Porträt von Carl Ludwig von Haller, um 1840.
Porträt von Carl Ludwig von Haller, um 1840. Schweizerisches Nationalmuseum

Der Albtraum der Revolu­tio­nä­re und Liberalen

Wie Carl Ludwig von Haller (1768–1854) in Revolution und Aufklärung die Wurzel allen Übels sieht und zum Vordenker der Ultrakonservativen wird.

Jean-Jacques Langendorf

Jean-Jacques Langendorf

Studienleiter des Institut de stratégie comparée in Paris.

Am Vormittag des 18. Oktober 1817 ziehen 500 Studenten verschiedener deutscher Universitäten auf die Wartburg bei Eisenach in Thüringen, die Hochburg des Lutheranismus, um dort den vier Jahre zuvor in der Völkerschlacht bei Leipzig errungenen Sieg über Napoleon zu feiern. Sie wollen gegen Resultate des Wiener Kongresses demonstrieren und ihrer Hoffnung auf ein vereintes, republikanisches Deutschland Ausdruck verleihen. Nach flammenden Reden und  einer Zecherei werden auf einem Scheiterhaufen als freiheitsfeindlich geltende Bücher verbrannt, darunter auch Restauration der Staats-Wissenschaft aus der Feder des Berners Carl Ludwig von Haller. Szenen- und Ortswechsel: Nach ihrem Wahlsieg 1856 in Solothurn ordnen die Radikal-Liberalen an, das Grab von Hallers auf dem Friedhof St. Katharinen zu zerstören. Vae victis – Wehe den Besiegten! Warum erregt dieser Mann in den sogenannten fortschrittlichen und aufklärerischen Kreisen solchen Hass?
Porträt von Carl Ludwig von Haller, um 1860.
Porträt von Carl Ludwig von Haller, um 1860. Schweizerisches Nationalmuseum
Haller wird am 1. August 1768 in Bern als Enkel des berühmten Gelehrten Albrecht von Haller und Nachkomme einer alten Patrizierfamilie geboren. Sein Vater ist unter anderem Landvogt von Nyon. Nach dem Tod des Vaters muss Haller sein Studium, das übrigens sehr lückenhaft ist, aufgeben und in den Staatsdienst eintreten. Dort gelingt ihm ein schneller Aufstieg: Ab 1792 ist er als diplomatischer Gesandter in Genf, Ulm und Norditalien tätig, wo er Bonaparte trifft, 1797 ist er in Paris, wo er mit Talleyrand und Madame de Staël verkehrt. In Rastatt sucht er die Unterstützung Preussens und Österreichs gegen Frankreich. Seine 1798 gegründete Zeitung wird schon bald darauf verboten, da sie sich gegen die Helvetische Republik richtet. Haller muss ins Exil nach Deutschland fliehen. Er veröffentlicht zahlreiche Pamphlete und arbeitet für den österreichischen Hofkriegsrat. Im Jahr 1806 wird er zurück nach Bern bestellt, nachdem sich die Situation in der Schweiz durch die Mediationsakte normalisiert hat. Hier unterrichtet er Staatswissenschaft. Den ersten Band seiner Restauration der Staats-Wissenschaft (bis 1834 werden es sechs Bände auf 3000 Seiten) veröffentlicht der zweisprachige Haller 1816 auf Französisch und Deutsch. Seine Leserschaft spaltet sich sofort in erbitterte Gegner und begeisterte Anhänger. Das Werk entwickelt sich zu einer Bibel für Ultrakonservative, ist aber auch unter deutschen Romantikern beliebt. Es wird den Preussenkönig Friedrich Wilhelm IV., das Umfeld von Metternich in Österreich sowie die Romantiker Vicomte de Bonald in Frankreich und Silvio Pellico in Italien beeinflussen.
«Geist unserer Zeit» von David Hess aus dem Jahr 1831
Die Karikatur «Geist unserer Zeit» von David Hess aus dem Jahr 1831 zeigt die den liberalen Geist als Teufel, der die konservativen Werte mit seinen (Bocks)füssen tritt. Zentralbibliothek Zürich
Haller zufolge führen Revolution und Aufklärung, die er dem Wesen nach für satanisch hält, einen permanenten Krieg: gegen Gott, gegen die Autorität des Papstes oder der Fürsten, gegen diejenigen, die sich den Verordnungen des Liberalismus nicht beugen wollen... Im Gegensatz zu Rousseaus Auffassung bedeutet der Naturzustand für Haller Ungleichheit zwischen dem Starken und dem Schwachen, folglich Abhängigkeit des Letzteren, während der Starke Verantwortung trägt. Für Haller gibt es drei Herrschaftsformen: die patriarchalische mit dem Vater als Familienoberhaupt, der wie der Fürst ein patrimonialer «Fürst» ist, denn er muss genügend Land besitzen, die militärische mit der Autorität des obersten Kriegsherrn über seine Männer und schliesslich die religiöse, in der Glaube und die richtige Theologie regieren. In einer häufig apokalyptischen inspirierten Sicht schildert Haller das vermeintlich zerstörerische Werk des Liberalismus, mit warnenden Akzenten, die oft die Amtswechsel und Sinneswandel seiner Zeit widerspiegeln.
Restauration der Staats-Wissenschaft, 1816.
Restauration der Staats-Wissenschaft, 1816. Zentralbibliothek Zürich
Titelseite der Schrift, in der Haller seine Konversion zum Katholizismus erklärt, 1821.
Titelseite der Schrift, in der Haller seine Konversion zum Katholizismus erklärt, 1821. Schweizerische Nationalbibliothek
1821 gibt er in einem Brief an seine Familie seine Konversion zum Katholizismus bekannt und löst damit eine europäische Debatte aus. In Bern verliert er sämtliche Ämter. Er zieht nach Paris, wo er für das Aussenministerium als «Schweizexperte» arbeitet und unzählige Schriften veröffentlicht. Nach der Revolution von 1830 verlässt er Frankreich und lässt sich in Solothurn nieder. Seine Geschichte der kirchlichen Revolution (1836), in der er darlegt, dass die Wurzeln der Revolution in der Reformation liegen, ist zwar ein grosser Erfolg, doch der Sieg der Radikalen über den Sonderbund im Jahr 1847 versetzt ihm den moralischen Todesstoss. Dennoch verkörpert Haller neben dem Spanier Donoso Cortés, dem Preussen Radowitz, dem Sardinier de Maistre und dem Franzosen de Bonald einen der wichtigen Momente im Kampf gegen das sogenannte fortschrittliche Denken.

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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