Die Gordon-Schwestern bei einem Showkampf, 1910. Der Film von Thomas Edison ist einer der ersten, der boxende Frauen zeigt. Library of Congress

Frauen­bo­xen in der Schweiz: Ein Kampf um Gleichberechtigung

Um 1880 griffen einzelne Frauen in der Schweiz erstmals nach den Boxhandschuhen. Zunächst als zirkushafte Shows abgetan, kämpften Frauen bis in die 1990er-Jahre dafür, den Sport auch wettkampfmässig betreiben zu dürfen.

Michael Jucker

Michael Jucker

Michael Jucker ist Sporthistoriker, Leiter von Swiss Sports History und Co-Leiter des FCZ-Museums.

Weltweit sind unterschiedlichste Kulturen anzutreffen, in denen der Faustkampf als Sport, Kunst oder Selbstverteidigung ausgeübt wird. Die wohl bekannteste und weitverbreitetste Art des Faustkampfes ist das moderne Boxen, das seine Ursprünge in England hat und dort erstmals mit bis heute allgemein gültigen Regeln durchgeführt wurde. Zwar gilt das Boxen nach wie vor als Männerdomäne, es ist männlich geprägt, brachial und kann je nach Perspektive als brutal betrachtet werden. Doch historisch gesehen, tat sich auch das weibliche Geschlecht beim Boxen hervor. Seit der Antike ist der Faustkampf auch unter Frauen verbreitet. Allerdings ist er noch wenig untersucht und erforscht. Wie die Teilhabe am Boxen in der Schweiz von Frauen im wahrsten Sinne erkämpft wurde, soll hier dargelegt werden.
Erste konkrete Hinweise auf boxende Frauen in der Schweiz datieren um das Jahr 1880. Der Lausanner Gymnastik- und Fechtlehrer Louis Brun und sein Schwiegervater C. Reynold boten in grandes salles Boxtrainings an. Es handelte sich dabei aber kaum um Trainings für wettkampfmässiges Boxen, sondern für artistische Boxdarbietungen mit Anlehnungen bei der Gymnastik, beim Fechten und Selbstverteidigungstechniken. Den damals vorherrschenden «natürlichen» und pseudowissenschaftlich abgestützten Geschlechterbildern entsprechend, sollten Frauen mit Hilfe der «sanften» Gymnastik für ihre körperliche Gesundheit vorsorgen (womit primär die Gebärfähigkeit im Dienste der Nation gemeint war) und zu «anmutigen und eleganten Frauen» erzogen werden. Auch Männer sollten nach dieser biologistischen Logik Sport für ihre Gesundheit treiben, um «wertvolle Gene» weitervererben zu können. Die gesundheitliche Vorsorge wurde bei den Männern mit Kraft und Kampf konnotiert und das «Überleben des Volkes» als Bürger und Soldat sichern sollten. Dementsprechend erhielten Kampfsportarten wie das Boxen das Prädikat «männlich», boxende Frauen hingegen hätten ihre «Schönheit» aufs Spiel gesetzt.
Bescheinigung für einen Kurs im Januar 1905 bei Louis Brun.
Bescheinigung für einen Kurs im Januar 1905 bei Louis Brun. Archives cantonales vaudoises
Miss Sanderson war die Ehefrau von Pierre Vigny, der seit den 1890ern eine Kampfsportschule in Genf führte.
Miss Sanderson war die Ehefrau von Pierre Vigny, der seit den 1890ern eine Kampfsportschule in Genf führte. Bei einem Werbeauftritt von Vignys Schule 1908 zum Thema Selbstverteidigung wurde sie als «Boxchampion» bezeichnet, sie gehörte also wohl zu den ersten, wenigen Boxerinnen in der Schweiz. The Bartitstu Society
Bis 1910 entstanden in der Romandie weitere Boxakademien für weibliches Publikum. Sie stellten aber eine Randerscheinung innerhalb der Schweizerischen Turn- und Sportwelt dar. Die ersten Boxerinnen waren deshalb oft die Ehefrauen oder Töchter der Boxtrainer. Danach konzentrierten sich die Akademien auffälligerweise auf Gymnastik und Tanz. Das erst gerade im Entstehen begriffene spezifische Frauenboxen verschwand schleichend. Warum dies so war, lässt sich nicht eindeutig feststellen, es lassen sich jedoch parallele Entwicklungen heranziehen, die darauf hinweisen könnten, weshalb boxende Frauen verdrängt wurden.
So trug die Gründung des Schweizerischen Boxverbands (SBV) im Jahre 1913 massgeblich dazu dabei, was in der Schweiz unter Boxen verstanden werden sollte: Ein nach englischem Vorbild geregelter Kampfsport ausschliesslich für Männer. Der SBV orientierte sich nebst den oben erwähnten gängigen Geschlechtervorstellungen an nationalen und internationalen Entwicklungen. Die internationale Komponente lieferte das Internationale Olympische Komitee (IOC), das ebenfalls nur das Männerboxen in sein Programm aufnahm, während die Impulse auf nationaler Ebene von staatlichen Institutionen ausgingen; Armee und Polizei nahmen das Boxen in ihr Ausbildungsprogramm auf. Alle diese Entwicklungen zusammen begünstigten und verstärkten die männliche Konnotation des Boxens, eine Propagierung des Frauenboxens wäre wohl gesellschaftlich wie auch wirtschaftlich mit negativen Konsequenzen verbunden gewesen.
Auch in den USA war Frauenboxen zu Beginn vor allem Show. Wie die Gordon-Schwestern, kämpften auch die Bennett-Sisters im Rahmen von Zirkusshows zur Belustigung des Publikums.
Auch in den USA war Frauenboxen zu Beginn vor allem Show. Wie die Gordon-Schwestern, kämpften auch die Bennett-Sisters im Rahmen von Zirkusshows zur Belustigung des Publikums. Library of Congress

