Mann gegen Mann am Schwingfest Olten, 1992.
Mann gegen Mann am Schwingfest Olten, 1992. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Ländli­cher Sport oder städti­scher Kommerz?

Schwingen verbinden wir gedanklich mit kräftigen Hirten, die sich in idyllischer Berglandschaft einen sauberen Kampf liefern. Doch so einfach ist die Sache nicht. Für die Verbreitung des Sports waren die Städter wichtiger als man meint.

Michael Jucker

Michael Jucker

Michael Jucker ist Sporthistoriker, Leiter von Swiss Sports History und Co-Leiter des FCZ-Museums.

Wenn Schwingen heute in seiner zeittypischen Verbindung von Professionalismus, Kommerzialisierung und Swissness ausgeübt wird, erreicht diese Sportart Zuschauermassen von ungeahntem Ausmass. Sehr beliebt ist das Schwingen mittlerweile bei der jungen urbanen Bevölkerung. Die Medien berichten ausführlich über die Schwingfeste und Homestories mit den Schwingerkönigen bringen Bodenständigkeit in die städtischen Stuben. Die Werbemöglichkeiten im Umfeld sind mittlerweile ein hochkomplexes Geschäft. Sponsoring bedeutet nicht mehr nur, dass lokale Geldgeber einen Muni, Naturalgaben oder einige 100 Franken spenden, sondern dass milliardenschwere Konzerne und Banken die Mega-Events unterstützen und mitgestalten. Schwingen repräsentiert gleichzeitig immer noch Ursprünglichkeit, Ländlichkeit und alpine Kultur. Wie kommt es, dass der Schwingsport für ländliche Nostalgie steht und gleichzeitig ein von Städtern konsumiertes Produkt ist? Die These, dass Schwingen als Konsumprodukt immer wieder von den Städten vereinnahmt worden war, soll hier mit einem Blick in die Vergangenheit verfolgt werden.
Schwingkampf in der Stadt Neuenburg, Ende 19. Jahrhundert.
Schwingkampf in der Stadt Neuenburg, Ende 19. Jahrhundert. Schweizerisches Nationalmuseum
Die Ursprünge des Schwingens liegen vermutlich im ländlichen Mittelalter. Inwiefern es sich dabei um eine spezifische Entwicklung aus dem damals ebenfalls üblichen Ringkampf handelt, ist in der Forschung umstritten. Erste bildliche Quellen stammen hingegen aus der Stadt. Beispielsweise eine Schnitzerei aus dem 13. Jahrhundert, die sich in der Kathedrale in Lausanne befindet, jedoch genauso gut Ringer beim Wettkampf zeigen könnte. Auch weitere Bildquellen stammen aus städtischem Umfeld. Erste Erwähnungen von Wettkämpfen in amtlichen Quellen finden sich dann für das 15. Jahrhundert. Zahlreicher sind dann die schriftlichen Quellen im 16. Jahrhundert, dies hängt auch mit dem Aufkommen von Sittenmandaten und vermehrten Sanktionen gegen das Ausüben von Schwingwettbewerben zusammen. Auf den innerschweizerischen Alpen gab es seit dem ausgehenden Mittelalter Hirtenfeste und Wettkämpfe, an denen wohl auch geschwungen wurde. Bemerkenswert ist jedoch, dass auch in den mittelalterlichen Städten solche Wettbewerbe stattfanden. So soll 1385 der Stadtwerkmeister von Luzern den Auftrag erhalten haben, einen Festplatz für ein grosses Ring- und Schwingfest herzurichten, worauf dieser eine Wiese am Fusse des Gütsch mit Sägemehl und Gerberlohe habe bestreuen lassen.
Schwingfest in Zürich, Druckgrafik aus dem 18. Jahrhundert.
Schwingfest in Zürich, Druckgrafik aus dem 18. Jahrhundert. e-rara
Häufig fanden Wettkämpfe zudem an Kirchweihfesten und so genannten Alpfesten, Kilbenen, Stubeten oder Alpeten statt. Dabei kam es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Insbesondere den kirchlichen Würdenträgern – sowohl protestantischen wie katholischen – waren die sportlichen Vergnügungen ein Dorn im Auge, denn sie hielten aus ihrer Sicht die jungen Männer davon ab, die Kirchen regelmässig zu besuchen. Ab dem 16. Jahrhundert wurden das Schwingen und das Ringen vermehrt in städtischen Sittenmandaten reguliert oder gänzlich verboten. Da der Einfluss des Klerus auf die Politik damals wesentlich grösser war als heute, war die Verbindung zwischen sittlichen Vorstellungen und politischen Massnahmen in der Vormoderne eng – insbesondere, wenn man die göttliche Ordnung durch aufmüpfige Bauern gefährdet sah. In den zeitgenössischen Diskursen scheint immer wieder die Angst vor einer Zusammenrottung bei grösserem Besucheraufmarsch durch.

