Oberst Jean-Louis Aubert zu Pferd in Ordonnanzuniform 1861.
Oberst Jean-Louis Aubert zu Pferd in Ordonnanzuniform 1861. Schweizerisches Nationalmuseum

Oberst Aubert

Wie Jean-Louis Aubert (1813-1888) in der Schweizer Armee Karriere und sich als militärischer Bauleiter der Alpenpässe unsterblich machte.

Claude Bonard

Claude Bonard

Ehemaliger Fachoffizier im Historischen Dienst der Schweizer Armee. Ehemaliger Generalsekretär der Genfer Staatskanzlei.

Tag für Tag befahren unzählige eilige Automobilisten die Avenue Louis-Aubert im Genfer Champel-Quartier. Unbeachtet bleibt dabei eine Tafel, die an den Namen dieser Persönlichkeit erinnert. Und die gleichen Autofahrerinnen und Autofahrer, die im Sommer und Winter die grossen Alpenpässe überqueren, ahnen schon gar nicht, dass sie einige dieser Bauwerke derselben Persönlichkeit zu verdanken haben. Jean-Louis Aubert wird am 15. Oktober 1813 in Turin in eine wohlhabende Familie geboren. Sein Grossvater Jacques-Louis Aubert-Colladon hatte um 1748 in der Hauptstadt des Königreichs Sardinien eine Bank gegründet. Als der junge Jean-Louis 1825 nach Genf kommt, besucht er an der Akademie Vorlesungen der Literatur. Von 1833 bis 1835 studiert er in Paris an der École Polytechnique. In der damaligen Aufbruchstimmung beteiligt sich Jean-Louis 1834 an einer Aufstandsbewegung gegen den Oberst, der seine Abteilung leitet. Eine noch nie gesehene Dreistigkeit! Zusammen mit seinen Kommilitonen wird er hinausgeworfen, schliesslich dank einem Schreiben von Marschall Mortier, Herzog von Treviso und Kriegsminister (einer der ersten von Napoleon 1804 ernannten Marschälle), aber wieder zugelassen.
Karikatur von Oberst Jean-Louis Aubert, um 1850.
Karikatur von Oberst Jean-Louis Aubert, um 1850. Schweizerisches Nationalmuseum
Mit dem Diplom in der Tasche kehrt Jean-Louis Aubert nach Genf zurück und erlangt dort 1837 die Doktorwürde in Mathematik. Er pflegt regelmässigen Kontakt zu Kreisen, denen die einflussreichsten Mitglieder der gemässigten liberalen Oppositionspartei angehören. Hier lernt er auch seine zukünftige Frau Louise Adamine Duval kennen. In Genf wird der junge Polytechniker schon bald zum Genieoffizier der kantonalen Miliz ernannt, worauf er in die Militärschule Thun eintritt und dort jahrelang als Instruktor wirkt (1839–1847). Der zukünftige General Dufour lässt ihn vom Bund zum Stabsoffizier der Genietruppen ernennen. Für Aubert ist dies der Beginn einer militärischen Karriere, die bis zum begehrten Rang eines eidgenössischen Obersten führt. Ein unvorhergesehenes Ereignis verpasst seinen Aspirationen jedoch einen Dämpfer: die Revolution der Radikalen vom Oktober 1846 in Genf. Damals steht Aubert als Hauptmann abwechselnd in Diensten des Bundes und der Genfer Milizen. Im Laufe der Ereignisse beteiligt sich Aubert am 7. Oktober am unglücklichen Angriff der Genfer Regierungstruppen auf die Aufständischen von Saint-Gervais – mit einem für ihn kläglichen Ausgang.
Die Regierungstruppen ziehen sich bei der Place Bel-Air am 7. Oktober 1846 zurück. Lithografie eines unbekannten Künstlers.
Die Regierungstruppen ziehen sich bei der Place Bel-Air am 7. Oktober 1846 zurück. Lithografie eines unbekannten Künstlers. Schweizerisches Nationalmuseum
Als die Radikalen die Macht ergreifen, beschliesst er seinen Rücktritt. 1854 wird er wieder in den eidgenössischen Generalstab aufgenommen und kehrt zu seiner geliebten Militärschule in Thun zurück. Damit beginnt für ihn sein «goldenes Zeitalter». Von 1858 bis 1865 ist er Inspektor der Genietruppen und der Bundesrat erteilt ihm den Auftrag, den Bau von Passstrassen im Herzen der Alpen zu planen.

Er war ein rechtschaf­fe­ner, mutiger und guter Mensch, wahrhaft anständig und verdienstvoll.

Henri d’Orléans Herzog von Aumale, der 1862 Jean-Louis Aubert die Ausbildung seines erstgeborenen Sohnes Louis anvertraute.
Artilleriesoldaten mit Geschützwagen an Bergpass, 1842.
Artilleriesoldaten mit Geschützwagen an Bergpass, 1842. Bibliothek am Guisanplatz
So wird Jean-Louis Aubert die Bauleitung der ursprünglich militärischen Projekte Axenstrasse, Furka- und Oberalppass übertragen. Dank dieser technischen Meisterleistung entstehen in den Alpen Infrastrukturen, auf die man in der Schweiz noch heute stolz ist. Aubert ist sich der strategischen Bedeutung der Alpenstrassen aus militärischer Sicht bewusst und leitet 1861 die ersten Alpenmanöver der Schweizer Militärgeschichte. Bei der Grenzbesetzung 1870/71 kommandiert er die 3. Division. 1875 wird er zum Divisionär befördert und übernimmt die Leitung der 1. Division. Am 31. Dezember 1876 schliesslich beendet er seine militärische Karriere. Mit unermüdlicher Energie ist Aubert gleichzeitig zivil und militärisch tätig. Als leidenschaftlicher Befürworter der Eisenbahn wird er 1852 Verwaltungsrat und 1856 Direktor der Compagnie ferroviaire de l’Ouest-Suisse (1856–1872), die 1855 die Strecke Morges–Lausanne–Yverdon baut. Schliesslich ist Aubert Mitbegründer der Genevoise Assurances und von 1880 bis 1888 ihr Präsident.
Karte der Schweizer Eisenbahn-Alpenpässe
Karte der Schweizer Eisenbahn-Alpenpässe. Aus der Publikation «Ein Wort zum Durchgang der Alpen anlässlich der Frage der Übernahme der Eisenbahnen durch den Bund» von Louis Aubert, 1863. ETH-Bibliothek Zürich

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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