Frauen­bo­xen als Belustigung

Fortan tauchten Frauen in Zusammenhang mit Boxen nur im aussersportlichen Bereich auf: Als Metaphern für Mannsweiber, als emotional gerührte Zuschauerinnen, welche die Härte des männlichen Kampfes beklagten und insbesondere als wichtiger Bestandteil von Zirkussen und Varietés, wo regelrechte Boxshows durchgeführt wurden. Eine Prise Erotik und das Burleske sollte mehrheitlich männliche Zuschauer anlocken. Das Showartige diente vor allem der Belustigung, womit die gängigen Geschlechterrollen noch weiter zementiert wurden. Verstärkt wurde dies durch die Idee, das Frauenboxen wie in Stockholm ab 1950 als Teil von Schönheitswettbewerben durchzuführen. Später wurde auch Nacktboxen eingeführt, nicht etwa um antiken Idealen nachstreben, vielmehr ging es – wie so häufig im Boxen – um neue Geldquellen. Der kollektive Aufschrei war zwar gross, verflachte jedoch bald wieder.
Eine englische Tanzgruppe beim Boxunterricht, 1929.
Eine englische Tanzgruppe beim Boxunterricht, 1929. Keystone/Imagno

Kampf für Gleichberechtigung

Hinzu kamen offizielle Verbote, die es Frauen erschwerten, den Faustkampf auszuüben. Das wettkampfmässige Frauenboxen wurde vom SBV bis in die 1990er-Jahre nicht erlaubt, obwohl es nach der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 und dem Sportförderungsartikel in der Bundesverfassung 1972 im sportlichen Bereich langsam in Fahrt kam. Die (mehrheitlich männlichen) Bedenken, dass diese Sportart für Frauen als Wettkampf ungeeignet und zu brutal sei, blieben erstaunlich lange bestehen. Gleichwohl wuchs die Erkenntnis, wie in anderen Sportarten auch, dass das Boxen der Kondition, der allgemeinen Fitness oder der Selbstverteidigung dienlich sei. Der Boxclub Basel führte als erster 1992 Boxtrainings und Fitnessboxen für Frauen ein.
Bericht über den ersten Kampf zwischen zwei Frauen an den Amateurboxmeisterschaften, 1996. SRF
1996 kann als Wendepunkt betrachtet werden. Mit Christina Nigg, der aktuellen und ersten Chefin Leistungssport von Swiss Boxing (ehemals SBV), stand eine gewillte Amateurkämpferin auf den Brettern. Aufgrund internationaler Bestimmungen musste ihr der Boxverband trotz Bedenken eine Amateurlizenz ausstellen. Niggs Ziel war es, auch eine Profi-Lizenz zu erhalten, womit sie beim SBV wiederum auf Granit biss. Zunächst wich sie aus ins Ausland, beschaffte sich Lizenzen in Deutschland und in den USA. 1999, nach langem Kampf gegen Vorurteile und für die Sache der boxenden Frauen, erhielt Nigg als erste Frau in der Schweiz eine Profi-Lizenz. Dies erst nachdem sie bereits 1998 Weltmeisterin wurde. Noch immer macht sich Nigg für die Gleichberechtigung im Boxen stark, nicht mehr mit Fäusten, sondern weiteren guten Argumenten gegen Scheinargumente, dass das Boxen beispielsweise Brustkrebs oder andere medizinische Risiken auslösen würde.
Interview mit Christina Nigg im Schweiz Aktuell vom November 1997. SRF
Das Image boxender Frauen in der Schweiz hat sich also in relativ kurzer Zeit gewandelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte es sich fast etabliert, vor allem in der Genferseeregion; doch diese Entwicklung wurde gestoppt. Der Wandel vom clandestinen, zirkushaften oder erotisch angehauchten Showkampf, hin zu einer sportlichen Disziplin, die anerkannt und nicht mehr verpönt ist, war beschwerlich und vor allem Einzelkämpferinnen wie Christina Nigg oder Anyia Seki zu verdanken. Wie vieles in der Schweiz dauerte dieser Prozess vergleichsweise länger als anderswo und er ist bezüglich Werbeeinnahmen, Trainingsmöglichkeiten und Gender-Pay-Gap noch längst nicht abgeschlossen.

Swiss Sports History

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Dieser Blogbeitrag basiert teilweise auf den ersten Forschungsresultaten der Masterarbeit von Sven Gautschi. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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