Hinwen­dung zur Natur hilft dem Schwingen

Die Verbote der städtischen Obrigkeiten brachten das Schwingen zwar nicht zum Verschwinden, doch konnte dieses im 18. Jahrhundert nur unter massiven Einschränkungen ausgeübt werden. Das sollte sich im 19. Jahrhundert ändern. Mit dem neuen Interesse der städtischen Bürger an der Landschaft, dem aufblühenden Tourismus und der Hinwendung zur alpinen Natur kam es zu einem Aufschwung der alpinen Sportkultur. Die Aufmerksamkeit, welche die Eliten in den Städten den Alpen entgegenbrachten, manifestierte sich nicht nur in Telldenkmälern, pseudoalpinen Chalets und der Erfindung des «homo alpinus», sondern auch in einer Zuwendung zum alpinen Brauchtum. Damit wurden die alpinen Wettkämpfe durch die städtische Elite gewissermassen neu erfunden.
Schwingen im Berner Oberland. Druckgrafik von Johann Hürlimann, 19. Jahrhundert.
Schwingen und Natur gehören im 19. Jahrhundert immer mehr zusammen. Druckgrafik von Johann Hürlimann. Schweizerisches Nationalmuseum
Gleichzeitig wurde lokales Brauchtum zu nationalem gemacht. Es waren gelehrte Städter um 1805 und in den folgenden Jahrzehnten, welche die lokalen bäuerlichen Sportarten in die Stadt holten und sie dort neu als eidgenössische Nationalspiele propagierten. Traditionen wurden damit erst eigentlich neu geschaffen, dem Publikum präsentiert und mit hohem Organisationsgrad versehen. Das erste Unspunnenfest von 1805, an dem Schwingen und Steinstossen, vor allem aber auch das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl und das Trachtenwesen gepflegt werden sollte, wurde durch den Berner Schultheissen von Mülinen und weitere Berner Burger initiiert. Auch das erste Eidgenössische Schwinger- und Älplerfest wurde in der Stadt aus der Taufe gehoben: Unter der Ägide von Professor Erwin Zschokke, Pfarrerssohn und Tiermediziner, fand dieses 1889 im industriell geprägten Zürich statt. Auch da wurde der Sport mit Brauchtum wie  Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen garniert.
Das Unspunnenfest von 1805 in einer Druckgrafik von Niklaus König.
Das Unspunnenfest von 1805 in einer Druckgrafik von Niklaus König. Schweizerisches Nationalmuseum
Porträt von Erwin Zschokke, um 1914.
Porträt von Erwin Zschokke, um 1914. Wikimedia
Es war denn auch der Anlass in Zürich, der für die Gründung des eidgenössischen Schwingerverbandes im Jahre 1895 sorgte. Entscheidend für den Erfolg und die Wiedergeburt des Schwingens im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Schulterschluss mit dem ebenfalls städtischen Turnen. Beide Sportarten sollten zur Ertüchtigung der Nation dienen. Fremde Einflüsse erschienen als Ärgernis. Man müsse den Schwingsport «rein» halten und das Schwingen in den Dienst der Nation stellen, meinte der Verbandsgründer Erwin Zschokke: «Ein Volk, das seine Eigenart nicht ehrt, büsst seine Nationalität ein». Auch die Erstausgabe der Schwingerzeitung machte deutlich, dass es um Reinheit der Tradition ging: Offensichtlich gab es «spekulatives Wirtshausschwingen», also Wetten, die auf Schwingkämpfe in Wirtshäusern gesetzt wurden, die «bekämpft» werden sollten. Der Leitartikel der Erstausgabe vom 18. August 1907 richtete sich eindeutig gegen moderne Sportarten. Besonders das Radfahren war den Schwingern ein Dorn im Auge: «Unser Volk hat von jeher nationale Spiele, wie das Schwingen und Hurnussen [sic!] geliebt und geübt», und auch von «heimischem Boden» und «kräftigem Erdgeruch» ist die Rede. Das vermeintlich uralte, traditionelle Schwingen wird gegen den «importierten Sport von nicht immer unzweifelhaftem Wert» in Schutz genommen und gegen «bucklige Jammergestalten auf dem Velo» ausgespielt.
Zwei Velofahrer, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Für die Schwingerzeitung waren Fahrradfahrer «bucklige Jammergestalten auf dem Velo». Schweizerisches Nationalmuseum
Selbst in der ländlich geprägten Innerschweiz lässt sich beobachten, dass das städtische Bürgertum das ländliche Brauchtum in die Stadt holt und dort zu einem Konsumgut mit Tradition macht. So fand das erste kantonale Luzerner Schwing- und Älplerfest 1893 nicht etwa auf einer Alp statt, sondern mitten in Luzern. Es ist kein Zufall, dass das Schwingfest vor dem Grand-Hotel Europe durchgeführt wurde. Es galt, das Schwingfest bei den Touristen beliebt zu machen. Organisiert wurde es von findigen Personen aus dem Turnverein Luzern mit Hilfe der Verkehrskommission Luzern, Vierwaldstättersee und Umgebung. Wieder aufgegriffen wurde damit die Idee des ersten Unspunnenfests von 1805, dem angereisten Adel die heile Bergwelt näher zu bringen. Doch diesmal ging es um Geld und Tourismus. War das Schwingen den städtischen Obrigkeiten in der Vormoderne ein Dorn im Auge, so eigneten sich die Städter im 19. Jahrhundert den Sport an und machten ihn konsumfähig. Geprägt von Angstdiskursen vor fremden Einflüssen romantisierten sie die ländliche Idylle und die bäuerliche Lebenswelt: Das Schwingen wurde durch sie zu einem Hort von Natürlichkeit und langer Tradition gemacht und gleichzeitig als vermarktetes Konsumgut attraktiv gestaltet. Eine Verbindung, die bis heute anhält. Im Schwingsport steckt somit mehr Stadt als man denkt.
Rückblick auf das Eidgenössische in Zug, 2019. YouTube / SRF

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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