien. Ende 1811 wird Blanc in die Regierung gewählt, wo er nach dem Tod eines anderen Freundes, des «Freiburger Robespierre» Rodolphe Gapany, das Militär- und Polizeidepartement übernimmt. Dort bleibt er bis zum Fall Napoleon Bonapartes 1814. Damit gelangt das Patriziat erneut an die Macht. Blanc unterliegt bei den Wahlen des Grossen Rates.
Karte der Helvetischen Republik (1798-1802)
Karte der Helvetischen Republik (1798-1802). Schweizerisches Nationalmuseum
Er tut sich mit François Duc und Konsorten zusammen und plädiert bei den europäischen Mächten gegen die Restauration des Patriziats. Doch der Anwalt wird willkürlich festgenommen, später freigelassen und im Februar 1816 amnestiert. Zum Ende seines Lebens ist er wieder als Anwalt und Notar tätig; zusätzlich verdient er sich etwas im Waisenamt dazu. Er stirbt am 15. Februar 1818 und wird auf dem Friedhof des Hôpital des Bourgeois in Freiburg beerdigt – ein Akt mit grossem symbolischen Wert, hat er doch im Ancien Régime so sehr das privilegierte Dasein des Bürgertums im Stadtstaat angestrebt.

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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